Wie hältst Du es mit Muʿāwiya?


Zu Muʿāwiya, dem ersten Kalif der Umayyaden (661-680) gibt es in der islamischen Geschichtsschreibung sehr heftige Diskussionen. Da die islamische Geschichtsschreibung eher eine Hilfswissenschaft des Tafsir ist, gehen die Differenzen nicht aus einer rein fachlichen Debatte hervor, sondern betreffen ganz sensible Bereiche des religiösen Dogmas. Die Stellung der Gefährten des Prophten ist eine sehr besondere im Mainstream der Muslime (und ihrer Gelehrten). Sie genießen fast soviel Immunität wie der Prophet selbst und Kritik an ihnen wird mit Empörung zurückgewiesen. Den Streit dazu hat es von Anfang gegeben und dauert auch noch an.

Was ist so umstritten an dieser Person? Er leitete die erste Dynastie der Umayyaden und ist durch seine politischen Intrigen bekannt, besonders was die Beseitiung seiner Widersacher betrifft. In diesem Kontext ist der blutige Streit mit dem vierten Kalif ʿAlī b. Abī Ṭālib (656-661) sehr berühmt, der damit endet das der Kalif abgesetzt und offiziel die Dynastie der Umayyaden eingeleitet wird.

Der Streit um die Person dauert immer noch an und islamische Gelehrte liefern sich auch heute noch Wortgefechte. Diese Diskussion wird auch von „einfachen“ Muslimen aufgegriffen und heftig reflektiert. So auch im WWW. Ich möchte daher nur auf ein paar hinweisen:

Türkisch:

5 thoughts on “Wie hältst Du es mit Muʿāwiya?

  1. In seiner Videoreihe über den Prophetengefährten Mu´āwiya ibn Abī Sufyān meint Scheich Dr. ´Adnan Ibrahim: die Schi´iten behaupten von ihren Imamen, sie seien unfehlbar, obwohl sie nicht unfehlbar waren. Was die Sunniten tun, ist jedoch viel gefährlicher: sie sagen von den Prophetengefährten, sie seien fehlbare Menschen gewesen, aber dann behandeln sie sie, als ob sie unfehlbar gewesen seien. Am eklatantesten ist das Beispiel des Prophetengefährten Mu´āwiya ibn Abī Sufyān, der offensichtlich nicht nur ein Mensch war, der mehr oder weniger kleinere oder größere Fehler begangen hat, wie die anderen Prophetengefährten auch, sondern schwerwiegende Vergehen. Obwohl dies anhand von z. T. als authentischen Ḥadīṯen und anderen anerkannten Überlieferungen nachweisbar ist – wie ´Adnan Ibrahim dies getan hat – bestehen zahlreiche Gelehrte – ja vielleicht die meisten von ihnen – wie trotzige Kinder darauf, bei der Nennung von Mu´āwiyas Namen die Formel „Raḍiya Llāhu ´anhu [wa-arḍāhu] – Allah habe Wohlgefallen an ihm“ hinzuzufügen.

