Feed on
Artikel
Kommentare

Israel wird 60!

Israel wird 60 Jahre alt am 8.Mai. Und wie es sich gehört, haben die Medien darauf reagiert. Es gibt in der ZEIT ein Online-Spezial dazu. Ich kann es unbedingt empfehlen, da es sehr interessante Artikel und Interviews enthält. Zwei möchte ich nennen, Moshe Zuckermann und Aviv Geffen.

Moshe Zuckermann dürfte vielen ein Begriff sein, da er durch seine Bücher und Auftreten mächtig für Furore gesorgt hat bei der hiesigen Linken. Durch seinen kritischen Umgang mit der israelischen Politik ist er zwischen die Fronten geraten. Exemplarisch dazu wäre eine Kritik an ihm aus antideutscher Ecke.

Ich selber schätze seine Bücher (Zweierlei IsraelZweierlei Holocaust und Gedenken und Kulturindustrie). Es spricht für die israelische Demokratie, weil sie kritische Meinungen zuläßt. Diese Meinungen sind auch bitternötig, denn ein so hochgerüsteter Militärapparat für den Schutz seiner Bürger, bringt auch repressive Strukturen hervor, die es zu kritisieren gilt. So ein Staat wie Israel, dessen Gründung für die Juden ein Schutz sein soll, war für Palästinenser eine Tragödie. Es gilt beides im Auge zu behalten. Die Kritik an Besatzung, Gründungsmythen und Rassismus sind in diesem Fahrwasser zu betrachten.  Um sich einen Eindruck zu bilden, hier einiger seiner Artikel und Interviews:

Seit einigen Jahren gibt es in der Islamwissenschaft heftige Debatten über den Koran und seine Entstehung. Eigentlich hat es die schon immer gegeben, allerdings erst mit dem Erscheinen von Die syro-aramäische Leseart des Koran von Christoph Luxenberg hat sich die Debatte verschärft. Konkret geht es hier um eine alternative Deutung bestimmter Verse. Aber im Laufe der Auseinandersetzung hat sich die Debatte auf den Ursprung und Historizität der Heiligen Schrift ausgeweitet. Sogar eine Tagung dazu hat es gegeben.

Mittlerweile sind auch zwei Bücher (Der frühe Islam und Die dunklen Anfänge) aus der Gruppe um Karl-Heinz Ohlig erschienen, zu der Prof. Gerd Puin, Christoph Luxenberg, Volker Popp und Markus Groß gehören. Und es dauerte auch nicht lange, bis die ersten Rezensionen erschienen sind. Egal was man im einzelnen über die Thesen denkt, die Debatte hat Leben in die Islamforschung eingehaucht.

Zu den Büchern und Debatten habe ich einfach mal einige Links zusammengestellt:

Hier möchte ich zwei muslimische Reaktionen auf das Projekt Corpus Coranicum bringen:

