Wir sind sehr freigebig mit den Worten: Bruder, Schwester, Volksgenossen, Volksgemeinschaft, Menschengemeinschaft immer gewesen, denn es schmeichelt der Liebesfähigkeit des einzelnen, es täuscht Genialität des Herzens vor. Auch hier wird das Große, die Ausnahme auf Alltagsniveau gedrückt. Aber es ist eine einfache Verlogenheit, auch wenn sie aus gutem Willen kommen mag, über das wesensmäßige Unvermögen des Menschen hinwegzusehen und etwas zum Dauerzustand zu machen oder wenigsten zur Dauerbereitschaft, was nur der Ausnahme und dem begnadeten Augenblick vorbehalten ist.

Helmuth Plessner, Grenzen der Gemeinschaft

Frei nach Schopenhauer verhalten sich die Menschen in der Moderne wie frierende Stachelschweine. Sie drängen, von Sehnsucht nach Nähe und Wärme getrieben, aneinander, stören und stechen sich aber dabei und rücken wieder voneinander ab. Ihre Stacheln, die einerseits Sicherheit und Schutz verleichen, erzwingen andererseits Abstand.

Individualität heißt der Stachelpanzer, der die Menschen in der Moderne umgibt. Es ist dies das historisch gewachsene Lebensmuster, mit dem die einzelnen über Distanz zu anderen nach Einzigartigkeit, Freiheit und Privatheit streben.

Uwe Sander, Vorwort, in: Die Bindung der Unverbindlichkeit, Frankfurt 1998

So wurde ich neulich dazu befragt, wie es mit der neuen Regierung weitergeht. Hinsichtlich Islam, Muslime, Islamunterricht usw. Es ist schwierig was zu sagen, zumal die letzten Jahre durch die große Koalition geprägt waren. Es war keine SPD oder CDU in Reinkultur. Wie sich jetzt die CDU mit den Liberalen im Anhang verhält ist abzuwarten. Meine Hoffnung ist, das Schäuble die Islamkonferenz weiterführt. Er hat bewiesen, das er sich dieser Sache annimmt und auch ernsthaft weiterführt. Ich kann mich an eine Äußerung von ihm erinnern, worin er seinen vermeindlichen Nachfolger empfiehlt mit der Islamkonferenz weiterzumachen.

Ich hoffe es sehr, denn die Beziehung sind an einem Punkt angekommen, wo es kein Zurück mehr gibt. Themen wie Islamunterricht, Moscheebauten usw. müssen ausdiskutiert und gegebenfalls konkrete Lösungen vorgelegt werden. Während es beim Islamunterricht in Bundesländern verschiedene Entwicklungsstufen gibt, sind Themen wie Islamlehrstühle, Kopftücher in Schulen, Schächten, Moscheebauten noch heikle Themen.

Ja wie stelle ich mir nun mit dieser Regierung die Entwicklung vor? Ich hoffe die Liberalen bleiben ihrem Namen treu und stehen für Religionsfreiheit und Bürgerfreiheiten ein und halten die CDU auf, wenn es wieder darum geht Bürgerfreiheiten einzuschränken. Ich habe ernsthafte Bedenken, das die rechten Fraktion in der CDU erstarkt und alles was in der Vergangenheit aufgebaut wurde an Strukturen verpufft. Gleichgültigkeit kann sich Deutschland gegenüber diesen Theman nicht erlauben.

Was ich ernsthaft befürchte ist das Revival von den Leitkultur-Debatten und nationalistischen Tönen, wenn es wieder mal um Integration geht. Ob die Liberale das dämpfen können bezweifle, bis jetzt haben sie ihren Wirtschaftsliberalismus gepflegt, bei allen anderen Themen haben sie zwar Lippenbekenntnisse abgegeben und sich freiheitlich verhalten, allerdings ist es auch leicht, sowas in der Opposition zu tun. Der politische Sachzwang hat die Kraft jeden Idealismus zu ersticken.

Im Großen und Ganzen bin ich skeptisch, hoffe aber das ich mich irre.

