Aziz Al-Azmeh: Mohammed und die Frauen


27.10.2005 – Cicero Online Exklusiv: Dieser Essay wurde in der Cicero September-Ausgabe 2005 in einer gekürzten Version gedruckt. Exklusiv lesen Sie hier den vollständigen Text von Professor Aziz Al-Azmeh.

Wie es einem Propheten geziemt, hat vieles von dem, was Mohammed widerfuhr oder angeblich widerfuhr, den Anschein eines Wunders. Wunder, die sich auf Propheten beziehen, werden gemeinhin mit Achtung und Ehrfurcht betrachtet oder sie werden umgekehrt – je nach Einstellung – für unglaubwürdig und abstoßend gehalten.

In jedem Fall scheint das Definieren einer historischen Person als ein Wunder den gesunden Menschenverstand zu vernebeln. Am ausgeprägtesten ist solch eine Mystifizierung heutzutage wohl im Falle Mohammeds, und zwar sowohl durch seine Anhänger als auch durch seine Verleumder. Die einen sind freudig verzückt, während die anderen dem Propheten weder die Vorteile der wohlwollenden Anwandlungen von Toleranz zuteil werden lassen, die sich das westliche Christentum in den letzten zwei Jahrhunderten abgerungen hat, noch die des sentimentalen und politisch korrekten Philo-Semitismus, der (besonders in Deutschland) auf den zweiten Weltkrieg folgte.

Das Thema „Mohammed und den Frauen“ ist ein zentraler Punkt der Anti-Mohammed-Polemik und besonders typisch für die Islamophobie, die seit dem Mittelalter immer wieder die gleichen Geschichten voller grausamer Details wiederholt. Blutleere christliche Mysogynisten, ihre Herzen beim Gedanken an Gott und an ihre Körper gleichermaßen von Grausen erfüllt, sprachen schon damals lüstern von Mohammeds ungeheuerer Unanständigkeit; viel zu viele US-Prediger tun es heute noch. Dies nährt zeitgenössische Polemik über jenen scheinbar unersättlichen Mann, der die Straßen von Köln mit geschlechtslosen, erkennbar weiblichen, doch ansonsten undeutlichen Körpern überzieht, deren Köpfe in einem bizarren Akt der Selbsterniedrigung verborgen sind. Dieses Sinnbild des Islam wird von der symbolischen Selbst-Dramatisierung derjenigen ergänzt, die sich für die wahren Anhänger von Mohammeds Lehren und Leben halten. Sie genießen genau den gleichen Aspekt von Gesichtslosigkeit, ja, sie feiern ihn sogar triumphierend.

Offenbar ist Mohammed zwischen zwei Images, dem sexuell ausschweifenden und dem frauenfeindlichen gefangen, und keins davon läßt ihn gut aussehen. Ebenso ist er zwischen zwei Epochen gefangen: Mohammed war ein Mann seiner Zeit, dessen Biographie eine Mischung aus Legende und plausiblen, jedoch nicht verifizierbaren Erzählungen ist. Dennoch wurde vieles, was noch heute gilt, auf ihn zurückgeführt – und der Großteil dieser ihm zugeschriebenen Normen ist anachronistisch.

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Abgesehen davon, was wissen wir wirklich von Mohammed und den Frauen? Was haben wir außer Geschichten über seine außerordentliche Virilität, von denen die islamischen Quellen nur so strotzen? Einige rühmen sie gar, der von 40 Männern gleichzeitig zu entsprechen, ohne das genauer zu definieren, bis auf die Behauptung, daß er Frauen mochte und genoß. Was wissen wir, außer dass ihm andererseits alle schmachvollen Regeln, die einige der rückständigeren und nervöseren islamischen Gemeinschaften ihren Frauen heute auferlegen, zugeschrieben werden, inklusive derer, die sich einige Muslimas (oder Mosleminnen) selbst auferlegen?

