Opfertod in religiöser Tradition. Die Erlösung zu eigenem Heil? (im Deutschlandradio Kultur)


Aus aktuellem Anlaß mein Beitrag der im DeutschlandRadio Kultur (Politisches Feuilleton) am 21. April zu hören (mp3) war:

Märtyrertum und Tod werden von uns negativ empfunden. Täglich führt uns das Fernsehen sinnlosen Tod vor Augen. Jeden Tag sterben Menschen einen gewaltsamen Tod. Durch Hunger oder Naturkatastrophen, Gewalt oder Selbstmordattentate. Es gibt also wahrlich keinen Grund, warum wir uns mit Opfer und Tod auseinandersetzen, darin etwas Positives sehen sollten. Aber ist das wirklich so?

Das Opfer kann ein Akt der Befreiung sein. Denn auch das zeigt uns das Fernsehen, jene anonymen Helden, die in einem Moment der Selbstaufgabe für den Erhalt des Lebens ihres hingeben oder zumindest riskieren: die tapferen Männer, die im atomverseuchten Kraftwerk Fukushima notwendige Reparaturen vornehmen, oder die vielen Ärzte und Entwicklungshelfer, die in Krisengebieten in ständiger Gefahr anderen Menschen Hilfe zukommen lassen.

Eine große Zahl dieser Menschen ist motiviert durch die Religion. Denn dieses Motiv gehört zur Substanz vieler Kulturen. An Ostern gedenken Christen in der ganzen Welt des Opfers Jesu. Sie erkennen die Barmherzigkeit und Wahrhaftigkeit in einem Akt der Erlösung für sie selbst. Sie beginnen zu begreifen, was es bedeutet, bereit zu sein, sich für etwas zu entscheiden und über die eigenen Grenzen hinausgehen. Daraus schöpfen viele Menschen die spirituelle Kraft für alltägliches Leben.

Obschon ich kein Christ, sondern ein Muslim bin, ist mir dieses Ostermotiv nicht fremd. Denn während heute Märtyrertum im Islam häufig als religiöser Fanatismus wahrgenommen wird, vergisst man gerne, dass es eigentlich ein Aufopfern für eine gute Sache bedeutet, die nicht unbedingt mit dem Tod enden muss, ihn aber immer vor Augen hat. In der Geschichte war das Militärische nur ein Aspekt des Märtyrertums, während die Läuterung der Seele, der uneigennützige Einsatz für die Familie und Umwelt den wahrhaften Kern dieses Gedankens ausmachen.

Dieser Grundgedanke hat im Islam verschiedene Formen des Märtyrertums und des Opfertodes hervorgebracht. Für die Schiiten ist die Schuhada, das Märtyrertum, ein wichtiger Kult, in dem das Gedenken an Husain, den Enkelsohn des Propheten Mohammed, der im Kampf fiel, eine große Rolle spielt. Ihre Trauer und Wut drücken sie einmal jährlich beim Aschura-Fest in Passionsspielen aus, indem sie sich selbst geißeln oder schlagen. Ist es ein Zufall, dass die schiitische Passion den christlichen Osterprozessionen in aller Welt zu ähneln scheint? Beide Traditionen wirken drastisch und manchmal Furcht einflößend, sind aber auch ein Fingerzeig auf etwas Allzumenschliches.

Märtyrertum und Aufopferung ist eine Haltung. Daher orientieren sich Muslime auch am Beispiel der christlichen Befreiungstheologie und entdecken im Islam ein Potenzial für Befreiung und Emanzipation, für die Beseitigung von sozialem und politischem Elend. So wie die Christen den Karfreitag nicht ohne den Ostersonntag sehen.

Als Muslim weiß ich auch, dass dies leider nicht die einzige Art ist, wie Menschen damit umgehen. Töten und Tod sind überall auf der Erde schon seit Langem gleichsam privatisiert worden. Sie wurden Selbstzweck und dabei jeder Reflexion und Menschlichkeit beraubt. Wenn sie jemals Mittel zum Zweck waren, dann ist dieser verloren gegangen.

