Dialog bla bla bla


Ich kann es ja verstehen. Da wird man in der Gesellschaft von der Mehrheitsgesellschaft schief angeblickt. Ständiger Rechtfertigungsdruck gibt einem das Gefühl, so recht möchte man einem nicht glauben. In vielerlei Hinsicht ist man sowieso unten durch. Kommt dann noch das übliche Tralala zu Integration, Islam, Kopftuch, Terror usw. hinzu wird es ein normaler Tag.

Und was machen dann einige? Ja versuchen die dicke Luft erträglich zu machen. Ein ganz normaler Vorgang, der verständlich ist. Bei einigen Menschen oder Gruppen geschieht das durch affirmativen Bezug auf eben solche Themen wie Dialog, Bildung und Integration. Es gibt sogar Bewegungen und Gruppen die sich darüber definieren. Schaut man sich im WWW die Seiten an, fängt es schon bei den Namen an. Die hohe Frequentierung mit den besagten Begriffen erzeugt dann bei mir schon Brechreiz. Auch wenn ich irgendwo den psychologischen Moment verstehe, kommt das ganz nahe an Anbiederung und Konformismus. Bürger sein heißt, auch kritisch und unangenehm sein. Das einem die (gefühlte) Mehrheit im Nacken sitzt, kann sehr unangenehm sein, aber das muss nicht heißen, dass man einen falschen Standpunkt hat. Es gibt wohl Momente, wo es sich gehört gegen eine Mehrheit zu agieren. Durch das ständige taktieren mit „Integration“ spielt man sich selbst einen Streich. Man hat nichts zu sagen, außerdem mit dem rumwedeln „edler“ Begriffe um zu zeigen, wie angepasst man ist.

Im Hinglick auf den interreligiösen Dialog hat das Navid Kermani ganz gut zusammengefasst.

10 thoughts on “Dialog bla bla bla

  1. Danke für den Link – Kermani bringt es wirklich auf den Punkt: nicht interreligiöser Dialog sollt das (End-)Ziel sein, sondern etwas, das weit darüber hinausgeht. Christen sollen sich auch mal anhören wir Muslime die Bibel sehen und umgekehrt sollen Muslime sich auch damit befassen, was es für christliche Sichtweisen auf den Koran gibt. Und man solle sich auch im Kanon der anderen Religion sehr gut auskennen – nicht primär um ihn zu „widerlegen“, sondern vor allem um sich selbst besser zu verstehen. Was für ein Horizont, dem pflichte ich sofort bei. Nur müssten dazu Muslime wie Christen sich auch stärker mit ihrem eigenen Kanon, seiner Sprache und Geschichte befassen. Die Koranschule, von der Kermani spricht, ist wohl nicht der richtige Ort dazu. Wenn dort nicht einmal Tafsir und die arabische Sprache unterrichtet wird, dann besteht noch keine Grundlage den Kanon der Anderen wirklich kennenzulernen. Man kann das dafür z. B. im universitären Rahmen machen (wie du, Serdar), oder ganz auf eigene Faust (wie ich meistens). Meiner Erfahrung nach ist gerade die Beschäftigung mit dem anderen, sowohl im Lichte der eigenen Quellen, als auch im Lichte der Quellen des anderen, ein Anreiz überhaupt das Eigene mal näher anzuschauen. Wow… Traumhaft wäre das… arabisch, persisch, altgriechisch, hebräisch, lateinisch, osmanisch, aramäisch verstehen (natürlich nur als langfristiges Ziel)… als Moslem historisch-kritische Bibelexegese betreiben können… sich von einem Alttestamentarier den Koran erklären lassen… Das wäre es in der Tat wert als Ziel verfolgt zu werden… Ein Ziel, für das aber alle Beteiligten viel mehr lesen, lernen und über sich selbst und den Anderen reflektieren müssten… Ist das nur etwas für ein paar verlorene Verrückte, oder gibt es das mehr Leute, die diese Einladung annehmen würden?