Ist in dem Blog von Hakan Turan nachzulesen! Wortgewaltig wie immer lieber Hakan :-)

O fehlgeleiteter Bruder BekkayHeute sind Bundestagswahlen und ich werde wählen gehen. Und obwohl ich mich innerlich nicht auf deine Drohbotschaft an das deutsche Volk einlassen wollte, verspüre ich doch das dringende Bedürfnis ein paar Dinge loszuwerden, bevor ich meinen Stimmzettel in die Wahlurne einwerfe.
Als ich kürzlich in der Bahn-Station auf den Zug wartete, las ich mir die an die Wand projizierten neuesten Nachrichten durch, bis ich auf dein Gesicht stieß. Inmitten von deutschen Bürgern, die wohl zu großen Teilen von der Arbeit auf dem Weg zu ihren Familien waren, las ich mir da beschämt durch, wie du im Namen meiner Religion stellvertretend für eine Gruppe fanatischer Sektierer namens al-Qaida Deutschland Bedinungungen für die Wahl diktierst. Ginge vom Wahlergebnis nicht aus, dass Deutschland seine Truppen aus Afghanistan abziehen würde, dann müsse Deutschland mit Anschlägen rechnen.
Auch wenn mir meine muslimischen Freunde immer wieder davon abraten mir die Laune mit den Verlautbarungen religiöser Fanatiker aus den Reihen meiner eigenen Religion zu verderben, gab ich auch diesmal noch am selben Abend der Versuchung nach und hörte mir an, was du zu sagen hast.

Und was er dazu zu sagen hat, kann man auf seinem Blog weiterlesen.

Warum der Satz  „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ gar nicht so gemeint war wie ihn viele Christen (und auch Muslime) verstehen:

Böckenförde:

„Das lesen vielleicht manche Kirchenvertreter hinein, aber so war das nicht gemeint. Auch weltanschauliche, politische oder soziale Bewegungen können den Gemeinsinn der Bevölkerung und die Bereitschaft fördern, nicht stets rücksichtslos nur auf den eigenen Vorteil zu schauen, vielmehr gemeinschaftsorientiert und solidarisch zu handeln.“

Eigentlich habe er fast das exakte Gegenteil gemeint,

„in dem ich 1964 diesen Satz formuliert habe. Ich versuchte damals vor allem den Katholiken die Entstehung des säkularisierten, das heißt weltlichen, also nicht mehr religiösen Staates zu erklären und ihre Skepsis ihm gegenüber abzubauen. Das war also noch vor 1965, als am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils die katholische Kirche erstmals die Religionsfreiheit voll anerkannte. In diese Skepsis hinein forderte ich die Katholiken auf, diesen Staat zu akzeptieren und sich in ihn einzubringen, unter anderem mit dem Argument, dass der Staat auf ihre ethische Prägekraft angewiesen ist.“

(via Robert Misik)

„Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produktivkraft aller Individuen. Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die verfügbare Zeit das Maß des Reichtums“ (Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S. 596)

Das Gespräch zu sehen in der Mediathek des Suhrkamp-Verlages.

Oder auf Youtube:

Nachdem Karl Pfeifer entdeckt hat, daß der ORF offensichtlich eine wichtige Rolle in der von langer Hand geplanten Verschörung einnimmt, die darauf aus ist alle Jüdinnen und Juden zum Islam zu bekehren:

Charmeoffensive des ORF?

geht Michaela Sivich von der „Jüdischen“ noch weiter und präsentiert hier noch mehr solcher Fälle, anhand der Dokumentation „Der Weg nach Mekka“ über den zum Islam konvertierten Juden Muhammad Asad (Leopold Weiss).

Das passiert wohl, wenn man den Anti-Antisemitismus soweit übertreibt, das man verblödet und sieht nur noch überall Verschwörungen sieht. Bei Sivich, Pfeifer & Co. ist das Methode.

Hier mehr über Muhammad Asad und sein Schaffen.

(Dank an Baruch Wolski)

In diesem Sinne scheint mir heute der pragmatische Zugang zum Islam viel klarer den Weg zu einem humanen Islamverständnis aufzuzeigen, als die bisweilen umständlichen Formalismen der Gelehrten des klassischen oder neuzeitlichen islamischen Rechts – also jene Formalismen, auf die wir trotz ihrer Trägheit immer wieder angewiesen sind…

Hier gehts weiter.

