»Tötet sie, wo ihr sie zu fassen bekommt«. Eine Exegese von Prof. Ömer Özsoy


 

Ruft der Koran Muslime zur Gewalt auf? Immer wieder ist dieser Vorwurf Thema öffentlicher Debatten. Doch eine Analyse der Skandalverse in Sure 2 zeigt: Sie meinen das Gegenteil dessen, was viele in sie hineininterpretieren. Eine Exegese von Ömer Özsoy

aus: Publik-Forum 2/2015 vom 30.01.2015

Der Koran ist in einem Zeitraum von über zweiundzwanzig Jahren – stückweise und bezugnehmend auf verschiedenste Geschehnisse und Gegebenheiten der Offenbarungszeit (610- 632) – geoffenbart worden. Deshalb finden wir in ihm Spuren fast aller Ereignisse seiner Zeit: Alltägliches und Rituelles, Friedliches und Kriegerisches, Rechtliches und Religiöses. Er behandelt seine Themen nicht abstrakt, sondern in bestimmten und immer sich verändernden Kontexten anhand von Präzedenzfällen. So ist es auch mit dem Thema »Religionsfreiheit und Gewalt«. Ich möchte das an zwei höchst gegensätzlichen Versen aus dem Koran zeigen. Beide werden heute häufig anders gelesen, als es ihrer ursprünglichen Intention entspricht. Das betrifft zum einen den berühmten Toleranzvers in Sure 109 – ursprünglich ein Aufruf zur Distanzierung von den Polytheisten –, zum anderen die so genannten Skandalverse in Sure 2, 191-193, die im Ursprung religionsfreiheitliche Aspekte beinhalten. In der als Toleranzvers bekannten Passage in Sure 109, 6 heißt es: »Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion.« Dieser Vers wird dort gerne zitiert, wo der Islam als eine tolerante Religion präsentiert werden soll. Auch in vielen Predigten in Moscheen oder in religiösen Fernsehreden in der islamischen Welt wird der Vers als der klarste Beweis dafür vorgetragen, dass der Islam die Religion sei, welche Religionsfreiheit und Toleranz erstmals gelehrt habe. Diese Herangehensweise lässt sich als insgesamt korankonform begrüßen.

Was tolerant erscheint, ist es nicht

Eine nähere Betrachtung des Verses zeigt jedoch, dass in ihm keine Aufforderung zur Toleranz, sondern eine zu einem hartnäckigen Widerstand gegen die Feinde zu lesen ist. Historisch betrachtet ist nämlich die Aussage »Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion« keine Anweisung zur Toleranz. Der Vers ist vielmehr im Sinne des Aufbaus eines Gegensatzes zu lesen: Es geht um einen kompromisslosen Widerstand gegen die mekkanischen Heiden, wie auch die frühen Koran-Kommentatoren bezeugen. Diese Sure gehört sowohl nach islamischer Überlieferung als auch nach westlicher Koranforschung über die Chronologie des Korans zu den frühesten Passagen der koranischen Offenbarung. Sie stammt aus den Zeiten, in denen die Muslime bitterste Quälereien und stärkste Unterdrückungen erleiden mussten. Es waren Jahre, in denen es durchaus möglich war, dass einige aus der jungen islamischen Gemeinschaft unter ständiger und gewalttätiger Unterdrückung den Islam aufgaben oder gar getötet wurden. Die Gemeinschaft war deshalb darauf angewiesen, Trost zu empfangen, in jedem Fall aber unbedingt an ihren Auftrag auf Erden erinnert zu werden. In einem historischen Kontext also, in dem die Muslime nicht Herrscher, sondern Unterdrückte waren, hätten sie ja keine Subjekte der Toleranz gegenüber den herrschenden Ungläubigen sein können, sondern nur Objekte der Toleranz der heidnischen Landsleute.

