Einer der Gründe, warum es bei Wahlen in der Türkei immer hohe Wahlbeteiligung gibt, sind die begrenzten Möglichkeiten von (un-) mittelbaren Artikulationsmöglichkeiten außerhalb der Politik, die es den Menschen erlauben würden Einfluss auf politische und gesellschaftliche Prozesse zu nehmen. Veränderungen gehen oft auf Entscheidungen von Oben, der Regierung aus.

Wahlen sind oft die einzigen Möglichkeiten überhaupt noch Einfluss zu nehmen, die ihnen von (Regierungs-) Politikern zugestanden wird. Formel gibt es zivilgesellschaftliche Mechanismen, aber ihre Einflussmöglichkeiten sind sehr gering und werden durch administrative Maßnahmen domestiziert und oft auch kriminalisiert. Gesellschaftlicher Protest ist de facto verboten und wird bei jeder Gelegenheit niedergeknüppelt.

Gesellschaftlicher Protest bleibt oft auch aus bei Anschlägen oder Verfehlungen von verantwortlichen Beamten und Politikern. Im Gegenteil, sie werden oft wiedergewählt und sogar belohnt.

Demokratie ist in der Türkei nur die Wahl der Regierung (und Regionalpolitik) alle paar Jahre. Alles andere besteht darin technokratischen Abläufen zu vertrauen und wenn möglich das Maul zu halten. Der Staat und seine Organe sind heilige Elemente, die über allem stehen.

Weitergehende Einsichten bietet die neue Studie „Citizenship in Turkey and the World“ vom Istanbul Policy Center in Zusammenarbeit mit der ISSP (International Social Survey Programme). Verfasst wurde sie von zwei anerkannten Wissenschaftlern, Prof. Ersin Kalaycıoğlu und Prof. Ali Çarkoğlu. Die Studie selbst ist bis jetzt nur auf Türkisch zu lesen: Türkiye’de ve Dünya’da Vatandaşlık – 2014 ISSP Araştırma Raporu (pdf). Es gibt hier aber eine englische Zusammenfassung.