Mein Blognachbar Hakan hat einen interessanten Artikel über das islamische Recht verfasst. Tja ich durfte ihm sogar dabei über die Schulter schauen (übrigens Danke nochmal für die drei Tage).

Islamisches Recht: richtig verstanden?Fast jeder muslimische Haushalt hat an irgendeiner besonderen Stelle in der Wohnung ein Buch stehen, das man Ilmihal (frei übersetzt: „Wissen(schaft) von der Situation“ oder Katechismus) nennt. Ein Ilmihal ist ein praktisches Handbuch, das in Kapiteln und oft in durchnummerierte Paragraphen gegliedert ist. In ihm kann man z. B. die Glaubensgrundlagen oder detaillierte Beschreibungen islamischer Praktiken nachlesen, z. B. des rituellen Gebets oder des Fastens. Manche Ilmihals umfassen darüber hinaus Kapitel zu fast allen Lebensbereichen, während andere sich auf einzelne Themen beschränken. Zu den Klassikern aus letzterem Bereich im türkischen Buchregal gehört ohne Zweifel das verbreitete „Namaz Hocası“ (zu deutsch: Gebetslehrer) von Yusuf Tavaslı, das eine für alle Alters- und Bildungsgruppen verständliche Einführung in die Praxis des rituellen Gebets, in die Regeln des Fastens im Ramadan usw. enthält und neben einer Reihe didaktischer Abschnitte auch aufzählende Passagen im Stil eines Ilmihals aufweist – so z. B. wenn aufgelistet ist, welche Handlungen während dem Fastentag im Ramadan das Fasten ungültig machen und welche nicht. Hierbei werden Begriffe des fiqh, d. h. der klassischen islamischen Rechtswissenschaft verwendet, z. B. auf Türisch „Vacip“ oder „Farz“ für Gebotenes, „Haram“ für Verbotenes, „Sünnet“ für empfohlene Praktiken des Propheten Muhammad etc.

Was haben aber Fasten und Beten bitte mit Rechtssprechung zu tun? Ganz einfach: Nach einer Unterteilung in der klassischen islamischen Rechtswissenschaft – namentlich al-fiqh (türksich: fıkıh) – die sich in den ersten Jahrhunderten des Islams entwickelt hat, kann die gesamte Sphäre der durch Koran und Sunna vermittelten Normen in verschiedene Bereiche eingeteilt werden. Zu den zentralen Bereichen gehören dabei der der ‘Ibadat (auf Gott bezogene Handlungen, also Gottesdienste) und der der Mu’amalat (Handlungen im Verhältnis zur Gesellschaft). In der islamischen Gelehrsamkeit werden die Gottesdienste also als ein Teil eines umfassenden islamischen Rechts aufgefasst. In den allermeisten Fällen meinen Muslime also nicht den Wortlaut von Koran und Hadithen, wenn sie von islamischen Geboten, Verboten, Gesetzen etc. sprechen, sondern Ergebnisse einer bestimmten Tradition innerhalb der Rechtswissenschaft al-fiqh, z. B. die Positionen der hanafitischen Rechtsschule, die unter den Türken weite Verbreitung hat. Diese Wissenschaft liefert Gebote und Verbote in erster Linie auf Basis der Primärquellen Koran und Sunna.

Wenn also von kodifiziertem islamischen Recht (einschließlich der Gottesdienste, Speisevorschriften, Strafrecht, Familienrecht etc.) die Rede ist, dann meint man stets das Recht, das die Rechtsgelehrten (also die fuqaha) per Interpretation aus Koran und Sunna abgleitet haben. Ihr Ideal war es aus Koran und Sunna das universelle, verbindliche Gesetz Gottes für alle Lebenssituationen, also die normative Shari’a, abzuleiten. Die Shari’ah im hier gemeinten Sinne (Vorsicht! Vieldeutiger und heiß umkämpfter Begriff!) liegt also nicht unmittelbar vor unserer Nase, sondern ist das Ergebnis der Interpretation in der fiqh-Wissenschaft. Selbst fundamentalistische Zugänge, wie die von manchen Salafiten und Wahhabiten, die Koran und Sunna möglichst unmittelbar umsetzen wollen, lesen diese im Lichte einer gewissen vorgeschalteten fiqh-Systematik. Diese Systematik ist nicht mit dem Text identisch – und das ist hier zunächst das Entscheidende.