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  2. Wahr Wort Hakan. Ich fänds auch ganz interessant, wenn mir ein Alttestamentarier seine Sicht des Koran erklärt. Und andersrum.
    Ehrlich gesagt geschieht das auch ab und an. Es gibt viele gute Artikel in Sammelbänden. Auch auf Tagungen kann man sowas mitbekommen.

    Leider glaube ich, das viele Muslime in ihrem begrenzten Horizont (damit meine ich durchaus Wissenschaftler und Theologen) sich empört geben würden. Sie würden mit Verschwörungstheorien reagieren und alles als Provokation ansehen. Es gibt leider die unrühmliche Angewohnheit, den Koran als muslimischen Besitz anzusehen, wo man Patent darauf hat. Wenn der Koran an alle Menschen gesannt ist, dann darf jeder über ihn, mit ihm und durch ihn sprechen.

    Ich will nicht schwarzmalen. Es gibt sehr aufregende Projekte in der Wissenschaft, sei es das Corpus Coranicum oder gemeinsame Kollegs mit muslimischen und nicht-muslimischen Wissenschaftlern, wo Erfahrungen und Wissen ausgetauscht wird. Und ich habe die große Hoffnung, das solche Sprache wie Hebräisch, Latein, Griechisch, Aramäisch usw. auch von einer neuen Generation von Muslimen gelernt wird. Könntest du dir die Horizontexplosion vorstellen, die so ein Vorhaben mit sich bringen würde?

    Es werden ja jetzt theologische Lehrstühle gegründet. Ich würde mir wünschen, sie würden in dem Geiste forschen, den du beschrieben hast. Das wird bestimmt kommen. Wie schon gesagt, das passiert jetzt schon vereinzelt. Wir wollten mehr Selbstvertrauen haben und unsere alten Prämissen, unsere als Wissenschaft getarn überholte „Metaphysik“ nicht weiter mit uns rumschleppen.

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  3. Serdar, diese Kategorisierung geschieht wechselseitig in der hiesigen Gesellschaft. In deinen Artikeln, aber auch in deinen Kommentaren kann man es durchaus erkennen, wie auch du die Muslime in kategorien einordnest. Diese Denkweise verhindert auch deinen Horizont finde ich. Z.b. wenn ich der Meinung bin, dass priviligierte Muslime über den Koran sprechen, diskutieren und interpretieren sollten, dann habe ich nach deiner Meinung keinen weiten Horizont. In welche Schublade komme ich? Moment, ich überlege: „traditionel Konservativ“?

    Umgekehrt könnte es in meiner Denkweise auch so sein, wenn ich nicht Selbstreflektiert wäre: Du würdest dann in die Schublade, „westlich orientierter Orientalist“? Aber da es wechselseitig ist, kommst du aus deiner Sicht in folgende Schublade: „Aufgeklärt liberaler Muslim“. Darüber habe ich in meinem Blog geschrieben, wenn du erlaubst:

    http://integrationsblogger.de/integration/schubladendenken-in-form-von-erwartungssicherheit/

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  4. Pingback: Liberal vs. Konservativ oder was auch immer…II « Serdargunes' Blog

  5. @Resul Özcelik, Serdar Günes

    „Z.b. wenn ich der Meinung bin, dass priviligierte Muslime über den Koran sprechen, diskutieren und interpretieren sollten, dann habe ich nach deiner Meinung keinen weiten Horizont. In welche Schublade komme ich? Moment, ich überlege: „traditionel Konservativ“?“

    Kategorisieren hilft um Überblick zu schaffen, sollte aber wandelbar und kontextbezogen sein. In manchen Dingen empfinde ich mich als konservativ, in anderen als liberal, in anderen wiederum als orthodox. Die Begriffe habe ich mir nicht ausgesucht, das hat der liebe öffentliche Diskurs gemacht. Darum benutze ich sie – aber ausschließlich in bestimmten Kontexten, die jeweils expliziert werden müssen.

