Liberal vs. Konservativ oder was auch immer…3


Ein Eindruck, den ich bei der Lektüre von Lamyas Artikel und den Reaktionen/Repliken (hier, hier, hier, hier, hier und hier) darauf hatte, war die steigende Intenstität mit der diese Debatte geführt wird. Lamya Kaddor ist Vorsitzende der LIB und dementsprechend auch Befürworterin einer „liberalen“ Tendenz in der inner-islamischen Community. Im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion steht ihr Text in der SZ und ein ähnlicher Beitrag im Deutschland Radio. Ich nehme an, dass hier solche Sätze für Furore gesorgt haben:

Ein Teil der Muslime steht vor derselben Frage, die heute auch die CDU umtreibt: Was ist eigentlich konservativ? Man will das Alte bewahren, weiß aber nicht genau, was. Die mangelnde Selbstvergewisserung manifestiert sich in einer Dagegenhaltung. Die jungen Konservativen sind dagegen, dass sich der Islam verändert; was auch immer das heißt. Sie sind dagegen, dass sich jemand von ihnen abgrenzt. Das Praktische an der Dagegenhaltung ist: Man muss sich nicht mit eigenen Positionen befassen, und der Schein des Einvernehmens bleibt gewahrt.

Ich möchte mich nicht direkt in diese Debatte einklinken, dazu hatte ich schon ein paar Texte geschrieben im Blog (hier, hier und hier). Ich will die Thesen in dem Text und in den Repliken nicht beurteilen. Darum geht es mir hier auch nicht, denn meiner Meinung nach werden in diesem hitzingen Gefecht auch die Grautöne vergessen. Wichtig ist mir zu erwähnen, dass diese Debatte keine rein inner-islamische Diskussion ist. Sondern auch daran krankt, dass sie nur oberflächlich um Inhalte geführt wird, was konservativ oder liberal ist und ob diese Begrifflichkeiten angemessen sind. Es geht mehr darum, dass die Politik und das Feuillton großen Schaden angerichtet hat, in dem sie Tendenzen und Personen mit dem Begriff „Liberal“ versehen und so jetzt das Misstrauen gegenüber dieser Vokabel gefördert hat. Die ganzen Keleks & Co.’s sind daher für Lamya und anderen liberalen Muslime (und auch für viele eher unpolitische Muslime) ein Verhängnis und erschweren die Vermittlung ihrer Positionen. Einer nähere Blick offenbart uns, dass die besagen islamkritischen Akteuere, die in den Feuilltons hoffiert wurden, ganz und gar nicht „liberal“ waren. Sie sind sich nicht zu schade für die eigene Position staatlichen Druck oder sogar Verboten das Wort zu reden. Es sind vermeintliche „aufklärerische“ Ansichten die mit dem Instrument der Sicherheitspolitik oder Verwaltung verteidigt werden und leider auch von Teilen der Politik Unterstützung erhalten.

Auch wenn „liberale“ Positionen oder deren Anspruch solche zu sein, ganz sachlich mit guten Argumenten kritisieren werden können, scheint es doch eher so zu sein, das Lamya mit den Keleks dieser Republik in einen Topf geworfen wird. Die Gegenseite wäre gut beraten über den Begriff „Konservativ“ nachzudenken. Schließlich ist das kein negativer Begriff (auch wenn er so verwendet wird von anderen), er hat eine beachtliche ideengeschichtliche Entwicklung. Insofern muss ich Lamya in einem Punkt auch widersprechen. Das Phänomen, welches sie bei „konservativen“ Muslimen beschreibt, hat nichts (oder nicht ausschließlich) mit ihrem Konservatismus zu tun, sondern mit ihrer Autoritätshörigkeit. Konservative oder „orthodoxe“ Muslime wirken heutzutag sogar als aufmüpfig, weil sie sich dem gesellschaftlichen Mainstream verweigern und unangenehm auffallen, die Religion bedeutet ihnen noch was. Was sie aber vielleicht in der islamischen Lehre als Dominanz verbuchen schlägt im politischen Kontext ins Gegenteil um. Daher sollte man wertkonservative Muslime nicht mit solchen verwechseln, die in der Lehre bewußt mit guten Gründen eine traditionelle Position vertreten und alles andere als autoritätshörig sind.

Der Resonanzkörper dieser Debatte ist die Gesellschaft und das Feuillton, nicht die Muslime (von einigen Ausnahmen abgesehen). Die beteiligten Muslime sind leider viel zu vorsichtig und paranoid, als das sie sich sachlich und unaufgeregt um Begriff unterhalten können. Sie denken leider zu strategisch, weil eine potentielle Gefahr der Instrumentalisierung seitens der Politik und Feuilltons drohen könnte. Das ist keine Position, die sie bewußt einnehmen. Sie geht auf Erfahrungen zurück. Diese Tendenz wirkt wie ein Wahrnehmungsfilter, der alles Gesagte und Geschriebene auf eine schlechte Absicht oder eine mögliche Ächtung und Isolierung zurückführt. Leider wird das Muster der Diskriminierung und Ausgrenzung, die zuvor von politischen Eliten zelebriert wurde und Wunden bei Muslimen hinterlassen hat, selbst im inner-islamischen Diskurs benutzt. Es ist die unbewußte Frage: „Wem nützt es?“ die die Rezeption und Bewertung dominiert.