Da die fiqh-Wissenschaft kompliziert ist, werden ihre Ergebnisse ohne Angabe der systematischen Herleitung und ausführlichen Begründung, und meist auch ohne Auflistung der Gegenmeinungen und Begründungsprobleme als endgültige Tatsache der breiten Bevölkerung in Form von Ilmihals, oder in Lesungen und Predigten verabreicht. Der Vorteil: Volk weiß genau, was zu tun ist. Der Nachteil: Volk weiß nicht, warum gerade dies zu tun ist. Anspruchsvollere Werke weisen auf die Herleitung und alternative Deutungen z. B. in den verschiedenen Rechtsschulen hin. Insofern ist islamisches Recht zwar methodisch aus Koran und Sunna abgeleitet. Es ist in seiner universalisierten Form jedoch stets das Ergebnis einer Interpretation ausgewiesener Gelehrter – von der Beurteilung der Authentizität von Hadithen, über die Frage nach der Allgemeingültigkeit koranischer Aussagen bis hin zur Priorisierung koranischer Normen. Und es ist pluralistisch, insofern als dass die Muslime bereits seit der Zeit der Prophetengefährten unterschiedliche Auslegungen kannten und gebilligt haben. Das Problem ist heute: Fast alle breiten fiqh-Traditionen haben den größten Teil ihrer inhaltlichen Ausgestaltung schon seit über tausend Jahren hinter sich. Diesen Boden möchte man heute jedoch nur ungern verlassen, da die Wortführer der praktizierenden Kreise den heutigen Gelehrten nicht viel mehr als Fußnoten zu den Werken der klassischen Gelehrten zutrauen. Sie bevorzugen im fiqh den taklid, d. h. die (bisweilen selektive) Übernahme der Meinungen der klassischen Gelehrten. Darum reichen vielen traditionell orientierten Muslimen Ilmihals, wenn sie wissen wollen, was im Islam nun Sache ist. In den allermeisten Fällen gibt man sich sogar schon mit einem Hörensagen im vertrauten Umfeld zufrieden. Von der fiqh-Wissenschaft kommen auf der Stufe des alltäglichen Islams daher meist nur selektive Endergebnisse, sozusagen Splitter von Ilmihal-Wissen an.