Es ist schwierig, durch den Nebel der prophetischen Legenden, der Heiligengeschichten und Stereotypen etwas zu erkennen, obwohl es viele Berichte von Mohammeds Allzumenschlichkeit gibt. Nicht zuletzt liegt das an der Unvollständigkeit seiner Biographie. Sie wird in einigen spätantiken und frühmittelalterlichen arabischen Quellen skizziert, aber wenig davon ist zuverlässig, und das meiste wurde lang nach seinem Tod geschrieben. Obwohl die Folgen seines Wirkens geschichtlich nachvollziehbar sind, ist Mohammeds Biographie noch sehr unklar, obgleich sie, anders als die von Moses, aus einigen historisch nachweisbaren Fakten besteht. Diese jedoch sind überzogen von einem undurchsichtigen Gewebe aus jeder Menge Hörensagen, frommen Traditionen, heroischen Erzählungen und prophetischen Stereotypen.

Der Koran, kann uns nur wenig Material liefern. Obwohl es einige seiner Anhänger und auch seine Kritiker behaupten, ist der Koran nicht seine Biographie. Genau so wenig ist der Koran eine DNA-Blaupause, die getreulich die Geschichte der Moslems wiedergibt, wie auch die Evangelien nicht in der Lage sind, das Leben der Christen im Lauf der Zeiten wiederzugeben. Tatsächlich ist die Hauptquelle seiner Biographie eine Sammlung von Erzählungen, die Hadith genannt werden: prophetische Sprüche sowie Berichte seiner Reden und Taten, vieles davon zweifelhaft, wie es sehr wohl von mittelalterlichen Moslems erahnt wurde. Dazu kommt ein Teil biographisches und historisches (und quasi-historisches Material).

Die kritische Forschung am alten und neuen Testament hat gemeinsam mit der modernen Archäologie viel exaktes Wissen zur Frühgeschichte von Jesus und den Israeliten zu Tage gebracht. Das kanonische und halb-kanonische Material des Islam wurde dagegen noch nie systematisch solch einer historisch-kritischen Exegese unterzogen. Am besten beginnen wir im westlichen Arabien des 6. und frühen 7. Jahrhunderts, wo Mohammed geboren wurde, die meiste Zeit lebte und 632 starb. Bemerkenswert ist seine Darstellung als ein Mann, der den Frauen, die ihm am nächsten standen, sehr viel verdankte. Er wurde von seiner Mutter Amina großgezogen – sein Vater starb, als er noch sehr jung war – und diese Dame wird von den Moslems sehr verehrt. Ihr Name wird vielen islamischen Mädchen als Segen gegeben.

Seine erste Frau Khadija war beträchtlich älter als er. Sie war seine adlige und wohlhabende Gönnerin und fast mütterliche Beschützerin in Zeiten von Missgeschick und Verwirrung und eine ziemlich mustergültige Matrone. So lange sie lebte, heiratete er weder weitere Frauen noch gab er sich mit ihnen ab. Auch Khadijas gedenken die Moslems mit großer Andacht, nicht zuletzt, weil sie für ihn sorgte in seiner Angst und dem Schrecken, den seine Begegnung mit dem Göttlichen hervorbrachte.

In den Quellen, so zweifelhaft sie sind, gibt es viele rührende Geschichten, wie er bei ihr Rat und Zuflucht sucht, und sie bittet, ihn zu schützen und zu wärmen, während er bebte, nachdem er seine Visionen empfangen hatte. Sie war die erste, die mit Bereitwilligkeit und Ermutigung Mohammeds neue Religion annahm. In der islamischen Tradition wird sie „Mutter der Gläubigen“ genannt. Sie war die Mutter seines früh verstorbenen Sohns und seiner Lieblingstochter Fatima. Was Sexualität angeht: wer auch immer die arabischen Quellen von Mohammeds Biographie liest, geht sofort aller möglichen Annahmen von Puritanismus verlustig, die er in seinen Lehren vermuten mag. Die puritanische Neigung, die man heute bei vielen Moslems spürt, ist ziemlich neu. Sie kam wie eine Welle der Viktorianisierung im späten 19. Jahrhundert, hauptsächlich als Rechtfertigung und Verteidigung gegen westliche christliche Polemik.

Die zweite Welle kam mit einer gewissen „Saudifizierung“ im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Wer die Überlieferungen über Mohammed liest, die sich über die Jahrhunderte verdichtet haben und Skepsis über ihre Zuverlässigkeit und die Überfülle des Legendenstoffs einmal beiseite läßt, dem würde zuerst der fast komplette Mangel an verbaler Zurückhaltung auffallen, was die sexuellen Angelegenheiten Mohammeds männlicher und weiblicher Zeitgenossen angeht.