Bahners Feststellung mag im hiesigen Kontext Sinn machen, wenn man die Vorzeichen, die bei ihm mitschwingen mitbedenkt:

Wer einen liberalen Islam nicht für denkunmöglich hält, wird sich darunter etwas Erfreuliches vorstellen. Eine säkulare Öffentlichkeit muss auch versuchen, sich die islamische Geisteswelt, die ihr unbekannt ist, hilfsweise mit vertrauten Begriffen zu erschließen. Die Entgegensetzung von liberaler und konservativer Theologie ist in christlichen Reformdebatten gut eingeführt. Allerdings ist die Formel auch im christlichen Gebrauch schon eine Übertragung, die Übernahme einer Unterscheidung der weltlichen Politik, der Leitdifferenz des Parteienstreits in den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution. Die analoge Verwendung der Losungen von Freisinn und Bewahrung zur Bezeichnung kirchlicher Fraktionen hatte damals ihren guten Sinn, weil die politischen Parteien besonders heftig über den Status der Kirche stritten und ihre Positionen auch theologisch erklärten.

Allerdings geht es hier nicht nur um eine regionale Angelegenheit (Deutschland), in der sich dieses Ereignis zelebriert, sondern um ein globales historisches Phänomen. Was gerne vergessen wird, ist die ideengeschichtliche Komponente der Inkulturation des „Islam“ in westlichen Ländern. Dass die Begriffe „Liberal“ und „Konservativ“ (das können je nach Kontext auch ganz andere Begriffspaare sein) die Anknüpfung an die jeweiligen Kulturen (unabhängig davon ob sachlich richtig oder falsch sind) und insofern die Erkennbarkeit und Wiedererkennung ermöglicht, sollte bei der Betrachtung nicht außer Acht gelassen werden. Meiner Meinung nach erliegen die Akteuere im islamischen Spektrum der essentialistischen Illusion, dass es „ursprüngliche“ also naturwüchsige islamische Begrifflichkeiten gäbe und daher neue Begriffe wie Fremdkörper wirken. Eine historische Sichtweise würde hier abhelfen und zeigen, das es keine zeitlosen „islamischen“ Begrifflichkeiten gibt, ja wir alles einer gewissen Übertragung und Verschmelzung zu verdanken haben. Damit möchte ich keiner Beliebigkeit das Wort reden, aber einem Bewußtsein über die Mechanismen solcher Begriffskriege und ihrem nicht immer der Debatte erträglichen Prämissen, die mit Vorzeichen eines Kulturkampfes versehen sind und nicht der sachlichen Klärung, in der es auch möglich ist mit guten Argumenten „Innovationen“ abzulehnen, konservativ zu sein, und nicht jedem gesellschaftlichen Trend hinterherzulaufen.

Hakans  Kommentar zu einem anderen Beitrag von mir finde ich sehr hilfreich, weil er zu dieser Diskussion passt:

@Resul Özcelik, Serdar Günes

„Z.b. wenn ich der Meinung bin, dass priviligierte Muslime über den Koran sprechen, diskutieren und interpretieren sollten, dann habe ich nach deiner Meinung keinen weiten Horizont. In welche Schublade komme ich? Moment, ich überlege: „traditionel Konservativ“?“

Kategorisieren hilft um Überblick zu schaffen, sollte aber wandelbar und kontextbezogen sein. In manchen Dingen empfinde ich mich als konservativ, in anderen als liberal, in anderen wiederum als orthodox. Die Begriffe habe ich mir nicht ausgesucht, das hat der liebe öffentliche Diskurs gemacht. Darum benutze ich sie – aber ausschließlich in bestimmten Kontexten, die jeweils expliziert werden müssen.

Ich finde, es gibt weitere, vielleicht sogar noch interessantere Kategorisierungen bei Muslimen:

1) praktizierender und nicht praktizierender Moslem

2) reformorientierter und reformablehnender Moslem

3) analytisch denkender und auswendig lernender Moslem

4) kollektivbezogener und individuumbezogener Moslem

5) nationalistischer und nationalitätenrelativierender Moslem

6) dogmatischer (taklid) und hinterfragender (tahkik) Moslem

7) Arabien-(oder: Türkei-)zentrierter und Deutschland-zentrierter Moslem
wissenschaftsbezogener und autoritätsbezogener Moslem

9) menschenliebender und menschenverachtender Moslem

etc. etc.

Es gibt viele Kombinationsmöglichkeiten zwischen diesen Kategorien, auch schließen sich die Gegenüberstellungen nicht immer zwingend aus. Der öffentliche Diskurs kennt diese weniger politischen, sondern pragmatischen Unterscheidungen nicht. Wir schon. Darum sollten wir uns um eine Publikmachung bemühen.

