Hadithe datieren


Lesewerk Arabisch und Islam

For the happy few 1

Die Mehrzahl der nichtislamischen Gelehrten geht davon aus, dass wenige oder gar keine Hadithe wirklich auf den Propheten Mohammed zurückgehen. Aber wenn das so ist, von wann datieren sie denn? Als Leser von Hadithen habe ich das Gefühl, dass sie in Mehrzahl zwischen  700 und 750 entstanden sind und dass bis ca. 900 noch viele dazu kamen.
Die ahl al-djamā‘a was-sunna begannen nämlich nach ca. 715 die verhasste Sunna der Umayyadenkalifen durch die des Propheten zu ersetzen. Und um ein konkretes Beispiel zu nennen: könnten die Texte zum Bilderverbot nicht entstanden sein als man 695 in Konstantinopel ein Christuskopf auf den Münzen gesetzt hatte und der Umayyadenkalif ‘Abd al-Malik demzufolge fortan auf jeden Kopf verzichtete? Oder als die seit langem schwelende Debatte zu den Ikonen in der griechischen Kirche in den Jahren nach 730 zum Ausbruch kam, während der Kirchenvater Johannes von Damaskus mitten im Umayyadenreich…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.363 weitere Wörter

2 thoughts on “Hadithe datieren

  1. Das Bemühen der nichtmuslimischen Islamwissenschaftler scheint letztlich darauf begründet und daraufhin ausgerichtet zu sein, den Nachweis zu erbringen, daß die zweite der islamischen Quellen nach dem Koran, nämlich die Sunna, nicht von Gott eingegeben ist, und vielleicht nicht einmal von Muḥammad – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – kommt, sondern von späteren Muslimen. Das würde jedoch voraussetzen, daß die Mehrzahl der muslimischen Überlieferer sich in einer gewaltigen Massenverschwörung zusammengetan haben müßte, um solche Überlieferungen übereinstimmend zu erfinden, oder daß die überwiegende Mehrzahl der Muslime schlichtweg teils Lügner und teils Dummköpfe waren, die diesen Lügnern geglaubt haben. Diese implizite Unterstellung kann man auch als Beleidigung und Verleumdung der gesammten islamischen Umma ansehen.
    M. M. al-A´zami wirft Schacht und seinesgleichen vor, für ihre Untersuchungen auf die falschen Quellen zurückgegriffen zu haben, nämlich Fiqh-Werke, in denen die Hadithe meist nur mit verkürzten Isnaden zitiert werden. Daraus habe er fälschlich geschlossen, daß die Isnade erst im nachhinein erfunden, bzw. „entwickelt“ wurden. Gewiß – und das wird wohl kaum jemand leugnen können – hat es Sicherheitslücken gegeben, durch die erfundene Überlieferungen einen äußerlich einwandfreien Isnad bekamen und u. a. auch in die Sahih-Werke aufgenommen wurden, aber es handelt sich bei diesen Hadithen um eine Minderzahl. Weil zur Zeit, als die Hadithe an Bedeutung gewannen und Verbreitung fanden, zahlreiche davon erfunden und gefälscht wurden, wurden ja erst die strengen Maßstäbe zur Gewährleistung der Authentizität aufgestellt und eingeführt – auch wenn es in vielen Fällen bereits zu spät war und die Fälschungen und Erfindungen nicht mehr aufgedeckt werden konnten. Trotzdem ist davon auszugehen, daß die große Mehrzahl der als einwandfrei (ṣaḥīḥ) eingestuften Hadithe auch ṣaḥīḥ ist und auf den Propheten Muḥammad – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – zurückgeht – und nicht, wie die nichtmuslimischen Hadith-Wissenschaftler behaupten, nur ganz wenige oder gar keine.
    Gewiß haben viele Hadithe Varianten mit unterschiedlichen, sich z. T. widersprechenden Einzelheiten, aber irgendwo sind sie, wie von Serdar Günesch dargelegt, auf eine gemeinsame Stamm-Version (gemeinsames Bindeglied) zurückzuführen. Das bedeutet natürlich nicht, daß diese der Anfang ist – wie die nichtmuslimischen Hadith-Wissenschaftler behaupten – sondern sie gehen in den meisten Fällen weiter zurück – bis auf den Propheten – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen. Und das ist eben der Punkt, in dem sich muslimische von nichtmuslimischen Hadith-Wissenschaftlern unterscheiden: die ersteren vertrauen den Überlieferern grundsätzlich, solange nicht deren Unzuverlässigkeit nachgewiesen ist, während die letzteren sie grundsätzlich als Lügner und unzuverlässig ansehen.
    Aus den Isnaden zahlreicher Hadithe ist zu erkennen, daß sie vom Prophetengefährten an den Sohn und von diesem an den Enkel, also innerhalb der Familie weitergeben wurden, bevor sie sich nach der zweiten, dritten oder vierten Generation (gemeinsames Bindeglied) in verzweigten Varianten verbreiteten. Die Grundaussage im Matn und der Isnad waren also von Anfang an vorhanden, auch wenn die Hadithe häufig erst nach dem ersten Jh. d. H. weite Verbreitung fanden. Manche gaben den Wortlaut des Matn wortgetreu weiter, andere mehr dem Sinn nach.
    Bereits zu Anfang gab es Leute, wie ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb, der zwei Zeugen zur Annahme eines Hadithes forderte, die größten Wert auf den gesicherten Beleg eines Hadithes und einen einwandfreien Isnad legten. Wenn man – wie jene „Islamwissenschaftler“ – jedoch die Glaubwürdigkeit der muslimischen Überlieferer grundsätzlich in Frage stellt, dann kann man schlauerweise (oder perfiderweise) auch solche Überlieferungen, aus denen die Existenz von Isnaden von Anfang an hervorgeht, als spätere Erfindungen abtun und verleugnen.