    Als der Eroberer Timur Leng, der die Islamische Welt mit blutigen Kriegen überzog, nach Damaskus kam, fragte er die dortigen Gelehrten, warum sie dem Namen Mu´āwiyas die Formel „Raḍiya Llāhu ´anhu“ hinzufügten, trotz der Verbrechen, die er bekannterweise begangen hat. Darauf antworteten sie in der bekannten Weise: Mu´āwiya war ein Prophetengefährte und hatte als solcher Idschtihād betrieben, aber einen Fehler gemacht und nicht das Richtige getroffen, und dafür erhält er einfachen Lohn. ´Alī war auch ein Prophetengefährte und hatte als solcher Idschtihād betrieben und das Richtige getroffen, und dafür erhält er doppelten Lohn.
    Das ist aber so, als würde ein zum Idschtihād befähigter Gelehrter zur Entscheidung kommen, daß Bankraub im Islam erlaubt ist, und sogar selbst eine Bank überfallen. Dafür würde er dann aber nicht verurteilt und bestraft, sondern weil er mit seiner Entscheidung „nur“ einen Fehler gemacht hat, bekommt er einfachen Lohn. Was ist das für eine krumme Logik! Mu´āwiya hatte sich gegen den rechtmäßigen Kalifen aufgelehnt, weil er die Macht, die er als Statthalter von Syrien erlangt und 17 Jahre lang innegehabt hatte, nicht abgeben, sondern sogar noch über die ganze islamische Umma ausdehnen wollte. Ganz zu schweigen von den Vergehen, die Mu´āwiya beging, nachdem er die Macht für sich allein hatte.
    Mu´āwiya selbst hat das wohl auch anders gesehen, denn er sprach davon, daß „Allahs Bestimmung“ sie nach Ṣiffīn geführt hatte und nicht seine persönliche Entscheidung auf Grund eines Idschtihād. Allah, der Erhabene sagt: „Diejenigen, die (Ihm) beigesellen, werden sagen: Wenn Allah gewollt hätte, hätten wir (Ihm) nichts beigesellt, und (auch) nicht unsere Väter, und wir hätten nichts verboten“ (Sūra 6 al-An´ām 148 u. 15 an-Naḥl 35). Mu´āwiyas Einstellung, Allah hätte ihm in Seinem Willen bestimmt, sich gegen ´Alī aufzulehnen und gegen ihn und seine Anhänger zu kämpfen, entspricht eher derjenigen eines Götzenanbeters und Kāfirs als derjenigen eines Muslims, der sich selbst für seine Entscheidungen und Taten vor Allah verantwortlich sieht.
    Die Gnade, Gefährte des Propheten – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – gewesen zu sein, ist allein noch keine Eintrittskarte ins Paradies. Aber gerade das ist es, was viele Muslime nicht wahrhaben wollen. Warum hätte Allahs Gesandter – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – zehn seiner Gefährten eigens die frohe Botschaft übermitteln sollen, daß sie ins Paradies kommen werden, wenn die Gefährtenschaft allein ihnen den Eintritt ins Paradies gesichert hätte?!
    Die meisten sunnitischen Muslime wollen nicht eingestehen, daß Mu´āwiya, obwohl Prophetengefährte, kein guter Mensch war, da er aus dem Kalifat eine Erbmonarchie und Gewalt- und Unterdrückungsherrschaft gemacht hat, die späteren muslimischen Machthabern bis heute als Vorbild gedient hat. Auch damals gab es unter den Prophetengefährten und deren Nachfolgern Duckmäuser, die es Mu´āwiya und seinen Anhängern erst ermöglicht haben, die Macht zu ergreifen und nach der Ergreifung zu behalten und zu festigen. In einem in Muslims Ṣaḥīḥ-Sammlung überlieferten Ḥadīṯ sagt jemand (gewissermaßen hinter vorgehaltener Hand) zu dem Prophetengefährten ´Abdullāh ibn ´Amr: „Mu´āwiya befiehlt uns, unseren Besitz untereinander auf verbotene Weise zu verzehren“ (es wird überliefert, daß Mu´āwiya Zinsgeschäfte tätigte). Daraufhin