Hayrettin Karaman ist für z. B. ein reformorientierter orthodoxer Moslem, aber kein Reformer, oder gar Modernist. Er steht auf dem Boden des klassischen fiqh, aber lehnt zahlreiche Todesstrafen, über die im klassischen fiqh Konsens herrscht, wiederum mit Argumenten im Rahmen des klassischen fiqh ab (Steinigung, Todesstrafe für Apostaten). Während er für die einen nach wie vor ein Gelehrter des klassischen sunnitischen Islams ist, wird er von anderen geradezu des Modernismus bezichtigt.

Wer hat nun Recht?

Meine Antwort wäre: Es interessiert mich nicht, da hier keine gemeinsame Begriffsbasis vorliegt. Mich interessieren ausschließlich die Argumente und Folgerungen, die jemand zieht. Ein gutes Argument muss auch unabhängig von seiner Genese funktionieren. Darum halte ich es für sinnlos Menschen zu definieren, deren Argumente apriori sinnvoll oder sinnlos sind.

Ich sage ja: Diese ganzen Kategorisierungen artikulieren eigentlich nur Interessen der Sprechakteure. Ist nicht verboten (ich mache es ja auch), aber dennoch sinnvoll und in manchen Kontexten notwendig.

Übrigens: Jemanden, der der Meinung ist, dass nur priviligierte Muslime über den Koran reden dürfen, würde ich im Übrigen auch nicht als traditionell-konservativ bezeichnen.

Vielmehr würde ich ihn als autoritätsgläubig bezeichnen. Denn in der Regel meint er mit priviligierten Muslimen einige Autoritäten, deren Koranauslegung für ihn den eigentlich verbindlichen Islam darstellt. Außerdem würde ich ihn als Druckser bezeichnen: Denn er blockt eventuell nützliche Debatten von Vorneherein mit einem Autoritätsargument ab. Vermutlich fühlt er sich selbst nicht sicher genug standzuhalten, zuzugeben, dass der andere vielleicht Recht hat, oder sein Gegenüber gar zu überzeugen. Zusätzlich zur Druckserei käme noch die Realitätsferne hinzu: Alle Welt liest heute den Koran – wenn die uns dann fragen, was denn genau 9:5 oder 4:34 zu bedeuten hat, dann sollte wir eine bessere Antwort parat haben als: „Bevor ihr arabisch gelerent, in Al-Azhar studiert, oder euch meinem Imam angeschlossen habt, seid ihr nicht legitimiert solche dummen Fragen zu stellen“. Am schlimmsten ist dann aber wohl die Unwissenheit – denn eine Tabuisierung des Glaubensdiskurses und eine Beschränkung des Mitsprache- bzw. Mitdiskutierrechts auf einige weniger Auserwählte gehört mit Sicherheit genau zu jenen Denkformen, die der Koran an anderen Glaubensrichtungen kritisiert hat.

Fazit: autoritätsgläubige, drucksende, realitätsferne und unwissende Muslime sollte man nicht als konservativ-traditionell bezeichnen, da man dadurch eine Menge konservativer Muslime geradezu beleidigen würden.

5 thoughts on “Liberal vs. Konservativ oder was auch immer…3

  1. Hakan trifft wieder einmal den Nagel auf den Kopf. Danke für den Hinweis.🙂

    Bisher dachte ich nämlich auch, dass Liberalität das Gegenteil von Autoritarismus ist, und nicht etwa von Konservatismus. Aber vor allem finde ich auch, dass solche Begriffe immer in ihrem Kontext gesehen werden müssen.

    Leider krankt diese „Debatte“ vorallem an ihrer theologischen Inhaltslosigkeit. Wenn z.B. gesagt wird, man könne nicht „liberal beten“, so ist das einerseits natürlich als Demagogie zurück zu weisen, aber es hat auch eine tatsächliche Bedeutung. Wie ist es mit weiblichen Vorbeterinnen bei gemischten Gemeinden? Können Frauen neben Männern beten?

    Wenn jemand sagt, das geht nicht — darf ich diese Position dann als konservativ bezeichnen? Darf ich das vorallem auch tun, ohne dafür angegriffen zu werden, oder dass mir unterstellt wird, ich hätte was dagegen, dass andere Muslime es so handhaben?

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  2. Pingback: Liberaler Islam, Konservativer Islam | Migration und Integration in Deutschland | MiGAZIN

  3. Pingback: Streit unter Muslimen: liberal vs. konservativ? « BlogIG – Migrationsblog der InitiativGruppe

  4. Ich habe noch eine Ettikettierung anzubieten:Modern Konservativ…Wie viele haben wir denn dann jetzt?
    Habe 25 Jahre Frauen und Mädchenarbeit in einem „konservativen“ Verband gemacht, Curricula entwickelt und dort z,B. bei der studentischen Jugend in der Qur’anbarbeit hermeneutisches Denken eingeführt…
    Jetzt erfahre ich dass ich nicht geeignet bin Mitglied im LIB e.V. zu werden, es sei denn ich würde bei den Konservativen austreten…. Liberal?

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  5. Pingback: Liberal vs. Konservativ – Dokumentation | Serdargunes' Blog

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