Von dieser Toleranz war jedoch nichts zu spüren, weshalb der Prophet als Führer und Vorbild der Gemeinde aufgefordert wurde, radikal die Religionsfreiheit für seine Gemeinde einzufordern: »Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen, sprich: Oh ihr Ungläubigen! Ich verehre nicht, was ihr verehrt, und ihr verehrt nicht, was ich verehre. (…) Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion.« (Sure 109) Es ist bemerkenswert, dass einer der wichtigsten religionsfreiheitlichen Aspekte des Korans durch eine um der Toleranz willen vorgenommene Überinterpretation dieser Passage verloren geht: nämlich Widerstand gegen Unterdrückung zu leisten und auf Glaubensfreiheit zu bestehen.

Was brutal erscheint, ist es nicht

Bei einer genaueren historischen Betrachtung des Korans lässt sich auch feststellen, dass in Koranstellen, welche aufgrund ihres kriegerischen Inhalts von vielen modernen Muslimen am liebsten ignoriert werden, höchst eigentlich die freiheitliche Grundhaltung zur Glaubens- und Meinungsverschiedenheit steckt. Zu diesen Koranstellen zählen vor allem die sogenannten Skandalverse, die in den letzten Jahren der Offenbarung in Medina herabgesandt worden sind. In Sure 2, 191-193 heißt es: »Und tötet sie (das heißt, die heidnischen Gegner), auf welchem Schlachtfeld immer ihr sie zu fassen bekommt, und vertreibt sie, von wo (das heißt von Mekka) sie euch vertrieben haben! Denn die Unterdrückung (fitna) ist schlimmer als Töten. Jedoch kämpft nicht bei der heiligen Kultstätte (bei der Kaaba) gegen sie, solange sie nicht ihrerseits dort gegen euch kämpfen! Aber wenn sie dort gegen euch kämpfen, dann kämpft gegen sie! Derart ist der Lohn der Undankbaren. Wenn sie jedoch (mit dem Krieg) aufhören, so ist Gott barmherzig und bereit zu vergeben. Und kämpft gegen sie, bis es keine Unterdrückung mehr gibt, und bis das Urteil (keinen Menschen, sondern) nur noch Gott gehört! Wenn sie jedoch (mit der Unterdrückung) aufhören, darf es keine Übertretung geben, es sei denn gegen die Gewalttäter.«

Das Schlüsselwort in dieser Passage lautet fitna: »Und kämpft gegen sie, bis es keine fitna mehr gibt.« Das Wort bedeutet ursprünglich »Unterdrückung«, »Folter« und »Prüfung«. Der Philologe und Islamwissenschaftler Rudi Paret interpretierte es als »Verführung« und verstand es als einen »Versuch, Gläubige zum Abfall vom Islam zu verführen«. In vielen Korankommentaren wird fitna als »Unruhe« bzw. »Aufruhr« verstanden und als »Unglaube«, »Götzendienst« und »Häresie« interpretiert. Die sich ursprünglich auf die Unterdrückung der schwachen Muslime durch die herrschenden Heiden von Mekka beziehende Aussage bekam dadurch nachträglich eine Bedeutung, mit der man rechtfertigen konnte, Nichtmuslime oder andersdenkende Muslime als »Unruhestifter« zu unterdrücken und zu verfolgen. Denn eben dieser Wortlaut bietet sich dadurch für weitge hende Überinterpretationen an: »Kämpft gegen sie, bis niemand mehr Unruhe stiftet«, »… bis niemand mehr ungläubig ist«, »… bis niemand mehr anders denkt« usw.

Das Ziel ist Meinungsfreiheit

Der Vers spricht ursprünglich nicht von einer Auseinandersetzung mit denjenigen, die nicht glauben oder anders glauben, sondern von den damals aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen mit den heidnischen Mekkanern, die gegenüber den ersten, noch schwachen Muslimen Gewalt ausübten, um sie zum Abfall vom Glauben zu bewegen. So gesehen geht es in diesen Koranaussagen um nichts anderes, als sich gegen Verfolgung zur Wehr zu setzen. Unterdrückung ist nach der koranischen Weltanschauung daher auch ein Grund, der den Krieg legitimiert, ihn sogar zur Pflicht macht: »Die Unterdrückung ist schlimmer als Töten.« Nicht zu vergessen: Historisch gesehen waren die Unterdrückten in diesem Fall die ersten Muslime. Der Passage kann man aber ein allgemeines Prinzip abgewinnen – wobei es unwichtig ist, wer die Unterdrückten sind und woran sie glauben. Dieses allgemeine Prinzip kann man auch anhand anderer Koranpassagen erkennen:

Ich beginne mit Sure 42, 42: »Vorgehen kann man nur gegen die, die gegen die Menschen freveln und (überall) im Land unberechtigterweise Gewalttaten ausüben. Sie haben (dereinst) eine schmerzhafte Strafe zu erwarten.« Ähnlich formuliert Sure 4, 75: »Warum wollt ihr (denn) nicht um Gottes willen und (um) der Unterdrückten (willen) kämpfen, (jene) Männer, Frauen und Kinder, die sagen: Herr! Bring uns aus dieser Stadt hinaus, deren Einwohner frevlerisch sind, und schaff uns deinerseits einen Freund und einen Helfer‹?« Und dann ist da noch Sure 22, 39, die formuliert: »Denjenigen, die bekämpft werden, ist die Erlaubnis (zum Kämpfen) erteilt worden, weil ihnen (vorher) Unrecht geschehen ist – Gott hat die Macht, ihnen zu helfen.« Das Ziel des Kampfes soll laut Koran die absolute Meinungsfreiheit sein, nicht der Zwang, den Islam anzunehmen. Sure 10, 99 formuliert: »Und wenn dein Herr gewollt hätte, wären die, die auf der Erde sind, alle zusammen gläubig geworden. Willst du nun die Menschen dazu zwingen, dass sie glauben?« Ähnlich heißt es in Sure 18, 29: »Und sag: Es ist die Wahrheit, die von eurem Herrn kommt, wer nun will, möge glauben und wer will, möge nicht glauben!« Somit dürfte deutlich sein, dass der Koran den Muslimen keine Missionierung im Sinne irgendeiner Art von Zwang, geschweige denn den Glaubenskrieg abverlangt, um Nichtmuslime zum Islam zu zwingen. Denn der Koran erhebt letztendlich keinen Absolutheitsanspruch für den Islam. Vielmehr kritisiert er – in Sure 2, 111 – die damaligen Juden und Christen wegen ihrer monopolistischen Haltung: »Sie sprechen: ›Nur Juden und Christen können in den Paradiesgarten kommen.‹ Das sind jedoch nur ihre Wünsche …«

Ömer Özsoy, geboren 1963 in der Türkei, lehrt Koranexegese an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Er studierte in Ankara Islamische Theologie und Philosophie und wurde dort zunächst Dozent, dann Professor. Von 2006 bis 2012 hatte er in Frankfurt die Stiftungsprofessur für Islamische Religion inne. Seit dem Jahr 2012 ist er Professor für Koranexegese. Die im Text genannten Koranstellen zitiert er im Wesentlichen nach der Übersetzung von Rudi Paret.

zur Vertiefung:

 

6 thoughts on “»Tötet sie, wo ihr sie zu fassen bekommt«. Eine Exegese von Prof. Ömer Özsoy

  1. Pingback: Muslimische Quellen gegen den Terrorismus / Muslim sources (German/English/Turkish) speaking out against terrorism | Serdargunes' Blog

  2. Hinzufügen wäre die Bemerkung, daß das arab. al-qatl auch passivisch als „getötet werden“ verstanden werden kann, dann könnte man auch übersetzten: „Denn Unterdrückung (auch: «Unruhe» bzw. «Aufruhr» (fitna) ist schlimmer als Getötetwerden.“ So scheint es jedenfalls der dritte Kalif ʿUṯmān ibn ʿAffān verstanden zu haben, als er den anderen Prophetengefährten, die bereitstanden, ihm gegen die Leute zu helfen, die sein Haus belagert hatten, kein Zeichen gab, dies zu tun, obwohl er in Lebensgefahr schwebte. Er sah es als hinnehmbarer an, daß er als einzelne Person von ihnen getötet würde, als daß es zu einem Blutvergießen mit vielen Toten gekommen wäre, wenn Prophetengefährten wie ʿAlī ibn Abī Ṭālib ihm bewaffnet zu Schutz und Hilfe gekommen wären.

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