Hakan Turan: Der Koran und die IS-Ideologie


Eine lesenswerte hermeneutische Bewertung koranischer Aussagen und Zusammenhänge meines Blog-Nachbars Hakan Turan. Besonders im Angesicht der aktuellen Entwicklungen zur IS-Ideologie und deren Konsequenzen. Hier der ganze Beitrag (auch sonst lohnt sich die Lektüre seines Blogs):

Ein aufmerksamer Leser stellte mir folgende Frage:

“Und kann es Deiner Meinung nach (rein hypothetisch) Sätze [im Koran] geben, die selbst im Falle einer berechtigten Verteidigung gegen einen ungerechten Angriffskrieg eher unpassend sind, weil sie über das Ziel hinausschießen, das Töten und Getötet-Werden zu sehr verherrlichen, den Feind zu sehr dämonisieren?”

Ja, das kann es durchaus – sofern “unpassend” heißt “unpassend als verallgemeinerte Norm”.

Da der Koran aber (meist in den selben Suren noch) auch Passagen hat, die ohne solche Zuspitzung auskommen (vgl. 9:5 und 9:6 als besonders dramatisches Beispiel) gehe ich davon aus, dass dies dem Koranurheber bewusst war. Entweder

(a) Steinbruchtheorie: hat der Koran lauter Widersprüche, die zu einer beliebigen Auslegbarkeit führen, oder

(b) Kuscheltheorie: der Islam ist in Wirklichkeit purer “Frieden”, man muss nur die Kriegsverse abdecken, oder

(c) Schwerttheorie: der Islam ist pure “Gewalt”, man muss nur die Friedensverse bzw. die Kriegsbedingungen abdecken, oder

(d) Bedingtheitstheorie: die politisch signifikanten Passagen des Korans erfüllten im Offenbarungskontext eine bestimmte lokale Funktion, die nicht vom singulären Wortlaut her universalisierbar ist, sondern nur im Rahmen eines größeren Bedingungsgeflechts ihre Bedeutung haben (so ähnlich sahen das auch viele klassische Gelehrte). Dieses Geflecht ist zunächst auf der Ebene des Wortlautes zu analysieren und danach erst in Bezug zu den historischen und psychologischen Gegegebenheiten der Offenbarungszeit zu setzen (“danach”, da der Wortlaut empirisch gegeben, der historische Kontext aber oft ungenau oder gar spekulativ ist), unter denen der Koran bestimmte Ziele – einschließlich der Bezwingung der Widersacher des Propheten aus einer Situation der anfänglichen zahlenmäßigen, politischen, militärischen und psychologischen Unterlegenheit heraus – erreichen wollte.

Der Koran war neben vielen anderen Dingen stets auch Trost und Aufmunterung für die politisch und militärisch eingeschüchterte Gemeinde des Propheten – darum scheinen manche Koranpassagen heute eher verwirrend und deplatziert als tröstend oder orientierend: Weil man den Koran nicht als das liest, als das er sich sah – eine Kombination aus Lebens- und Überlebenshilfe für die islamische Urgemeinde einerseits und als Manifest universeller islamischer Prinzipien andererseits. Dieses Geflecht zu entwirren ist eine der sträflichst vernachlässigten Hausaufgaben zeitgenössischer muslimischer Gelehrter und Islamwissenschaftler. Die ganzen pauschalen Modelle, die hierzu im Umlauf sind, halte ich für wenig befriedigend. Ich will gerne den ganzen Koran verstehen – nicht nur die Stellen, die keiner großen Erklärung bedürfen.

“Kontextualität” ist hier also das Stichwort (was weit mehr ist als der Vers davor und danach – die Erstadressatenorientierung ist ein essenzieller Bestandteil). Und immanenter Anlass für eine Kontext-Reflexion dazu sind die ganz anders als kriegslüstern klingenden Koranpassagen, auch aus den späten medinensischen Passagen, die der Koranurheber hätte vermeiden müssen, wenn der IS Recht gehabt hätte (Lieblingsstelle hierzu: 60:7-9, aber auch 5:48 – bitte nicht als Einladung zu Suren-Pingpong missverstehen)

(d) ist ungefähr meine Position. Eine Theorie lässt sich nur auf die Gesamtheit von Phänomenen (hier: Koranverse) anwenden. Darum kann man mit singulären Koranzitaten allein noch keine allgemeinen Theorien zum Koran beweisen (darum sind (b) und (c) unbefriedigend). Der bloße Verweis auf scheinbare Widersprüchlichkeit hingegen erweist sich aus meiner Sicht als Theoriearmut und Denkfaulheit. Darum ist auch (a) eine unverhältnismäßig geistschonende und anspruchslose Position.