sagte ´Abdullāh ibn ´Amr: „Gehorcht ihm in Dingen, die keinen Ungehorsam gegen Allah darstellen und gehorcht ihm nicht in Dingen, die einen Ungehorsam gegen Allah darstellen“ und schwieg. Andere dagegen zogen den Märtyrertod vor, wie Ḥuǧr ibn ´Adiyy, der sich weigerte, ´Alī – Friede sei auf ihm und habe Allah Wohlgefallen an ihm – zu verfluchen und sich von ihm zu distanzieren, worauf Mu´āwiya ihn hinrichten ließ, obwohl ´Ā’ischa dagegen protestierte und ihn warnte, da Ḥuǧr bekannt und sehr beliebt war. Viele der damaligen rechtschaffenen noch lebenden Prophetengefährten und Mitglieder der Nachfolgergeneration – ja sogar Gelehrte späterer Jahrhunderte – wagten nur in Anspielung, ohne Nennung des Namens, auf Mu´āwiyas Vergehen hinzuweisen.
    Schāfi´ī und andere große Gelehrte hatten sehr wohl gewußt, daß mit den Prophetengefährten, die am Tage der Auferstehung vom Becken des Propheten – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – weggetrieben und weggezerrt werden, an erster Stelle Mu´āwiya gemeint ist, aber sie wagten nicht, es offen auszusprechen.
    Allahs Gesandter – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – hatte ´Ammār den Märtyrertod verkündet: „´Ammār wird von der ungerecht handelnden, sich (gegen die rechtmäßige) auflehnende Gruppe getötet werden.“ Dieses Ḥadīṯ war damals über dreißig Prophetengefährten bekannt, und Mu´āwiya selbst war einer der Überlieferer. Als dann ´Ammār in der Schlacht von Ṣiffīn von einem von Mu´āwiyas Leuten getötet wurde, hätte eigentlich jedem klar sein müssen, daß ´Alī – Friede sei auf ihm und habe Allah Wohlgefallen an ihm – der rechtmäßige Kalif war und Mu´āwiya sich gegen ihn aufgelehnt hatte und, nach Aussage des Qur’āns, solange bekämpft werden mußte, bis er sich fügte oder vernichtet war. Doch als Mu´āwiya ´Ammārs Tod mitgeteilt wurde, meinte er nur: „Ja und?“ und an ´Alīs Leute gerichtet: „Ihr seid es gewesen, die ihr euren Gefährten getötet, indem ihr ihn hierher vor unsere Speere gebracht habt.“ Nach dieser Logik wäre es der Prophet – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – gewesen, der seinen Onkel Ḥamza in der Schlacht von Uḥud getötet hatte, und nicht Waḥschī, da er ihn nicht daran gehindert hatte, auf der Seite der Muslime gegen die Feinde zu kämpfen! Das alles zeigt doch nur Mu´āwiyas tiefgehende Verachtung für Allahs, des Erhabenen, und Seines Gesandten und Propheten – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – Vorschriften und die rechtschaffenen und aufrichtigen unter den Prophetengefährten – Allah habe Wohlgefallen an ihnen.
    Mu´āwiyas Forderung nach Auslieferung von ´Uṯmāns Mödern, die er zur Bedingung für seinen Treueid ´Alî gegenüber gemacht hatte, war offensichtlich nur ein Vorwand zur Täuschung seiner Anhänger gewesen. Nach dem islamischen Gesetz haben die nächsten Verwandten des Ermordeten das Recht, Wiedervergeltung zu verlangen. ´Uṯmān hatte fünf Söhne, von denen keiner von diesem Recht Gebrauch machte, und Mu´āwiya war nur entfernt mit ´Uṯmān verwandt. Nach einer Überlieferung wurden die beiden Männer, die ´Uṯmān tatsächlich ermordet hatten, noch im Hof des Hauses ihrerseits von anderen Muslimen getötet, und für die zahlreichen anderen, die sie gegen ´Uṯmān nur aufgehetzt hatten, war die Wiedervergeltung, bzw. Todesstrafe, nicht anwendbar. Nachdem Mu´āwiya die Macht allein hatte, ließ er die Forderung nach Auslieferung von ´Uṯmāns Mördern fallen.