    Ich finde, es gibt weitere, vielleicht sogar noch interessantere Kategorisierungen bei Muslimen:

    1) praktizierender und nicht praktizierender Moslem

    2) reformorientierter und reformablehnender Moslem

    3) analytisch denkender und auswendig lernender Moslem

    4) kollektivbezogener und individuumbezogener Moslem

    5) nationalistischer und nationalitätenrelativierender Moslem

    6) dogmatischer (taklid) und hinterfragender (tahkik) Moslem

    7) Arabien-(oder: Türkei-)zentrierter und Deutschland-zentrierter Moslem

    8) wissenschaftsbezogener und autoritätsbezogener Moslem

    9) menschenliebender und menschenverachtender Moslem

    etc. etc.

    Es gibt viele Kombinationsmöglichkeiten zwischen diesen Kategorien, auch schließen sich die Gegenüberstellungen nicht immer zwingend aus. Der öffentliche Diskurs kennt diese weniger politischen, sondern pragmatischen Unterscheidungen nicht. Wir schon. Darum sollten wir uns um eine Publikmachung bemühen.

    Hayrettin Karaman ist für z. B. ein reformorientierter orthodoxer Moslem, aber kein Reformer, oder gar Modernist. Er steht auf dem Boden des klassischen fiqh, aber lehnt zahlreiche Todesstrafen, über die im klassischen fiqh Konsens herrscht, wiederum mit Argumenten im Rahmen des klassischen fiqh ab (Steinigung, Todesstrafe für Apostaten). Während er für die einen nach wie vor ein Gelehrter des klassischen sunnitischen Islams ist, wird er von anderen geradezu des Modernismus bezichtigt.

    Wer hat nun Recht?

    Meine Antwort wäre: Es interessiert mich nicht, da hier keine gemeinsame Begriffsbasis vorliegt. Mich interessieren ausschließlich die Argumente und Folgerungen, die jemand zieht. Ein gutes Argument muss auch unabhängig von seiner Genese funktionieren. Darum halte ich es für sinnlos Menschen zu definieren, deren Argumente apriori sinnvoll oder sinnlos sind.

    Ich sage ja: Diese ganzen Kategorisierungen artikulieren eigentlich nur Interessen der Sprechakteure. Ist nicht verboten (ich mache es ja auch), aber dennoch sinnvoll und in manchen Kontexten notwendig.

    Übrigens: Jemanden, der der Meinung ist, dass nur priviligierte Muslime über den Koran reden dürfen, würde ich im Übrigen auch nicht als traditionell-konservativ bezeichnen.

    Vielmehr würde ich ihn als autoritätsgläubig bezeichnen. Denn in der Regel meint er mit priviligierten Muslimen einige Autoritäten, deren Koranauslegung für ihn den eigentlich verbindlichen Islam darstellt. Außerdem würde ich ihn als Druckser bezeichnen: Denn er blockt eventuell nützliche Debatten von Vorneherein mit einem Autoritätsargument ab. Vermutlich fühlt er sich selbst nicht sicher genug standzuhalten, zuzugeben, dass der andere vielleicht Recht hat, oder sein Gegenüber gar zu überzeugen. Zusätzlich zur Druckserei käme noch die Realitätsferne hinzu: Alle Welt liest heute den Koran – wenn die uns dann fragen, was denn genau 9:5 oder 4:34 zu bedeuten hat, dann sollte wir eine bessere Antwort parat haben als: „Bevor ihr arabisch gelerent, in Al-Azhar studiert, oder euch meinem Imam angeschlossen habt, seid ihr nicht legitimiert solche dummen Fragen zu stellen“. Am schlimmsten ist dann aber wohl die Unwissenheit – denn eine Tabuisierung des Glaubensdiskurses und eine Beschränkung des Mitsprache- bzw. Mitdiskutierrechts auf einige weniger Auserwählte gehört mit Sicherheit genau zu jenen Denkformen, die der Koran an anderen Glaubensrichtungen kritisiert hat.

    Fazit: autoritätsgläubige, drucksende, realitätsferne und unwissende Muslime sollte man nicht als konservativ-traditionell bezeichnen, da man dadurch eine Menge konservativer Muslime geradezu beleidigen würden.

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