von Friedrich Nietzsche

aus “Genalogie der Moral” - Dritte Abhandlung / Kap. 22

Der asketische Priester hat die seelische Gesundheit verdorben, wo er auch nur zur Herrschaft gekommen ist, er hat folglich auch den Geschmack verdorben in artibus et litteris, — er verdirbt ihn immer noch. „Folglich“? — Ich hoffe, man giebt mir dies Folglich einfach zu; zum Mindesten will ich es nicht erst beweisen. Ein einziger Fingerzeig: er gilt dem Grundbuche der christlichen Litteratur, ihrem eigentlichen Modell, ihrem „Buche an sich“. Noch inmitten der griechsich-römischen Herrlichkeit, welche auch eine Bücher-Herrlichkeit war, Angesichts einer noch nicht verkümmerten und zertrümmerten antiken Schriften-Welt, zu einer Zeit, da man noch einige Bücher lesen konnte, um deren Besitz man jetz halbe Litteraturen eintauschen würde, wagte es bereits die Einfalt und Eitelkeit christlicher Agitatoren — man heisst sie Kirchenväter — zu dekretiren: „auch wir haben unsre klassische Litteratur, wir brauchen die der Griechen nicht“, — und dabei wies man stolz auf Legendenbücher, Apostelbriefe und apologetische Traktätlein hin, ungefähr so, wie heute die englische „Heilsarmee“ mit einer verwandten Litteratur ihren Kampf gegen Shakespeare und andre „Heiden“ kämpft. Ich liebe das „neue Testament“ nicht, man erräth es bereits; es beunruhigt mich beinahe, mit meinem Geschmack in Betreff dieses geschätztesten, überschätztesten Schriftwerks dermaassen allein zu stehn (der Geschmack zweier Jahrtausende ist gegen mich): aber was hilft es! „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, — ich habe den Muth zu meinem schlechten Geschmack. Das alte Testament — ja das ist ganz etwas Anderes: alle Achtung vor dem alten Testament! In ihm finde ich grosse Menschen, eine heroische Landschaft und Etwas vom Allerseltensten auf Erden, die unvergleichliche Naivetät des starken Herzens; mehr noch, ich finde ein Volk. Im neuen dagegen lauter kleine Sekten-Wirthschaft, lauter Rokoko der Seele, lauter Verschnörkeltes, Winkliges, Wunderliches, lauter Conventikel-Luft, nicht zu vergessen einen gelegentlichen Hauch bukolischer Süsslichkeit, welcher der Epoche (und der römischen Provinz) angehört und nicht sowohl jüdisch als hellenistisch ist. Demuth und Wichtigthuerei dicht nebeneinander; eine Geschwätzigkeit des Gefühls, die fast betäubt; Leidenschaftlichkeit, keine Leidenschaft; peinliches Gebärdenspiel; hier hat ersichtlich jede gute Erziehung gefehlt. Wie darf man von seinen kleinen Untugenden so viel Wesens machen, wie es diese frommen Männlein thun! Kein Hahn kräht darnach; geschweige denn Gott. Zuletzt wollen sie gar noch „die Krone des ewigen Lebens“ haben, alle diese kleinen Leute der Provinz: wozu doch? wofür doch? man kann die Unbescheidenheit nicht weiter treiben. Ein „unsterblicher“ Petrus: wer hielte den aus! Sie haben einen Ehrgeiz, der lachen macht: das käut sein Persönlichstes, seine Dummheiten, Traurigkeiten und Eckensteher-Sorgen vor, als ob das An-sich-der-Dinge verpflichtet sei, sich darum zu kümmern, das wird nicht müde, Gott selber in den kleinsten Jammer hinein zu wickeln, in dem sie drin stecken. Und dieses beständige Auf-du-und-du mit Gott des schlechtesten Geschmacks! Diese jüdische, nicht bloss jüdische Zudringlichkeit gegen Gott mit Maul und Tatze!… Es giebt kleine verachtete „Heidenvölker“ im Osten Asien’s, von denen diese ersten Christen etwas Wesentliches hätten lernen können, etwas Takt der Ehrfurcht; jene erlauben sich nicht, wie christliche Missionare bezeugen, den Namen ihres Gottes überhaupt in den Mund zu nehmen. Dies dünkt mich delikat genug; gewiss ist, dass es nicht nur für „erste“ Christen zu delikat ist: man erinnere sich doch etwa, um den Gegensatz zu spüren, an Luther, diesen „beredtesten“ und unbescheidensten Bauer, den Deutschland gehabt hat, und an die Lutherische Tonart, die gerade ihm in seinen Zwiegesprächen mit Gott am besten gefiel. Luther’s Widerstand gegen die Mittler-Heiligen der Kirche (insbesondere gegen „des Teuffels Saw den Bapst“) war, daran ist kein Zweifel, im letzten Grunde der Widerstand eines Rüpels, den die gute Etiquette der Kirche verdross, jene Ehrfurchts-Etiquette des hieratischen Geschmacks, welche nur die Geweihteren und Schweigsameren in das Allerheiligste einlässt und es gegen die Rüpel zuschliesst. Diese sollen ein für alle Mal gerade hier nicht das Wort haben, — aber Luther, der Bauer, wollte es schlechterdings anders, so war es ihm nicht deutsch genug: er wollte vor Allem direkt reden, selber reden, „ungenirt“ mit seinem Gotte reden… Nun, er hat’s gethan.