    Und dann kommen die engstirnigen Salafiten, wahhabitischen Hofgelehrten, aber auch Angehörige der tradionellen Glaubens- und Rechtsschulen und versuchen, Mu´āwiya gegen die Anschuldigungen des „verkappten Schi´iten“ ´Adnan Ibrahim in törichter Weise zu verteidigen. Aber das ist nichts Neues: Als der bekannte klassische Ḥadīṯ-Gelehrte Imām Nasā´ī nach Palästina kam, wurde er gebeten, ein Buch über die Vorzüge Mu´āwiyas zu schreiben, was er jedoch ablehnte, da Mu´āwiya keinen einzigen Vorzug vorzuweisen hätte. Daraufhin erzürnten die Leute über ihn so sehr, daß sie ihn umbringen wollten und Nasā´ī nach Ägypten fliehen mußte.
    Ein als „Löwe des Maghrib“ betitelter mālikitischer Gelehrter diffamiert – mit der Faust auf den Tisch schlagend – jeden Kritiker an Mu´āwiya als „Häretiker“ und meint, Mu´āwiya als schlechten Menschen zu bezeichnen, bedeute, den Propheten – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – zu bezichtigen, er habe seine Gefährten nicht richtig erzogen. Mu´āwiya kam erst sehr spät zum Propheten – wann hätte dieser denn dann noch die Zeit haben sollen, ihn richtig zu erziehen? Vielmehr ist Mu´āwiya von seiner Mutter Hind erzogen worden, die den abessinischen Sklaven Waḥschī damit beauftragt hatte, Ḥamza, den Onkel des Propheten zu töten, und anschließend dessen Leber aß.
    Einige der Gelehrten behaupten, Mu´āwiya sei „sanftmütig“ oder „geduldig“ gewesen. Vielleicht mag es manchem als Geduld und Sanftmut erscheinen, wenn ein Gewaltherrscher diejenigen, die ihm im Wege stehen, nicht sofort in aufbrausendem Zorn umbringen, sondern erst nach einiger Zeit vergiften oder auf andere Weise töten läßt. Als ihm die Nachricht von Ḥasan ibn ´Alīs Tod überbracht wurde, den höchstwahrscheinlich er selbst hatte vergiften lassen, sagte er nur: „Nun ist eine Flamme der Zwietracht erloschen.“ Das also war für ihn der Enkel des Propheten – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – gewesen, den jener geliebt und als Kind in die Arme genommen und geküßt hatte!
    Einer von Mu´āwiyas Nachfolgern, der Umayyadenkalif ´Abd al-Malik ibn Marwān, sagte auf der Kanzel des Propheten stehend: „Wer es ab jetzt wagen sollte, zu mir zu sagen: ‚Fürchte Allah!‘, dem lasse ich den Kopf abschlagen“, und – wie es heißt – soll er dies auch in einem Fall ausführen lassen haben. Er war es, der den berüchtigten al-Ḥaǧǧāǧ ibn Yūsuf, eine der schrecklichsten Gestalten der frühen islamischen Geschichte überhaupt, als seinen Statthalter im Irak einsetzte.
    Allahs Gesandter – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – hatte gesagt: „Wer eine schlechte Sunna einführt, auf dem lastet die Sünde, die er selbst damit begeht, wie auch die Sündenlast all derjenigen, die ihm darin bis zum Tage der Auferstehung folgen.“ Es ist Mu´āwiyas schlechte Sunna, das Kalifat mit Schūrā und rechtschaffenem, gottesfürchtigem Herrscher in eine Erbmonarchie mit Unterdrückung aus Ausraubung des Volkes umgewandelt zu haben, für die er, trotzdem er Prophetengefährte ist, am Tage der Auferstehung vom Becken des Propheten – Allah segne ihn und seine Familie und schenke ihnen Wohlergehen – wegetrieben und weggezerrt werden wird. Fast alle späteren Herrscher in der Islamischen Welt haben sich an dieser bösen Sunna Mu´āwiyas orientiert, bis in die jüngste Zeit: da wurden arabische Staaten nach ihrer Entlassung in die „Unabhängigkeit“ Republiken mit einer demokratischen Ordnung, wonach ein Präsdent nach seiner zweiten Amtszeit nicht mehr wiedergewählt werden kann, doch dann haben sie das nach Mu´āwiyas Vorbild geändert und die Demokratie in eine Erbmonarchie umgewandelt – wie im Falle Syriens – oder es vorgehabt – wie in Libyen, Ägypten, im Jemen und im Irak, wobei die Beibehaltung der Bezeichnung als Republik dabei keine Rolle spielt, sondern nur die realen Verhältnisse. Unter Mu´āwiyas Sunna leidet die Islamische Welt bis heute!!!
