Stefan Wild: Sure 1 Vers 1. So beginnt der Koran


Erläutert von Prof. em. Dr. Stefan Wild

Ausgestrahlt am 10.04.2015, Deutschlandfunk / Der Koran erklärt, 09.55h

Sure 1, Vers 1 markiert den Beginn des Korans und gehört zu den kürzesten Versen. Dennoch haben die Worte eine überaus zentrale Bedeutung. Es geht um die göttliche Barmherzigkeit gegenüber dem fehlbaren Menschen – was nicht heißt, dass Gott nur barmherzig ist.

„Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.“

Mit diesen Worten beginnt nicht nur Sure 1, Vers 1. Mit diesen Worten beginnen 113 der insgesamt 114 Suren des Korans. Gleichzeitig sind sie die geläufigste islamisch-arabische Frömmigkeitsformel. Vor dem Essen und vor einer Autofahrt, aber auch vor einer öffentlichen Rede wird sie gesprochen. Geschrieben leitet sie häufig Verträge, Briefe oder Bücher ein. Sie baumelt als Talisman am Rückspiegel des Taxifahrers und hat unzählige Kalligrafen zu Meisterleistungen arabischer Schriftkultur angeregt.

Wer den Namen Gottes kennt, hat einen privilegierten Zugang zu seinem Gott. In den drei untereinander verwandten monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam wird der Name Gottes verschieden gewertet: Der Jude kennt den Namen des einen Gottes, aber er darf ihn nicht aussprechen. Der Christ bekreuzigt sich im Namen eines dreifaltigen Gottes. Und der Muslim beruft sich auf einen zweifach barmherzigen Gott.

Die Wertigkeit dieser Formel im Koran war jedoch seit den ältesten Zeiten umstritten. Manche Gelehrte der Frühzeit hielten sie für später eingefügt oder betrachteten sie als ein Mittel, um die Suren deutlich voneinander zu trennen. Damit ließen sie diese Worte nicht in jedem Einzelfall als unmittelbar geoffenbartes Wort Gottes gelten. Um das zu markieren, rezitierten die Anhänger dieser Lehre die Formel nicht, sondern lasen sie lautlos.

Mit den zwei arabischen Wörtern, die mit „Erbarmer“ und „Barmherziger“ übersetzt werden können, hat es eine besondere Bewandtnis. In Arabien gab es zur Zeit des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert nach Christus nicht nur jüdische und christliche Monotheisten. Es gab auch Stämme, die an eine einzige Stammesgottheit glaubten, ohne Juden oder Christen zu sein. Eine dieser Gottheiten, die in Südarabien verehrt wurde, trug den Namen „der Erbarmer„. Darauf bezieht sich wohl der Koran, wenn es in Sure 17, Vers 110 heißt:

Rufet Gott an oder rufet den Erbarmer an, wie ihr ihn auch anrufen mögt. Sein sind die schönsten Namen.

Damit überzeugte der Koran die Anhänger des Propheten Mohammed davon, dass der Gott mit dem arabischen Namen „Allah“ und der Gott mit dem Namen „Erbarmer“ – auf Arabisch heißt er: ar-Rahman – ein und dieselbe Gottheit waren. Muslimische Exegeten sehen heute in den Namen „Erbarmer“ und „Barmherziger“ meist zwei verschiedene Aspekte göttlicher Barmherzigkeit.

Erbarmer“ und „Barmherziger“ gehören also im Koran zu den sogenannten „schönsten Namen Gottes„. Mit diesen und anderen auf Gott bezogenen Beinamen wurden und werden beliebte islamische Personennamen gebildet. Sie unterliegen meist dem Muster: „Diener des Barmherzigen„, „Diener des Einen„, „Diener des Mächtigen“ und so weiter. Muslime kennen 99 dieser „schönsten Namen Gottes„. 99 Perlen hat daher auch der islamische Rosenkranz.

Der Koran unterstreicht mit der Formel: „Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen“ die göttliche Barmherzigkeit gegenüber dem fehlbaren Menschen als eine der Grundlagen göttlich-menschlicher Beziehung. „Islam ist Barmherzigkeit“ betitelte sogar kürzlich ein moderner muslimischer Exeget eines seiner Bücher. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Alle drei großen monotheistischen Religionen kennen sowohl den barmherzigen wie den zürnenden und strafenden Gott. Im Koran kann Gott zürnen. Der Koran lässt den Propheten kämpfen und töten. Keine der monotheistischen Religionen ist in ihrer Geschichte und in ihrer Lehre ausschließlich barmherzig gewesen, auch der Islam nicht.

 

 

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