Kurz: Wenn der Koran in manchen Passagen deftig gegen die “kāfirīn” polemisiert, oder zum Krieg gegen diese aufruft, dann sind damit nicht automatisch schon alle Nichtmuslime als “Kollektiv” gemeint, sondern bestimmte Adressaten aus einem raumzeitlich lokalisierbaren Kontext. Die klassische Exegese spricht hier davon, dass eine Quelle “ḫāṣṣ” sei, also “speziell”, auch wenn der Wortlaut auf den ersten Blick “ʿāmm”, also allgemein ist. Schon Imam Schafii hat darauf hingewiesen, dass koranische Aussagen wie “die Menschen haben sich gegen euch versammelt” nicht bedeutet, dass sich alle Menschen gegen die Muslime versammelt hätten.

Eine “eigentlich” islamische Position ergibt sich erst aus einer gesamtheitlichen Betrachtung aller Passagen. (Ich behaupte nicht diese im Detail zu kennen – ich habe nur Vermutungen, die ich versuche durch den Vergleich mit Expertenmeinungen zu prüfen)

Meine zentrale inhaltliche These lautet nun: Es sprechen über ein dutzend Koranpassagen dafür, dass die späteren Kriegsverse des Korans von äußeren Bedingungen abhängig gemacht wurden (z. B. 2:190, 8:61, 9:13), und dass die allgemeineren Friedens- und Toleranzverse aus der frühen (z. B. 10:99) UND späteren Phase (z. B. 2:256, 5:5, 5:48, 60:7-9) keinesfalls als aufgehoben oder eingeschränkt betrachtet werden könnten. Das ist aber kein Thema für einen kurzen Text, sondern ein umfangreicheres Geschäft, das von Muslimen schon seit Jahrhunderten immer wieder angegangen wird. Insofern ist mein Gedanke hier weder neu, noch originell.

Aber ich möchte ehrlich sein: Meiner Meinung muss man den Koran im Lichte von reflektierender Vernunft und Moral lesen, um aus der Möglichkeit und Plausibilität einer friedensorientierten Lesart eine Position der Gewissheit zu machen. Nicht der Koran, oder die Religion allein macht schon den guten Menschen, sondern erst der potenziell gute Mensch kann in ein fruchtbares Verhältnis zur Religion treten. Ich denke, dass diese “Apriorizität” von ethischem Bewusstsein und Vernunft des “Lesers” auch vom Koran selbst vorausgesetzt wird.

Der Koran versteht sich nicht umsonst als Wegweiser für die “Gottesfürchtigen” (2:2) und nicht für entmoralisierte Hohlbirnen. Im Hadith heißt es wiederum, dass der Prophet kam um die Moral/den Charakter zu perfektionieren – d. h. es gibt schon einer vorreligiöse Moral und Ethik, an die “wahrer Islam” anknüpft. Ohne diese vorreligiöse Ethik ist auch keine islamische Ethik möglich.

Die ash’aritisch vorgeprägte Doktrin einer Nichterkenntbarkeit des Guten durch die Vernunft hat heute leider viele ideologische Muslime blind für diesen Zusammenhang gemacht (auch wenn das vielleicht nicht das Ziel der Ash’ariten war). Diese ungesunde Zuspitzung kann aber sogar schon traditionsimmanent korrigiert werden, z. B. durch die ebenso sunnitische, aber wesentlich “rationaler” orientierte Theologie des Maturidi, die das Gute sehr wohl in den Erkenntnisbereich der Vernunft rückt und somit ethische Diskurse auch ohne permanenten Fatwa-Zwang ermöglicht.

Der juristische Reduktionismus von islamischer Normativität, wie ihn viele Islamisten der Neuzeit vertreten, war wohl eben doch ein Irrtum. Die juristische Dimension ersetzt nie und nimmer die Ethik. Darum läuft eine rein formale Anwendung des klassischen islamischen Rechts stets Gefahr zu Ungerechtigkeiten zu führen, da viele Menschen glauben, “islamische” (d. h. von islamischen Gelehrten hergeleitete und formulierte) Rechtsurteile seien per se schon moralisch.

Oder schärfer: Die Beschränkung von islamischer Moral auf juristische Rechtsurteile gibt den im Namen von Religion herrschenden Klassen das gesamte Gewalt- und Deutungsmonopol in die Hand und treibt den durch Gott von menschlicher Willkür emanzipierten und für sich selbst verantwortlichen Gläubigen zurück in den blinden Gehorsam gegenüber Pharaonen, Patriarchen und Priestern vorislamischer Finsternis…

(man sehe mir den Pathos nach – die ganze IS-Kacke hat mich richtig wütend gemacht…)

 

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