    Wir sunnitischen Muslime erregen uns darüber, wenn Schi´iten verdiente Prophetengefährten, wie Abū Bakr, ´Umar, ´Uthmān, ´Ā’ischa u. a. schmähen und sogar verfluchen. Warum aber erregen wir uns nicht über den schlechten Prophetengefährten Mu´āwiya, der den verdienten und hervorragenden Prophetengefährten ´Alī nicht nur selbst verfluchte, sondern allen Predigern und Statthaltern befahl, ihn in jeder Dschumu´a-Predigt von der Kanzel herab zu verfluchen, was erst unter dem fünften rechtschaffenen (umayyadischen) Kalifen ´Umar ibn ´Abd al-´Azīz wieder abgeschafft wurde?! Was ist da in der Denkweise und Logik der meisten sunnitischen Muslime falsch? Jeder unbefangene vernünftige Mensch müßte uns dafür für verrückt halten.
    Was ´Adnan Ibrahim sagen will, ist dies: es gibt einige falsche Vorstellungen, die ursprünglich kein Bestandteil der Glaubenslehre sind, an die sich die Muslime im Laufe der Zeit jedoch so geklammert haben, daß sie sie in den Rang von Dogmen erhoben haben, und es fällt ihnen schwer, sich von diesen Vorstellungen zu trennen oder sie zu korrigieren, da sie sich über Generationen daran gewöhnt haben. Hier geht es um die falsche Vorstellung, daß es unter den Prophetengefährten keine Verbrecher gegeben haben könnte – auch wenn es vielleicht nur ein einziger war. Die Tatsache, daß einer von Jesu Jüngern, nämlich Judas, ein Verräter war, tut den Verdiensten der anderen keinen Abbruch. Ebenso tut die Tatsache, daß Mu´āwiya ein Verbrecher war, den Verdiensten der bedeutenden Prophetengefährten, die vor der Eroberung Makkas Muslime geworden waren, keinen Abbruch. Die Schi´iten machen den Fehler, die Mehrzahl der Prophetengefährten für schlecht und für Verräter und Verbrecher zu halten, die ´Alī sein Recht auf das Kalifat vorenthielten und sich angeblich gegen ihn verschworen. Die Sunniten machen den Fehler, zu meinen, alle Prophetengefährten müßten gute und rechtschaffene Menschen gewesen sein, auch wenn sie erst nach der Eroberung Makkas den Islam annahmen, als sie keine andere Wahl mehr hatten. Richtig ist, daß es unter ihnen einige wenige schwarze Schafe gab, von denen Mu´āwiya das größte war. Aber diese Tatsache auszusprechen und verständlich machen zu wollen, stößt bei vielen sunnitischen Muslimen auf großen Widerstand, da von ihnen gefordert wird, mit einer liebgewordenen falschen Vorstellung zu brechen. Um dieser mental schmerzhaften Notwendigkeit auszuweichen, verlegen sie sich darauf, nach den fadenscheinigsten Ausreden und abwegigsten Argumenten zu suchen, um Mu´āwiyas Fehltritte – und damit ihre falsche Vorstellung – zu verteidigen, und diejenigen, die ihnen dabei helfen wollen, ihre falsche Vorstellung zu korrigieren, als Lügner oder sonstig unglaubwürdig zu diffamieren.
    Trotz allem sollten wir Mu´āwiya nicht verfluchen, sonden uns darauf beschränken, seinem Namen nicht die Formel „Raḍiya Llāhu ´anhu [wa-arḍāhu] – Allah habe Wohlgefallen an ihm“ hinzuzufügen.