In einem Akt der Gewalt glauben religiöse Fanatiker den Märtyrertod zu sterben, der viele Unschuldige aus dem Leben reißt. Sie glauben, so Gottes Wort umsetzen. Für mich hat diese Haltung nichts mit der Barmherzigkeit zu tun, die der Koran fordert. Sie drückt vielmehr eine Perversion der heiligen Botschaft aus, wie sie die Mehrheit der Muslime ablehnt. Ich kann keine Gemeinsamkeit mit solchen Fanatikern erkennen, die sich auch Muslime nennen, weil der Name nur die einzige Gemeinsamkeit ist.

Schon eher entdecke ich das „Gottes Wort“ in dem Gedenken an den Opfertod Jesu und an die vielen Menschen heute in der Welt, die es ihm nachmachen. Dies ist wahrhaft islamischer als die tägliche Vergewaltigung der Menschenrechte durch Nationalisten und Fundamentalisten.

4 thoughts on “Opfertod in religiöser Tradition. Die Erlösung zu eigenem Heil? (im Deutschlandradio Kultur)

  1. Als Muslim weiß ich auch, dass dies leider nicht die einzige Art ist, wie Menschen damit umgehen. Töten und Tod sind überall auf der Erde schon seit Langem gleichsam privatisiert worden. Sie wurden Selbstzweck und dabei jeder Reflexion und Menschlichkeit beraubt. Wenn sie jemals Mittel zum Zweck waren, dann ist dieser verloren gegangen.

    In einem Akt der Gewalt glauben religiöse Fanatiker den Märtyrertod zu sterben, der viele Unschuldige aus dem Leben reißt. Sie glauben, so Gottes Wort umsetzen.

    Hallo Serdar!

    Damit liegst du völlig richtig. Das Morden von Fanatikern (unterschiedlicher Couleur) ist nämlich durch die kalte, sozialtheoretische Brille Max Webers betrachtet (auch) wertrational. Es wird zumindest nicht allein ein (Macht-)Zweck verfolgt.

    Der realtypisch wohl seltene Machiavellismus kann dagegen, wenn auch nicht notwendigerweise konsequenziell, so doch von der Motivseite aus gesehen, als vergleichsweise harmlos eingestuft werden. Schließlich beinhaltet hier die Tötung von Feinden keinen Eigenwert. Paradoxerweise ist es also gerade die Suspendierung von Moral, die hier den Einsatz von Gewalt wenigstens limitiert und dieses Mittel nicht heiligt. Auch ist in diesem Zusammenhang der Einsatz von Gewalt keine Pflicht, sondern lediglich eine Option.

    Im Unterschied dazu ist es bei Terroristen gerade die Moral – oder genauer: eine als solche empfundene höhere Moral -, die das Töten von Feinden gebietet. Entsprechend existieren im Rahmen des Terrorismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, und zwar unabhängig von der jeweils unterschiedlichen Ideologie, kaum Rechtfertigungen oder Bekennerschreiben, die sinngemäß etwa besagen, dass die Anwendung von Gewalt gegen XY das letzte Mittel gewesen sei, man es wirklich nicht gerne gemacht habe und lieber andere Mittel eingesetzt hätte. Vielmehr erscheint hier die Tötung des Feindes (oder seiner tatsächlichen oder vermeintlichen Repräsentanten) fast ausnahmslos als moralische Pflicht.

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  2. @N.Neumann

    Paradoxerweise ist es also gerade die Suspendierung von Moral, die hier den Einsatz von Gewalt wenigstens limitiert und dieses Mittel nicht heiligt.

    In der (internationalen) politischen Debatte ist gerade anders. Die Argumentation ist dahingehen, das Fanatiker oder auch Regime deswegen so böse sind, weil sie aufgrund ihrer (Staats)Ideologie oder Religion keine Rationalität in ihrem Handeln aufweisen.

    Kurzum, die eigene „Gewalt“ ist gut, die andere ist böse.

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  3. Ich finde das solltest du unbedingt noch weiter ausformulieren. Es lohnt sich bestimmt.

    @ Serdar

    Das habe ich bereits in meiner Diplomarbeit getan.

    In der (internationalen) politischen Debatte ist gerade anders. Die Argumentation ist dahingehen, das Fanatiker oder auch Regime deswegen so böse sind, weil sie aufgrund ihrer (Staats)Ideologie oder Religion keine Rationalität in ihrem Handeln aufweisen.

