Prophet Mohammed: „Er brachte den Arabern den Monotheismus“


→Teil 1 der Reihe „Historischer Mohammed – überlieferter Mohammed“

Deutschlandfunk – „Tag für Tag“ – 16.03.2015

Rüdiger Achenbach im Gespräch mit Stefan Wild

Der Islam ist wie keine andere Religion mit der Figur seines Stifters verbunden. Die Worte und Reden des Propheten Mohammeds sind die Grundlagen der muslimischen Gesellschafts- und Werteordnung. Der Islamwissenschaftler Stefan Wild erläutert im Gespräch die Anfänge des Propheten und warum eine Frau die erste Gläubige war.

Rüdiger Achenbach: Herr Wild, Mohammed ist ungefähr um das Jahr 570 geboren. Was weiß man über dieses Geburtsdatum?

Stefan Wild: Man weiß fast nichts. Man kennt weder den Tag noch den Monat, noch nicht das Jahr und nicht einmal das Jahrzehnt. Der Geburtstag des Propheten wird traditionell in den meisten islamischen Ländern als ein großes frohes Volksfest gefeiert. Aber für das Datum – als Historiker muss man sagen – weiß man gar nichts.

Achenbach: Das heißt also, man hat hier von einer religiösen Tradition auszugehen, die im Laufe der Zeit entstanden ist.

Wild: Ja. Und diese Tradition wird gar nicht von allen Muslimen in der gleichen Weise bejaht. Es ist ein großes Volksfest, wie ich das sagte, aber es gibt strengere Richtungen. Der strengere islamische Gelehrte, die sagen, diese Volksfeste seien eigentlich mit dem Charakter des Islam schwer zu vereinen. Aber das sind vielleicht doch Außenseiter-Stimmen. Immerhin ist es interessant, dass gerade in Saudi-Arabien, dem Land der heiligen Stätten Mekka und Medina, die Feier des Geburtstags des Propheten eine nicht unproblematische Sache ist.

Zwei Arten von Quellen

Achenbach: Was ist überhaupt über die Herkunft des Propheten Mohammed bekannt?

Wild: Man muss zwei Arten von Quellen unterscheiden. Es gibt einige ganz wenige nicht-islamische Quellen, in denen der Name des Propheten vorkommt, in denen etwas über den Propheten berichtet wird. Das sind armenische Texte und syrisch-aramäische Texte. Die meisten Texte, die weitaus meisten Texte mit einem großen Reichtum an Informationen stammen aus dem islamisch-arabischen Bereich und sind von Leuten geschrieben – zunächst einmal mündlich überliefert und dann geschrieben, die selber schon Muslime waren. Das gibt für den Historiker ein Problem. Wieweit sind diese Informationen, die solche Quellen geben, in einer bestimmten Weise gefärbt.

Achenbach: Aber man kann doch wohl davon ausgehen, dass er tatsächlich in Mekka geboren ist. Diese Stadt war ja in dieser Zeit – Anfang des 7. Jahrhunderts zum Beispiel – ein ganz entscheidendes Handelszentrum auf der arabischen Halbinsel.

Wild: Ja. Es war ein Handelszentrum. Man darf sich das nicht zu modern vorstellen. Man muss sich vorstellen zum Beispiel, dass die Häuser Hütten waren mit einem Palmen-Bastdach oder so etwas. Es gab keine wahrscheinlich kaum festgemauerte Häuser – die mag es in Einzelfällen gegeben haben. Aber Mekka war ein kleiner Platz, der seine Hauptbedeutung auch als Handelsplatz darin hatte, dass er ein Treffpunkt von Karawanenwegen war.

Achenbach: Das heißt, sie kreuzten sich dort.

Wild: Es kreuzten sich verschiedene Handelswege von Süd-Arabien nach Nord-Arabien und weiter auch bis zum Mittelmeer. Und er hatte ein uraltes Heiligtum, was sehr besucht war und das später im Islam als die Kaaba eine große Rolle spielen sollte.

Der erste Gläubige war eine Frau

Achenbach: Mohammed, so wird auf jeden Fall überliefert, war Geschäftsmann – wie viele andere Bewohner in Mekka auch. Was ist darüber bekannt?