Aber es gibt noch eine Stufe vor fiqh. Die Prinzipien, nach denen die fiqh-Wissenschaft aus Koran und Sunna Normen ableitet, sind keine Selbstverständlichkeit – sie werden auch nirgends im Koran systematisch ausgeführt. Vielmehr sind diese Prinzipien Gegenstand einer Wissenschaft höherer Ordnung, also einer Wissenschaft über die fiqh-Wissenschaft, auf die alle muslimischen Autoren heute mit großem Stolz hinweisen und sie als den eigentlichen Kern der islamischen Rechtsphilosophie ausweisen, nämlich der usul al-fiqh (türkisch: fıkıh usulü), was Grundlagen (oder Methodologie) der Rechtswissenschaft bedeutet. Sie ist Rechtshermeneutik in vollstem Sinne, und ein großer Teil von ihr ist eine frühislamische Form elaborierter Sprachwissenschaft von beeindruckender Tiefe und Subtilität. Gelehrten wie Abu Hanifa hatten klare Vorstellungen von ihrem usul, jedoch wurde das erste eigenständige Werk über usul al-fiqh erst im zweiten islamischen Jahrhundert vom Rechtsgelehrten asch-Schafi’i verfasst. Im usul al-fiqh wird geklärt wie überhaupt aus einem so vielfältigen Text wie dem Koran Normen abgeleitet werden können, wie man mit Deutungsvielfalt umgeht, welchen Stellenwert die Vernunft neben dem Wortlaut der Primärquellen bei der Aufstellung von Normen hat, was überhaupt die eigentlichen Zwecke des islamischen Rechts sind, wann koranische Aussagen als universelle Norm gelesen werden müssen, und wann sie nur eingeschränkt (oder gar nicht) gültig sind etc. Hier klärt man die Interessen, die im fiqh Vorrang genießen, den Umgang mit widersprüchlichen Quellentexten und auch die Frage, wann Normen als unbedingt gelten und wann sie ein Mittel zu einem höherstufigen Zweck darstellen. Usul al-fiqh thematisiert also das Verstehen und das Aufstellen von Normen überhaupt und ich persönlich glaube, dass jede ernsthafte Diskussion über islamisches Recht und islamische Weltanschauung(en), über Deutungsmöglichkeiten und über eine Integration von Islam und Moderne früher oder später auf dieser Ebene operieren muss, wenn sie nicht schnelle Lösungen will, sondern den Dingen auf den Grund gehen möchte. Das Ilmihal-Wissen um den praktizierten Islam speist sich also aus der fiqh-Wissenschaft. Und die fiqh-Wissenschaft interpretiert Koran und Hadithe und gemäß Prinzipien höherer Ordnung, die in usul al-fiqh thematisiert und diskutiert werden. Auch die usul al-fiqh des klassischen islamischen Rechts ist wie das fiqh in sich selbst pluralistisch und war trotz breiter gemeinsamer Basis immer auch kontrovers und stellte so unter Beweis, dass genuin islamisches Denken immer auch hermeneutisches Denken ist, und dass keiner der großen Rechtsgelehrten das Verstehen als voraussetzungslos abgetan hätte. Das macht mir Mut nachzufragen, wie es zur Etablierung universeller islamischer Normen kam, und unter welchen Bedingungen man eine Flexibilität des islamischen Rechts erwarten darf bzw. muss. Und es macht mir Mut, dass man islamisches Recht begreifen, unterschiedliche Positionen vergleichen und begründet Stellung beziehen kann, ohne den Anspruch erheben zu müssen selbst ein Rechtsgelehrter sein zu wollen. Sofern es in einer Wissenschaft mit rechten Dingen zugeht, muss jeder Mensch sich selbstständig über ihre populären Ergebnisse (Ilmihal), ihren Diskurs (fiqh) und ihre hermeneutische Selbstreflexion (usul al-fiqh) informieren können. Wer sich betroffener fühlt muss sich schließlich auch ein Bild von der Passung von Gegenwartsproblemen und traditionellen Lösungen machen können. Aber er muss dazu auch den entsprechenden Atem mitbringen. Manches ist dabei ganz ähnlich wie in der Naturwissenschaft. Ich kann mich an populärwissenschaftlichen Darstellungen eines astronomischen Themas erfreuen (das ‚Ilmihal‘). Jedoch steckt hinter diesen Darstellungen die eigentliche Wissenschaft, nämlich das geduldige Beobachten und Protokollieren, der wissenschaftliche Diskurs und das Entwickeln und Verwerfen von Theorien (das ‚fiqh‘). Dieses muss ich nicht selbst durchführen – ich bin jedoch verpflichtet die wichtigsten Stationen in diesem Erkenntnisprozess nachzuvollziehen, wenn ich darüber urteilen will. Oder ich mache eine Form von taklid – das heißt, ich vertraue dem entsprechenden Wissenschaftlerteam, dass sie alles richtig beobachtet und beurteilt haben und überantworte die Stichhaltigkeit der Beweise gänzlich ihrer eigenen Kompetenz. Habe ich jedoch das dringende Interesse den endgültigen Geltungs- und Gewissheitsanspruch dieser Wissenschaft überhaupt zu beurteilen, dann muss ich früher oder später die erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundlagen astronomischer Theorien soweit es möglich ist analysieren und beurteilen (das ‚usul al-fiqh‘). Die Alternative mündet in blinde Autoritäts- bzw. Wissenschaftsgläubigkeit, die ihren Meistern eventuell Dinge zutraut, die sie mit menschlichen Mitteln nicht einlösen können.