    Ob sie Rationalität in ihrem Handeln aufweisen, hängt vom jeweiligen Begriff der Rationalität ab. Gemessen an einem mehr oder weniger normativ aufgeladenen Vernunftbegriff ist das Handeln von üblichen Verdächtigen wie dem iranischen Regime sicher irrational. Aber die Weberschen Begriffe der Zweckrationalität (im gegebenen Zusammenhang: Macht) und der Wertrationalität (im gegebenen Zusammenhang: Ideologie bzw. Eigen/Selbstwert derselben) sind eben nicht normativ aufgeladen. Und das heißt auch: Menschen, Gruppen, Staatsapparate können Werte haben / eine Moral vertreten, die wir als wenig vernünftig oder aber auch abscheulich erachten. Wenn man das aber, mit Max Weber, als wertrational bezeichnet, so ist dies zunächst irritierend. Daraus folgt aber näher besehen nichts Anderes, als dass Werte ebenso genauso wie Zwecke ganz unterschiedlich beurteilt werden können.

    Kurzum, die eigene „Gewalt“ ist gut, die andere ist böse.

    Das wäre etwas zu einfach.

    Ich sage daher, normativ gewendet, dass diktatorische Regime umso bösartiger und gefährlicher sind, je stärker ausgeprägt ihr ideologisches Profil ist. Nehmen wir im Umkehrschluss das untergegangene Regime der ägyptischen Staatspartei NDP: Was es verteidigt hat, war nicht viel mehr als die nackte Macht und die mit ihr verbundenen Pfründe seiner Funktionsträger – aber eben keine „dicke“ politische Idee wie der iranische Gottesstaat, der seine Funktionsträger auch über die bloße Verteidigung von Macht und Pfründen hinaus unter dem Siegel des „Guten“, einer Heilslehre, dazu motiviert, gegen jede Opposition vorzugehen. Und nicht nur das: Eine stark profilierte Staatsideologie maximiert auch Loyalität gegenüber dem Regime. Bezieht sie die Ideologie etwa allein auf den Machthaber (man denke z.B. an Gaddafi), so ist im Zweifelsfall die Wahrscheinlichkeit höher, dass Teile der Funktionselite ihre Loyalität aufkündigen (bei allen egoistischen Kalkülen die dabei im Fall Libyen auch eine Rolle gespielt haben).

    Daraus folgt nun nicht, dass vergangene oder noch existierende Regime mit einem flacheren ideologischen Profil harmlos (gewesen) wären. Aber zumal die beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, die jede profane lateinamerikanische Junta in den Schatten stellten, waren und sind Heilslehren. Und ebenso verfolgten und verfolgen terroristische Gruppen fast ausnahmslos Heilslehren. Hier waren und sind eben nicht bloß militante Machiavellisten am Werk, die keinen anderen Ausweg sehen als eine riskante Macht- bzw. Gewaltstrategie zu verfolgen, sondern zumal Überzeugungstäter.

    Ob es nun für den Machterhalt eher günstig ist, auf (mehr) Überzeugungstäter zurückgreifen zu können oder eher ungünstig, weil das damit verbundene umfangreichere und schlimmere Wüten (noch) mehr Widerstände (auch: von außen) hervorruft, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Wahrscheinlich lässt sich diese Frage nicht eindeutig beantworten.

    Ich denke aber, dass mit dieser Operationalisierung des Begriffspaares zweck- und wertrational zweierlei gewonnen ist. Zum einen, dass es Terroristen und Terror-Regimen eben nicht allein um die Macht geht, sondern auch, wenn man so will, um die (bzw. ihre) Moral, die eben keine bloße (Hilfs)Funktion der Macht ist. Und zum anderen, dass es nüchtern betrachtet zu kurz greift, dieselben einfach als (unberechenbare) Irre zu bezeichnen. So gibt es entsprechend auch wenig belastbare Hinweise darauf, dass politische Fanatiker gemessen an medizinischen Maßstäben häufiger psychisch krank sind als der Bevölkerungsdurchschnitt.

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