Wild: In dieser zweiten Art von Quellen, die ich nannte, in der islamischen Überlieferung wird einiges berichtet. Man kann in vielen Fällen sicher davon ausgehen, dass diese Überlieferung Richtiges berichtet. Es gibt keinen Grund, hyper-skeptisch gegenüber Quellen zu sein – gerade in Dingen, die nun nicht das eigentlich Religiöse zentral berühren. Es liegt sehr nahe, dass der Prophet Mohammed als junger Mann auch in diesem Handel tätig war. Es gibt die Geschichte, dass ihm das ermöglicht wurde durch eine reiche ältere Kaufmannsfrau, die er dann geheiratet hat und die die erste Frau des Propheten war. Übrigens nicht nur die erste Frau, sondern auch die erste Muslimin, die erste Gläubige. Also, der erste Mensch, der dem Propheten glaubte, wieder nach der Überlieferung, war nicht ein Mann, sondern war seine Frau Chadidscha.

Achenbach: Nun war die Gesellschaftsordnung der Araber vor allem durch die Stammeskultur geprägt. Wie wirkte sich das auf das soziale und politische Leben in Mekka aus?

Wild: Das weiß man nun wieder relativ gut, weil man solche Stammesstrukturen, die sich durch die Geschichte hindurch zum Teil ja gehalten haben, relativ gut kennt. Mekka war nicht Wüste, aber Mekka lag doch am Rand der Wüste. Und die Stämme, die Mekka beherrschten waren zum Teil nomadische Stämme, die also durch die Wüste zogen mit ihren Tieren. In dieser Stammesgesellschaft ist der einzelne nichts ohne seinen Stamm. Er kann ohne Stamm nicht überleben und deswegen ist die Verbindung zwischen dem Einzelnen und dem Stamm eben besonders innig und besonders fest. Es war eine außerordentlich schwierige Sache, von einem Stamm zu einem anderen gewissermaßen überzutreten oder sich in den Schutz eines anderen Stammes zu begeben. Aber man muss festhalten, sozusagen als Einzelner, als Individuum war man in einem Maße schutzlos, dass man allen Unbilden der Witterung, des Klimas, der Blutrache, der Konflikte zwischen vielen Familien, kleinsten Stämmen schutzlos ausgesetzt war. Also, man konnte nicht überleben ohne einem Stamm, dem man sich zugehörig fühlte.

Achenbach: Das heißt, die Identität des Einzelnen wurde direkt über den Stamm definiert.

Wild: Ja.

Vater des Propheten kannte möglicherweise schon einen Hochgott

Achenbach: Wie sah das religiöse Leben in dieser vor-islamischen Zeit aus?

Wild: Wir wissen, dass es, wenn man mal die ganze arabische Halbinsel in den Blick nimmt, dort Christen gab, hauptsächlich im Süden dieser Halbinsel. Es gab ganz bedeutende jüdische Stämme, von denen dann in der Geschichte des Propheten die Stämme Medina, also dem späteren Medina – es hieß damals anders, eine Rolle spielen sollten. Es gab die heidnischen Araber, die zum Teil Felsheiligtümer, Quellheiligtümer und so etwas anbeteten. Und es muss darüber hinaus ein Milieu gegeben haben, das man nicht so sehr gut fassen kann, das aber doch von immer mehr Wissenschaftlern angenommen wird, nämlich ein weder voll-christliches, noch-volljüdisches, aber doch monotheistisches Milieu. Dazu muss man wissen, dass sowohl die jüdischen, wie die christlichen Gruppen nicht unbedingt das vertraten, was wir als orthodoxes oder in irgendeinem Sinne heute noch existierendes Judentum oder Christentum kennen. Sondern das waren wohl zum Teil sehr synkretistische Religionen, die alles Mögliche zusammenmischten, was in verschiedenen Überlieferungen zu finden war.

Achenbach: Es gab sehr viele Spielarten des Christentums.

Wild: Es gab Dinge, die dann später als Irrlehren galten, die aber nichts anderes sind als Ausprägungen der Religionen des Christentums, ja.