Es stimmt, dass im Laufe der Zeit islamische Frauen immer stärker unterdrückt und weniger sichtbar wurden (obwohl keinesfalls unsichtbar), und fromm dazu tendierten, sich zu wünschen, als gute Hausherrin wahrgenommen zu werden, ähnlich der Matrone, wie sie dem Leser aus der Zeit des alten Rom vertraut ist. Nichtsdestotrotz setzte währenddessen ein Reihe von hochgradig und kostspielig musikalisch ausgebildeten Kurtisanen und Konkubinen die Sitte vom schlagfertigen, bodenständigen Klatsch und Tratsch fort. Von diesen liebreizenden Frauen nahm man an, dass sie eine Tradition weiterführten, für die die Stadt Medina lange berüchtigt war. Und in der Tat wuchs Mohammed in einer Gesellschaft auf, der einige Historiker die Überbleibsel eines Systems der Vielmännerei (Polyandrie) zuschreiben, die friedlich neben Polygamie und Konkubinat – entsprechend den finanziellen Mitteln eines Mannes – existierten. Abgesehen von der formellen Heirat, die die Zahlung einer Brautpreises miteinbezog (was von Mohammed nochmals bekräftigt wurde und als wichtiger Bestandteil in den islamischen Ehevertrag einging, der nie kirchlich, sondern stets rein rechtlich war), hatten die Araber, unter denen Mohammed aufwuchs, auch andere Gebräuche, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen zu regeln.

Frauen und die Männer mischten sich ganz ungezwungen, einige Frauen umkreisten sogar nackt die Ka`ba, wie einige Männer auch. Besonders geschiedenen Frauen wurde gewöhnlich ein großes Maß an sexueller Freiheit eingeräumt. Das ging soweit, dass eine Frau mit mehreren Liebhabern den legalen Vater ihres Kindes ganz einfach selbst aus dem Kreis ihrer Partner bestimmen konnte. Prostitution und Konkubinat waren in Handels- und Pilgerstädten wie Mekka problemlos und ganz öffentlich zugänglich. Und die Leute schienen sich über sexuelle Angelegenheiten freizügig zu unterhalten, mit viel Witz und handfestem Schalk, wie es zu einer verhältnismäßig einfachen Gesellschaft passen würde.

Viel ist in den Quellen zu lesen über die Neigungen Mohammeds für die Frauen seiner eigenen Familie, am meisten für seine Tochter Fatima, die in diversen islamischen Traditionen ähnlich ihrer Mutter Khadija, einen verehrungswürdigen, manchmal heiligen und fast Maria-ähnlichen Status erwarb. Khadija, Fatima und Maria, die jungfräuliche Mutter von Jesus, laut Koran geschwängert vom heiligen Geist, dies sind im Allgemeinen die Frauen, die von Moslems am meisten verehrt werden. Viel wird auch erzählt über Mohammeds Wertschätzung der Frauen, mit recht intimen Details über seine Beziehung zu seinen Ehefrauen und Konkubinen, über seine Vorliebe für Vorspiel. Man sagt ihm nach, er habe Männer beschimpft, die sich wie Rammler aufführten, habe ihnen erklärt, dass sie ihre Partnerin küssen und berühren sollen und ihnen geraten:

„Du muß mit ihr spielen und sie mit dir spielen lassen.“ Nicht sehr überraschend, dass auch eine ganze Menge Details über Uneinigkeiten überliefert wurde, die Mohammed mit ein paar seiner elf Frauen hatte (neun gleichzeitig, doch alle nach Khadijas Tod). Auch Eifersucht unter seinen Ehefrauen ist ein Thema.

Einmal brach er die Vereinbarung, die er mit ihnen hatte und die jeder Frau reihum einen Tag und eine Nacht mit ihm erlaubte: An dem Tag, der Hafsa gehörte, schlief er mit dem neuen Objekt seiner Begierde, Maria der Ägypterin. Infolge davon musste er eine skandalöse Indiskretion und eine Allianz zwischen Hafsa und seiner streitbaren jüngeren Frau Aisha einstecken. Schließlich war Maria nichts weiter als eine Konkubine, während Hafsa und Aisha die Töchter von zwei seiner engsten Verbündeten, Abu Bakr und Umar waren, die nacheinander das Kalifat nach seinem Tod annehmen sollten. Und Maria goß noch Öl ins Feuer, indem sie Mohammed mit einem Sohn versah (der als Kind starb), während seine hochwohlgeborenen Frauen unfruchtbar waren.