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  3. Das ist auch für mich eine sehr interessante Stellungnahme, die mir einige missing links ersetzt.

    Es stellen sich mir jedoch mehrere Fragen:

    Wieso soll ʿAlī rechtmässigen Anspruch auf die Nachfolge gehabt haben?

    Beim Tod des Propheten gab es keinerlei Nachfolgeregelung. Die ṣaḥāba löste das politische Problem, indem sie den geeignetesten Kandidaten auf der Seite der Qurayš wählte, nachdem bei den ʾanṣār Uneinigkeiten aufgetreten waren. ʿAlī stand nicht zur Wahl und hat er hat sich offenbar auch nicht an ihr beteiligt. Auch bei den Beratungen über ʾAbū Bakrs Nachfolger wurde er nicht berücksichtigt. Erst ʿUmar, der das Amt nicht mal seinem eigenen Sohn zumuten wollte, schlug einige geeignete Männer vor, von denenʿAlī und ʿUṯmān in die engere Auswahl kamen, nachdem die übrigen Männer von ihrer Kandidatur zurückgetreten waren. ʿAlī war es bewusst, dass er bei der Stimmverteilung unterliegen würde. Was mich persönlich noch viel mehr, als die formale Stimmverteilung erstaunt, ist seine Ablehnung in Übereinstimmung mit qurʾān, sunna und dem Vorbild seiner Vorgänger handeln zu wollen, wenngleich ich die Erklärung dafür bei Ibn Qutayba verstehe. Es ist jedoch spätestens hier klar, dass das Kalifat von wesentlich komplizierterem soziopolitischen Verhältnissen abhing, als es eine romantische Vorstellung vom šūrā nahelegt. ʿAlī konnte sich mit seinem Stammeshintergrund nicht gegen die mächtigen Verbände und Beziehungen durchsetzen. In den Wirren nach ʿUṯmāns Ermordung erhielt ʿAlī nur zögerlich die Trueschwüre, die yemenitischen Rebellen sollen dabei Druck ausgeübt haben und al-ʾAštar soll mit seinem Schwert bei der Entscheidungsfindung assistiert haben. Manche sagen, ʿAlī sei die Symbolfigur der lärmenden Menge gewesen, der Schwachen, der Sklaven, der Beduinen. In dieser Eigenschaft ging er gegen die Statthalter und die Misswirtschaft seines immerhin „rechtschaffenden“ Vorgängers ʿUṯmān vor, was prognostizierbar den Widerstand der starken, reichen, rechtschaffenden Eroberer hervorrufen musste. Keine beneidenswerte Aufgabe. Den Kamelkrieg schaffte er noch, aber geschwächt und mit davonlaufenden Leuten stand er auf dem nächsten Level Muʿāwiya gegenüber, der die alte Ordnung, und dies um ein paar Einsichten reicher, wiederstellte. Stark gekürzt natürlich, aber auf dieser Linie ist ʿAlī der Rebell gegen die Rechtschaffenden, die auch diese Widrigkeit gestärkt überwanden und mit dem mulk die nötigen Vorkehrungen gegen erneute Widrigkeiten dieser und anderer Art unterbanden. Immerhin ja für einen erstaunlichen Zeitraum. So gesehen gebührt Muʿāwiya wohl das raḍiya llāhʿanhu.

    Wieso ist Bankraub nicht erlaubt?

    Der prominenteste, zum iğtihād befähigte Gelehrte, der Prophet persönlich, hat ihn bewusst, von Medina aus, gegen die qurayšītischen Karawanen geplant, durchgeführt und konsequent zur Durchsetzung seiner Ziele eingesetzt, bis er, mit glaube ich, 10000 Männern, in Mekka angekommen ist. Die strategische Schwächung seiner politischen Gegner so weit vorantreiben, bis man nur noch auf einen überwindbaren Widerstand stösst ist keine „krumme Logik“, sondern Politik. Es besteht ein Unterschied zwischen der moralischen Entscheidung eines Einzelnen und der moralischen Entscheidung einer Institution oder einer politischen Bewegung, ein Unterschied zwischen staatlicher Gewalt und individueller Gewalt. Hätte Muḥammad mit seiner politischen Bewegung keinen Erfolg gehabt, wäre er uns heute nur noch als ein Räuber bekannt. Seine Bewegung hat jedoch politische Legitimität erlangt. Deswegen kann oder muss man ihm wohl auch das eine oder andere Vorgehen (ich denke z.B.an die Banū Qurayẓa) nachsehen, das ihm zur Last gelegt werden könnte. Dieselbe Einschränkung könnte man für Muʿāwiya in Erwägung ziehen, der, denke ich, kein Götzenanbeter war, sondern eher ein Staatsmann mit einer undankbaren Aufgabe. Heutige Herrscher könnten ja aus seinen Fehlern lernen, wenn sie ihre Eigenverantwortlichkeit anerkennen würden. Aber aus irgendwelchen Gründen tun sie es auch nicht. Unter bestimmten Umständen ist Bankraub also erlaubt und legitim, aber man sollte sich gut überlegen, ob man der Richtige dafür ist, und ob und wie man mit seinen Opponenten klarzukommen gedenkt.

