Geschichte des Islams: Die Flucht nach Mekka als Anfangsdatum


→Teil 2 der Reihe „Historischer Mohammed – überlieferter Mohammed“

Deutschlandfunk – Tag für Tag – 17.03.2015

Rüdiger Achenbach im Gespräch mit dem Islamwissenschaftler Professor →Stefan Wild

Im Jahr 622 christlicher Zeitrechnung wanderte Mohammed mit einer kleinen Schar von Getreuen von Mekka nach Medina aus. Diese sogenannte Hidschra wurde zu einem entscheidenden Datum für den Islam und markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung, erläutert der Islamwissenschaftler Stefan Wild.

Rüdiger Achenbach: Herr Wild, nun kommt Mohammed aber zunächst mit seiner Botschaft – vor allem in Mekka – gar nicht besonders gut an.

Stefan Wild: Nein. Das stimmt. Er kommt sogar extrem schlecht an. Er hat einige wenige Getreue, seine Frau Chadidscha, ich nannte es schon, dann seinen Vetter Ali. Und es gibt noch einige andere, auch einige andere, die etwas spektakulär konvertieren. Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Leuten, die dem Islam nicht feindlich gegenüberstehen, aber nicht Muslime werden. Im Ganzen werden die Spannungen so groß, dass der Prophet versucht, die Bande mit seiner Sippe zu durchschneiden, was ein äußerst riskantes und gefährliches Unternehmen ist. Und es gelingt ihm mithilfe von zwei Stämmen in der Nachbarstadt Medina, die damals eben noch nicht Medina hieß. Dort wird er dann aufgenommen als ein Schiedsrichter in bestimmten politischen Schwierigkeiten. Und als dieser Schiedsrichter bringt er die Religion des Islams mit. Er wandert mit einer kleinen Schar von Getreuen – das waren ein paar Dutzend, sicher nicht mehr als hundert Leute – von Mekka nach Medina aus. Dort ändert sich auch der Charakter der Offenbarung. Er spricht dann zu einer Gemeinde, in der öffentlich gebeten wird, in der das Rechtssystem dieser kleinen Gemeinde immer deutlicher sich an den Koran anlehnt.

Achenbach: Sie haben gerade diesen Auszug aus Mekka angesprochen. Das ist natürlich ein ganz entscheidendes Datum für den Islam geworden – die sogenannte Hidschra.

Wild: Ja. Also Hidschra wird auch mit Flucht übersetzt. Das ist nicht ganz falsch, aber eigentlich ist Hidschra das Durchschneiden der Stammesbindungen. Der Prophet begibt sich aus seinem Stamm der Quraisch, so hießen sie, heraus, geht nach Medina. Und von dort ist ein großer Teil seiner Tätigkeit, der Versuch, der dann auch glückt, mit militärischer Hilfe Mekka wieder einzunehmen und die Quraisch, den Stamm, dem er ursprünglich angehörte, zu schlagen.

Achenbach: Das ist ein besonderes Datum für den Islam geworden, denn ab diesem Datum 622 zählt dann auch der islamische Kalender des Jahres.

Wild: Ja. Man hat also nicht versucht, den Geburtstag des Propheten zum Datum zu nehmen. Der Islam wird gewissermaßen öffentlich, der wird öffentlich wirksam, er wird zu einer öffentlichen Gemeinde mit diesem Datum. Und das haben frühe Muslime als Kerndatum der islamischen Geschichte, als Jahr eins der islamischen Geschichte gewertet.

Achenbach: Nun gab es in Medina auch jüdische Stämme, die Mohammed für den Islam gewinnen wollte, aber das ist ihm nicht so ganz gelungen. Dort hat es einige Auseinandersetzungen gegeben.

Wild: Es gab große Auseinandersetzungen. Mohammed rechnete wohl damit, dass die Juden, die ja auch Monotheisten waren, eben seine Anschauung der Heilsgeschichte teilen würden und sagen würden, das ist nun der Mann, der für die Araber dieselbe Botschaft bringt, die wir als Juden in hebräischer Sprache schon bekommen haben. Das war aber nicht so. Es gab einige sehr berühmte Juden, die konvertiert sind zum Islam, aber als Stämme, als Gemeinschaften sind die jüdischen Stämme nicht konvertiert zum Islam. Es stellte sich heraus, dass es doch Dinge gab, in denen das Judentum radikal anderes vertrat, als was Mohammed vertrat. Die Stämme haben ja nun zum Teil auch bitter bis zum Massaker dafür gebüßt, dass sie sich nicht mit dem Propheten über dessen Prophetenamt einigen konnten.

Achenbach: Mohammeds Enttäuschung über die ablehnende Haltung der Juden in Medina bleibt dann auch für die Islam nicht ohne Konsequenzen. Es gibt einige Änderungen.

Wild: Ja. Im Allgemeinen sagt man, dass die Änderung der Gebetsrichtung, die zunächst einmal eine Gebetsrichtung nach Jerusalem war, eine Gebetsrichtung, die sowohl Christen wie Juden möglich war und für die Juden verpflichtend war, dass diese durch eine bestimmte koranische Sure, das heißt durch das Wort Gottes, geändert wurde in eine Gebetsrichtung Mekka und zwar die Kaaba. Es gab auch sonst noch einige Änderungen, die man interpretieren kann als ein gewisses Absetzen jüdischer Religion. Aber das wohl die wichtigste.