Als Erwiderung auf dieses Bündnis beleidigter Frauen und dem potentiellen ehelichen Boykott, verließ er sie beide für 29 Tage, und Gott kam ihm zu Hilfe. Er sandte ihm den Koranvers: „Falls er dich scheidet, gibt Gott ihm möglicherweise bessere Frauen als dir, fromme Moslems, gute Gläubige, reuig, fromm und zum Fasten bereit.“

Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass Mohammed, die Quelle aller Autorität, als Sieger aus dieser Debatte hervorging. Wir haben auch Berichte über Anschuldigungen der Untreue gegen seine liebste und jüngste Frau Aisha, die noch eine wichtige politische Rolle nach seinem Tod spielen sollte, Anschuldigungen, die Mohammed nicht glauben wollte.

Seine Heirat mit Aisha wurde von Kritikern vom Mittelalter bis zur heutigen Zeit als skandalös betrachtet. Er war schon ein Mann mittleren Alters, als er sie, eine Neunjährige, heiratete. Im Arabien seiner Zeit war es jedoch, wie in anderen archaischen Gesellschaften auch, nicht ungewöhnlich, Mädchen (und Jungen) bei beginnender Pubertät zu verheiraten. Dies ist ein weiterer der wenigen Fälle, in denen der Koran Fakten hinsichtlich der Neigungen Mohammeds und seiner Zeitgenossen wiedergibt. Da gibt es die berühmte „Halsketten-Affäre„. Es ist die Geschichte von Aisha, die die Nacht – keine Ahnung, womit – bei einem stattlichen jungen Mann verbringt, und sagt, sie hätte sich in der Wüste verlaufen, als sie nach einer Halskette suchte, die sie verloren hatte. Abermals griff Gott ein und sandte hinab die berühmten Verse über Verleumdung, Ehebruch und Lästermäuler – wie sie im Koran stehen:

„Die Verleumder waren eine kleine Gruppe unter Ihnen. Das ist kein Unglück für dich… Jeder von ihnen trägt die Schuld, die er sich selbst erworben hat. Und wer die Hauptschuld trägt, dessen Bestrafung wird in der Tat schrecklich sein. Warum, als du es hörtest, hast du Gläubiger nicht gesagt: das ist eine offenkundige Lüge? Wenn sie wenigstens vier Zeugen gebracht hätten! Aber sie hatten keine Zeugen. Sie sind Lügner in den Augen Gottes… Als du es hörtest, sagtest du nicht: Es ist nicht unsere Aufgabe, darüber zu sprechen, gepriesen seist Du! Dies ist ungeheuere Verleumdung.“

Zwei Punkte sind hier interessant: dass das klassische islamische Gesetz gegen Verleumdung, besonders was Anschuldigungen ehelicher Untreue betrifft, extrem strenge Regelungen hinsichtlich der Beweisführung bekam. Vier Zeugen werden benötigt, die den sexuellen Akt direkt und en detail beobachtet haben, andernfalls ist es eine Verleumdung, die streng bestraft wird. Zweitens hat Aisha selbst, die freigeistige Frau Mohammeds – obwohl sie die Begünstigte seiner guten Beziehung zu Gott war, der ihm stets passende Koranverse sandte – beißende Bemerkungen darüber gemacht. Wie man erzählt, soll sie gesagt haben: „Falls der Prophet irgendwas an dieser Offenbarung im Verborgen gelassen hätte, wären es jene Verse, die er hätte verstecken sollen .“

Es existieren auch viele Geschichten über seine Leidenschaft für Zaynab, die Frau seines Adoptivsohns Said, seitdem er unverhofft die Gelegenheit hatte, ein Auge auf ihren Körper zu werfen. Sie wurde umgehend geschieden und mit Mohammed verheiratet. Zur Rechtfertigung der Episode wurde eine weitere Koran-Offenbarung ausgesprochen: „Der Wille Gottes geschehe! … Mohammed ist der Vater keines Mannes unter euch. Er ist der Bote Gottes und das Siegel der Propheten.“ Mohammed war über so etwas wie Beziehungen und Konventionen eindeutig erhaben.

Prof. Dr. Aziz Al-Azmeh

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