Achenbach: Mohammed ist in dieser religiösen Welt aufgewachsen. Wenn wir von der alt-arabischen Religion ausgehen, dann könnte man ja durchaus sagen, er stammt aus einem polytheistischen, als aus einem Milieu der Vielgötterei, wie man dann im Nachhinein gesagt hat. Nun ist er ja auch an einem Ort aufgewachsen, in Mekka, wo einem berühmten Heiligtum stand, ein Wallfahrtsort für diese Zeit.

Wild: Ja. Nehmen Sie den Vater des Propheten. Von dem weiß man eigentlich, wenn man überhaupt etwas weiß, nur den Namen und er hieß Abdallah. Und Abdallah heißt „Diener des Gottes Allah“. Das würde darauf hinweisen, dass der Vater des Propheten schon in einer religiösen Gruppe war, die einen Hochgott kannte.

Achenbach: Das heißt also, schon eine monotheistische Richtung.

Wild: Ob es nun wirklich ein einziger Gott war oder vielleicht nur der Gott eines bestimmten Stammes, diese Dinge weiß man natürlich nicht so genau. Aber es gab ganz bestimmt Gottsucher, die bekannt waren, die auch asketische Übungen wie Fasten verrichteten, die Almosen gaben zu bestimmten Zeiten. Zu diesen gehörte – wieder nach der islamischen Überlieferung – auch der Prophet Mohammed selber.

„Er brachte den Monotheismus den Arabern“

Achenbach: Und was ist denn nun der Wendepunkt in seinem Leben. Normalerweise geht man davon aus, dass er so etwa ab dem 40. Lebensjahr oder um das 40. Lebensjahr herum nun plötzlich als Prophet in der Erscheinung getreten ist – mit einer neuen religiösen Botschaft. Wie kann man diesen Wendepunkt eingrenzen in seiner Biografie?

Wild: Die traditionell erzählte Geschichte ist, dass der Prophet regelmäßig diese Frömmigkeitsübungen in einer Berggegend in der Nähe von Mekka unternahm und dass zu einem bestimmten Zeitpunkt der Engel Gabriel zu ihm kam, der ihm – wie er das gerade fastete – eine bestimmte Botschaft überbrachte. Das heißt, er befahl ihm zu rezitieren – einen Text, den er Engel ihm vorrezitierte. Das ist der Anfang der Prophetie, das ist Teil eine der ältesten Suren des Korans geworden. Und das ist der Anfang der islamischen Religion.

Achenbach: Nun gibt es nicht nur diese eine Offenbarung an dieser einen Stelle, sondern die Offenbarungen kehren immer wieder in seinem Leben. Das heißt also, im Grunde genommen bis zu seinem Tode schreibt er Offenbarungen auf. Hat er sie überhaupt selbst aufgeschrieben, muss man an der Stelle fragen?

Wild: Nein, er hat sie – nach allem was wir wissen – nicht selbst aufgeschrieben, sondern er hat sie wahrscheinlich – in Mekka vermutlich noch nicht – aber später in Medina dort diktiert. Und es haben seine Leute, die ihm folgen, aufgeschrieben, was er sagte. Diese verschiedenen Offenbarungen sind dann später gesammelt worden und sind erst lange nach dem Tod des Propheten in eine endgültige Form gegossen worden. Das ist dann das Buch geworden, was heute der Koran ist.

Achenbach: Was waren den zunächst seine entscheidenden Inhalte?

Wild: Ein entscheidender formaler Aspekt der Religion, die er als Prophet verkündete aufgrund dieser Offenbarung, war, dass er keine neue Religion verkündete, sondern eher, das Wichtige an seiner Religion war, er brachte den Monotheismus den Arabern, die weitgehend noch nicht Juden oder Christen waren. Er verkündete dasselbe, was die jüdische und christliche Offenbarung verkündete – mit dem entscheidenden Unterschied, dass es in arabischer Sprache war. Später bildet sich dann die Meinung heraus, dass Christen und Juden zum Beispiel in ihren heiligen Schriften, die sie nicht sehr sorgfältig überliefert haben nach Meinung muslimischer Gelehrter, bestimmte Dinge unterdrückt haben, die eigentlich früher in diesen heiligen Schriften standen. Auch deswegen war es nötig, dass eine neue Offenbarung kam und das in Ordnung zu bringen.

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