Rilke I

Blättert zurück in euren Tagebüchern! War da nicht immer um die Frühlinge eine Zeit, da das ausbrechende Jahr euch wie ein Vorwurf betraf? Es war Lust zum Frohsein in euch, und doch, wenn ihr hinaustratet in das geräumige Freie, so entstand draußen eine Befremdung in der Luft, und ihr wurdet unsicher im Weitergehen wie auf einem Schiffe. Der Garten fing an; ihr aber (das war es), ihr schlepptet Winter herein und voriges Jahr; für euch war es bestenfalls eine Fortsetzung. Während ihr wartetet, daß eure Seele teilnähme, empfandet ihr plötzlich eurer Glieder Gewicht, und etwas wie die Möglichkeit, krank zu werden, drang in euer offenes Vorgefühl. Ihr schobt es auf euer zu leichtes Kleid, ihr spanntet den Schal um die Schultern, ihr lieft die Allee bis zum Schluß: und dann standet ihr, herzklopfend, in dem weiten Rondell, entschlossen mit alledem einig zu sein. Aber ein Vogel klang und war allein und verleugnete euch.Ach, hättet ihr müssen gestorben sein?

Vielleicht. Vielleicht ist das neu, daß wir das überstehen: das Jahr und die Liebe. Blüten und Früchte sind reif, wenn sie fallen; die Tiere fühlen sich und finden sich zueinander und sind es zufrieden. Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben, wir können nicht fertig werden.
Wir rücken unsere Natur hinaus, wir brauchen noch Zeit.
Was ist uns ein Jahr? Was sind alle? Noch eh wir Gott angefangen haben, beten wir schon zu ihm: laß uns die Nacht überstehen. Und dann das Kranksein. Und dann die Liebe.
Aus “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Statt einer Vorrede

Der Wanderer

638.

Der Wanderer. — Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen, denn als Wanderer, — wenn auch nicht als Reisender nach einem letzten Ziele: denn dieses gibt es nicht. Wohl aber will er zusehen und die Augen dafür offen haben, was Alles in der Welt eigentlich vorgeht; deshalb darf er sein Herz nicht allzufest an alles Einzelne anhängen; es muss in ihm selber etwas Wanderndes sein, das seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit habe. Freilich werden einem solchen Menschen böse Nächte kommen, wo er müde ist und das Tor der Stadt, welche ihm Rast bieten sollte, verschlossen findet; vielleicht, dass noch dazu, wie im Orient, die Wüste bis an das Tor reicht, dass die Raubtiere bald ferner bald näher her heulen, dass ein starker Wind sich erhebt, dass Räuber ihm seine Zugtiere wegführen. Dann sinkt für ihn wohl die schreckliche Nacht wie eine zweite Wüste auf die Wüste, und sein Herz wird des Wanderns müde. Geht ihm dann die Morgensonne auf, glühend wie eine Gottheit des Zornes, öffnet sich die Stadt, so sieht er in den Gesichtern der hier Hausenden vielleicht noch mehr Wüste, Schmutz, Trug, Unsicherheit, als vor den Toren — und der Tag ist fast schlimmer, als die Nacht. So mag es wohl einmal dem Wanderer ergehen; aber dann kommen, als Entgelt, die wonnevollen Morgen anderer Gegenden und Tage, wo er schon im Grauen des Lichtes die Musenschwärme im Nebel des Gebirges nahe an sich vorübertanzen sieht, wo ihm nachher, wenn er still, in dem Gleichmaß der Vormittagsseele, unter Bäumen sich ergeht, aus deren Wipfeln und Laubverstecken heraus lauter gute und helle Dinge zugeworfen werden, die Geschenke aller jener freien Geister, die in Berg, Wald und Einsamkeit zu Hause sind und welche, gleich ihm, in ihrer bald fröhlichen bald nachdenklichen Weise, Wanderer und Philosophen sind. Geboren aus den Geheimnissen der Frühe, sinnen sie darüber nach, wie der Tag zwischen dem zehnten und zwölften Glockenschlage ein so reines, durchleuchtetes, verklärt-heiteres Gesicht haben könne: — sie suchen die Philosophie des Vormittages. Friedrich Nietzsche