Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.


Hakan schreibt in seinem Kommentar zu einem meiner Artikel folgendes:

Hayrettin Karaman ist für z. B. ein reformorientierter orthodoxer Moslem, aber kein Reformer, oder gar Modernist. Er steht auf dem Boden des klassischen fiqh, aber lehnt zahlreiche Todesstrafen, über die im klassischen fiqh Konsens herrscht, wiederum mit Argumenten im Rahmen des klassischen fiqh ab (Steinigung, Todesstrafe für Apostaten). Während er für die einen nach wie vor ein Gelehrter des klassischen sunnitischen Islams ist, wird er von anderen geradezu des Modernismus bezichtigt.

Es gibt eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den Begriffen „Reform“, „Reformislam“, „Reformorientiert“, „Reformer“.  Der jeweilige Sprechort und Intention spielt eine große Rolle. Sie werden häufig affirmativ benutzt oder auch im pejorativen Sinn. Es kommt natürlich vor, das diese Labels auch als Selbstbezeichnung dienen. Eine gewisse Beliebigkeit ist nicht zu übersehen in der Verwendung. Besagter Gelehrte in dem Kommentar hat nun wirklich keinen leichten Stand im Angesicht zahlreicher Erwartungen. Wie Hakan schreibt, ist er für einige ein Modernist (was gerne als Schimpfwort benutzt wird) für andere ein orthodoxer engstirniger Gelehrter. Wie und warum interessiert mich in diesem Kontext auch nicht, weil es nicht darum geht. Es geht darum, das jemand stigmatisiert wird. Dabei spielt die „eigentliche“ Bedeutung keine Rolle. Ein weiteres Manko dabei ist das Theologisieren gewisser Sachverhalte im inner-islamischen Diskurs, der eine Immunisierung bezweckt in dem Meinungen und Tendenzen in die Aura unhinterfragbarer Quellen wie dem Koran oder der Autorität des Propheten bringt. Ihnen werden höhere Weihen verliehen.

Es kommt sehr oft darauf an, wie jemand „Islam“ versteht. Ob normativ oder analystisch-phänomenologisch entscheidet über die Reaktion darauf, wenn Eigenschaften dem Wort „Islam“ angehängt werden. Der epistemische Wert solcher Begriffe (und Aussagen) gilt als selbstevident und jegliche Hinterfragung wird im Diskurs nicht als ein weiterer legitimer zu diskutierender Standpunkt sondern als Infragestellen der „Wahrheit“ verstanden. Ja ein Skandal, das sowas überhaupt artikuliert wird.

Wie können wir analytische Schärfe in die Betrachtungen reinbringen ohne das emotionalisierter Gemüter über die Vernunft triumphieren? Ohne das wir unsere Meinungen oder der Altforderen immunisieren? Das alles hinterfragbar ist? Wie können wir Genese und Geltung wieder in Erinnerung rufen? Wir Muslime sind leider Opfer einer Sprachmagie geworden, deren vordergründige Gewissheit in der Regel vorgetäuscht wird aber doch nur unsere Unsicherheit verschleiert und einen sehr tief sitzenden Minderwertigkeitskomplex mit sich führt.

Die Vorwurf der Häresie, des Abfalls und der Provokation sollten eigentlich als Kompliment verstanden werden, als Reinigungsprozess, der den Balast beseitigt. Nur der Schmerz am Anfang und die Krise der angeblichen Sicherheit öffnen uns den Blick in die manchmal auch ernüchternde Welt. Nur wenn wir vom versklavenden Glauben der Unfreiheit und Ignoranz „abfallen“ werden wir auf dem Weg zur Wahrheit sein:

„Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“

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