    Was erforderlich ist, ist wirklich islamische Hadith-Kritik, wie sie bereits ansatzweise von einigen muslimischen Gelehrten, wie Dr. Muhammad Sa´id Ḥawwa in ´Amman, betrieben wird. Es gibt auch in den Sahih-Sammlungen ein paar Hadithe, die offensichtlich nicht vom Propheten des Islams stammen können. Leider jedoch sehen sich solche Gelehrte mit ihrer berechtigten Kritik an diesen Überlieferungen den Anfeindungen und dem geistigen Terror von Muslimen gegenüber, die meinen, sie müßten die angezweifelten Hadithe auf jeden Fall und mit allen Mitteln vor jeglicher Kritik verteidigen, da sonst das Gebäude der islamischen Religion als Ganzes einstürzen würde. Auch werden sie – bei größter Bemühung um sachliche Kritik – nicht mit den nichtmuslimischen Hadith-Kritikern auf einen Nenner kommen, da – wie erwähnt – das Bemühen letzterer es ist, den Islam als Religion von Grund auf zu widerlegen und als menschliche Erfindung und Lüge abzutun. Die qualifizierten muslimischen Hadith-Kritiker werden im Abendland wohl kaum Beachtung finden, da es nicht ihr Ziel ist, die islamische Religion zu widerlegen oder niederzureißen, sondern von Unrat zu reinigen, der durch einige Sicherheitslücken eingedrungen ist.
    Interessant sind bspw. auch die Ausführungen des schi´itischen Gelehrten Aḥmad al-Kātib (Pseudonym) (https://www.youtube.com/watch?v=WCyoJ-l2w0g) über die Entstehung der Überlieferung, wonach ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb bei seiner Stürmung des Hauses von ʿAlī ibn Abī Ṭālib und Fāṭima die Tür so heftig auf deren Bauch geschlagen habe, daß sie dadurch ihr ungeborenes Kind verlor und nicht lange darauf starb. Bei seinen Forschungen fand er heraus, daß diese Überlieferung erst ab der letzten Hälfte des 3. Jhs. d. H. in sunnnitischen Quellen erwähnt wird, in schi´itischen erst ab dem 4. Jh., und keinen auf Überlieferer des 1. Jhs. zurückgehenden Isnad hat. In der Urfassung dieser Geschichte bedrängt ʿUmar ʿAlī nur, doch endlich Abū Bakr den Treueid als Kalifen zu leisten. Von Variante zu Variante kamen später immer weitere Einzelheiten hinzu, bis zur Inbrandsteckung des Hauses, bzw. der Haustür, und einem Nagel darin, der in Fāṭimas Bauch eindrang. Diese ganze Überlieferung hat jedoch – wie gesagt – keinen Isnād – auch keinen erfundenen –, der auf die Zeit vor ihrer Entstehung zurückgeführt wird.
    Aḥmad al-Kātib erläutert auch, daß er auf Grund seiner Untersuchungen zum Ergebnis gekommen ist, daß das schi´itische Dogma vom verborgenen 12. Imam, der als Mahdi wiederkehren soll, bloße Erfindung ist. Weiterhin erwähnt er, von den insgesamt 12.000 ? Überlieferungen in der grundlegenden schi´itischen Hadith-Sammlung „Al-Kāfī“ seien nur ca. 2000 als authentisch, bzw. einwandfrei, anzusehen.
    Wie gesagt, es gibt wissenschaftlich und sachlich arbeitende muslimische Hadith-Kritiker, doch bleiben diese im Abendland nahezu unbekannt, da sie nicht die Substanz der islamischen Religion anrühren und nicht dem (ungeschriebenen und unausgesprochenen, auf Voreingenommenheit beruhenden) Konsens der westlichen nichtmuslimischen „Islamwissenschaftler“ zustimmen.
    Dr. M Ḥawwạ̄ sagt: Die Quelle sowohl des Korans als auch der Sunna ist dieselbe: göttliche Eingebung. Daraus folgt, daß es zwischen beiden keinen Widerspruch geben darf. Sollten Hadithe im Widerspruch zu koranischen Aussagen, anderen als einwandfrei (ṣaḥīḥ) eingestuften Hadithen, allgemein anerkannten islamischen Glaubenslehren, heute allgemein anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen oder dem gesunden Menschenverstand stehen, dann kann mit ihnen etwas nicht stimmen, und sie müssen von einem Fachmann in ihrem Isnād und ihrem Matn auf verborgene Schwächen (ʿilal ḫafiya) hin untersucht werden. Meistens kann man dann auch fündig werden. Aber dann muß man den Mut haben einzugestehen, daß sich mit diesen zweifelhaften Hadithen Fehler eingeschlichen haben, und diese als solche kennzeichnen, anstatt – wie dies bisher die meisten traditionellen Gelehrten tun – zu versuchen, diese Widersprüche mit der bizarrsten Gedankenakrobatik, Sinnverdrehung oder falscher Logik in Einklang bringen zu wollen.
    Unter der „Datierung von Hadithen“ verstehen die Muslime etwas anderes als die von Serdar Günesch dargelegte Methode der nichtmuslimischen Islamwissenschaftler, nämlich die zeitliche Bestimmung und Zuordnung zur Biographie des Gesandten Allahs – Friede sei auf ihm –, wann er etwas im Hadith Überliefertes sagte oder tat, da – wie gesagt – die Muslime davon ausgehen, daß die meisten Hadithe tatsächlich auf den Propheten zurückzuführen sind.

    Gefällt mir

  2. Pingback: Muslimische vs Nicht-muslimische Hadithkritik | Serdargunes' Blog

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s