Viele Wissenschaftler – gleichgültig ob in Naturwissenschaft oder Theologie – setzten ihre Methoden kritiklos voraus. Sie handeln dabei nicht etwa frei von ‚usul‘, also von Grundannahmen über die Prinzipien ihrer Wissenschaft überhaupt, sondern sind sich derer lediglich nicht bewusst. Reflektierte Menschen hingegen können wenigstens ansatzweise Rechenschaft über ihre Prinzipien und Methoden abgeben oder wissen zumindest, dass sie nicht voraussetzungslos handeln, sondern, dass ihre Methodologie hinterfragbar ist, Vieldeutigkeiten nicht ausschließen kann und in vielen Fällen gar keine absoluten und notwendig wahren Gewissheiten liefern kann. Nicht weil es keine Wahrheit gäbe, sondern weil sie mit unseren endlichen Erkenntnismitteln nie mit absoluter Gewissheit sichergestellt werden kann. Und wer das Gegenteil behauptet, der trete bitte vor. Sehr wohl kann aber eine vermutete Wahrheit innbrünstig geglaubt werden. Und vermutlich ist kein Glaube vollkommen, der nicht auch im bewussten Zweifel noch Liebe und Leidenschaft bewahren kann. Weise ist jedoch der, der dabei nicht vergisst, dass er letztlich glaubt, wenn auch mit bestem Gewissen und aus guten Gründen.

In einer Reihe von Fällen wird man kein Schütze sein müssen um zu erkennen, ob der Meister mit dem selben Bogenschuss auch unter den gewandelten Bedingungen von heute noch ins Schwarze treffen würde, sprich, ob das vor langer Zeit Dargebotene auch unter unseren Verhältnissen das halten kann, was es verspricht, nämlich Gottesnähe, Gerechtigkeit und Glückseligkeit – oder ob man darauf bestehen muss, dass andere Bedingungen eventuell modifizierte Zugänge zur Tradition und zur Gegenwart erfordern, und dass blinder Dogmatismus dem Islam und den Muslimen langfristig immer geschadet statt genützt haben. Jedoch gilt es gerade bei diesem heiklen und dringenden Thema auch tiefe Bescheidenheit zu üben und den altehrwürdigen Meistern geduldig zuzuhören, denn sie haben uns womöglich auch heute noch mehr zu sagen, als manchmal durch die getrübte Oberfläche der Tradition durchscheint…

Wasser in Wein verwandeln

Ein entsprechender Vorschlag kommt jetzt von Willem Buiter, der an der London School of Economics politische Ökonomie lehrt. Seine Idee: Schulden mit Hilfe islamischer Finanzmethoden in Eigenkapital zu verwandeln, statt auf Insolvenzen und Überschuldung zu setzen. Dies könne auch dem darbenden Hypothekenmarkt helfen, um aus einem Hauskredit einen Kapitalanspruch zu machen. Das Instrument sei sogar auf Staatsschulden anzuwenden: „Es ist an der Zeit, Wasser in Wein zu verwandeln“, schreibt Buiter. Denn das wesentliche Problem in der Krise sei die fehlende Kapitalisierung von Banken, Haushalten und auch Staaten.

Der Rest hier.

Warum kann es nicht sowas geben, anstatt der ganzen negativen Schlagzeilen:

At the Feminist Sexual Ethics Project, we see the legacy of slavery as the greatest obstacle to creating sexual ethics that are based on the full human dignity of all persons. We envision an ethic of sexuality rooted in freedom, mutuality, consent, responsibility, and female (as well as male) pleasure, and we are working to make that vision reality.

Thomas von der Osten-Sacken meint in seinem Artikel in der Jungle-World:

Hätte Marwa al-Sherbini kein Kopftuch getragen, wäre sie etwa eine säkular ausgerichtete Migrantin aus Ägypten gewesen – kein Mensch hätte den Vorwurf der Islamophobie erhoben. Weil sie ein Kopftuch trug, ist sie zur »Märtyrerin« erhoben worden, und – zwischen Berlin und Teheran ist man sich einig – das Messer, das sie tödlich traf, galt dem Islam, nicht ihrer Person.

Hätte Marwa al-Sherbini kein Kopftuch getragen, wäre sie etwa eine säkular ausgerichtete Migrantin aus Ägypten gewesen, würde sie wohl noch leben!

Alles andere im Blog von Omar

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