Achenbach: Das bedeutet an dieser Stelle aber doch auch, dass er das alte Heiligtum der Vielgötterei, um es so zu beschreiben, übernimmt für den Islam. Er macht es zum Heiligtum des Islams.

Wild: Da ist die Rolle Abrahams besonders wichtig. Von Abraham wird gesagt, er war eigentlich schon ein Moslem und auf ihn geht letztlich das Heiligtum der Kaaba zurück. Alles, was sich dann an Heidnischem daran angesetzt hat – an Riten- und Kultpratiken, ist sozusagen spätere Verderbnis. Und der Prophet kommt, um die Kaaba wieder als das abrahamitische Heiligtum einzusetzen, das es eigentlich immer war.

Achenbach: Hier liegt dann gleich auch der Konfliktstoff zum Judentum.

Wild: Ja. Das war natürlich nicht eine Anschauung, die Juden ohne Weiteres teilten. Das ist ganz klar.

Achenbach: Auch in der Auseinandersetzung mit Mekka ist Mohammed dann auf die Dauer Sieger. Etwa um das Jahr 630 ist überliefert, hat er die Stadt in Besitz genommen und die Kaaba dann als Heiligtum des Islams einrichten können. In dieser Zeit, in Medina und mit der Herrschaft auch über Mekka wird Mohammed zunehmend ja auch zum Politiker oder Staatsmann.

Wild: Das erste, was er wohl tut und was man nicht koranisch, aber doch in diesen alten Quellen findet, ist die sogenannte Gemeindeordnung von Medina. Das ist ein politischer Pakt sozusagen, den Mohammed unter den verschiedenen Stämmen schließt – auch mit den jüdischen Stämmen und den Juden in Medina. Er wird ganz sicher zu einem Führer der Gemeinde. Die medinensischen Suren sind viel politischer und gesetzgeberischer als die mekkanischen Suren. Also Erbschaftsregelungen, Ehescheidungen und solche Dinge spielen dann eine ganz große Rolle. Alles, was eben in so einem Gemeinwesen passieren kann, wird dann häufig durch den Koran, also durch Gottes Spruch im Koran geregelt.

Achenbach: Kann man sagen, dass Mohammed hier die Grundlagen für einen arabisch-islamischen Staat gelegt hat?

Wild: Also ein Staat war das sicher nicht damals. Ich glaube, zu den modernen Definitionen des Staates würde das nicht gehören. Was er wohl in Bewegung gesetzt hat, war eine starke und ungeheuer erfolgreiche Eroberungsbewegung, die arabischen Stämme unter dem Banner des Islams dann – erst durch die arabischen Halbinsel und dann Palästina, Syrien, Ägypten, in den Iran der damaligen Zeit – schlugen. Die großen Weltmächte wie die Römer, Byzantiner und Sassaniden waren dem nicht gewachsen und 100 oder 120 Jahre später standen eben dann die Männer des Propheten einerseits im heutigen Spanien, andererseits im heutigen Afghanistan.

Achenbach: 632 ist Mohammed in Medina gestorben. Mit seinem Tod waren auch die Offenbarungen des Korans abgeschlossen. Hatte der Prophet es überhaupt geregelt, wie es nach ihm weitergehen soll?

Wild: Nein, das war das große Problem der Gemeinde. Er hatte das weder selbst geregelt durch einen Spruch, den er selbst als Prophet hat, noch etwa hatte er eine Offenbarung darüber erhalten. Und man kann wohl sagen, dass die islamische Geschichte vermutlich vollkommen anders verlaufen wäre, hätte Mohammed einen überlebenden Sohn gehabt. Dann wäre der nämlich unter allen Umständen der Nachfolger des Propheten geworden. Es gab ihn nicht. Und das war sicher einer der Gründe, warum es die blutigen und schwierigen Zerwürfnisse und Bürgerkriege gab, die unmittelbar, wenigen Jahrzehnte nach dem Tod des Propheten ausbrachen.

Achenbach: Welche Stellung hatte der Koran in dieser Anfangszeit nach Mohammeds Tod?

Wild: Der Koran war das verbürgte Wort Gottes, auf das die gesamte Gesetzgebung, das gesamte Leben der Muslime zurückgeführt werden sollte. Das der Koran aber ein relativ kurzes Buch ist – er hat ungefähr den Umfang des Neues Testaments, er ist kein sehr umfangreiches Buch, trat sehr bald neben den Koran als gesetzgeberische Quelle und als Quelle persönlicher Frömmigkeit der Muslime die Geschichten über das Leben der Propheten, die zunächst mündlich und dann später auch schriftlich überliefert wurden. Das war dann beides Koran. Und diese Traditionen waren die Hauptquellen der islamische Frömmigkeit und des islamischen Rechts.

Achenbach: Und sind es bis heute.

Wild: Und sind es bis heute.

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