    Von welchen Ungerechten wurde ʿAmmār getötet?

    ʿAmmār b. Yāsir stand in Opposition zu den ʾUmayyaden. Er hatte schon energisch gegen die Wahl ʿUṯmāns anstelle ʿAlīs protestiert. Lässt man ausser Acht, dass erst nachfolgende Generationen die Geschichte von der Prophezeiung seines „Todes durch die Ungerechten“ verbreitet haben könnten, ist doch ziemlich klar, dass er ein radikaler politischer Gegner war, der nicht zu feige war ʿUṯmān eine Liste mit seinen Verstössen gegen die Sunna vorzulegen, wofür er von dem rechtschaffenden ʿUṯmān und seinen Leuten bewusstlos geprügelt und vor die Tür geworfen wurde. Er hat es überlebt, und fortan gegen ʿUṯmān agitiert und organisiert, wo er nur konnte. Nach ʿUṯmāns Tod blieb er bei ʿAlī und spornte seine Männer zum Kampf gegen jene an, die ohne jede Vorbildlichkeit im Islam nur nach weltlichen Gütern und der Macht strebten und fiel in der Schlacht von Ṣiffīn.
    „Logisch“ betrachtet ist er von seiner eigenen Seite umgebracht worden, weil seine Überzeugung der falschen Seite galt, andernfalls hätte ʿAlī seine Legitimität erfolgreich gegen Muʿāwiya unter Beweis stellen müssen. Hat er aber nicht. Hätte ʿAlī sich gegen Muʿāwiya durchgesetzt, wäre ʿAmmār von den „Ungerechten“ getötet worden, weil ʿAlīs Seite dann die „Gerechte“ gewesen wäre. ʿAlī konnte sich jedoch nicht durchsetzen, wodurch die „gerechte“ Legitimität den ʾUmayyaden zukam.
    Ḥamza wurde getötet, obwohl er auf der richtigen Seite stand. Hätte der Prophet seine Mission nicht durchsetzen können und wäre als Räuber geendet, wäre Ḥamza auf der falschen Seite gestorben. Ist er aber nicht, weil der Prophet sich als der „Gerechte“ erwiesen hat.
    Vom logischen Standpunkt betrachtet ist Muʿāwiyas Aussage daher völlig korrekt, ebenso wie es wohl eine logisch korrekte Aussage wäre, zu behaupten, der Prophet habe viele seiner eigenen Anhänger dadurch getötet, dass er sie in den Kampf geschickt hat. Es bleibt der freien Entscheidung jedes Einzelnen überlassen, welcher Seite er sich verpflichtet um sich nötigenfalls auch von ihr opfern zu lassen. Aber wenn man politisch siegen will, reicht es nicht sich mit einer festen Überzeugung in den Kampf zu stürzen und damit die Definition für „gerecht“ und „ungerecht“ aufzustellen zu glauben. Die Entscheidung darüber fällt in der nächsten Instanz.

    Was ist an der Denkweise der „meisten“ Sunnīten falsch?

    ʿAbd al-Malik b. Marwān stand, wie seine Vorgänger als politisches Staatsoberhaupt ungeheuren Herausforderungen gegenüber. Die Bedrohung im ʿIrāq war so gross, dass er al-Ḥağğāğ befehlen musste die mawālī auszuweisen. Andernfalls wäre eine Allianz von mawālī und ḫawāriğ zu befürchten gewesen. Die fortgesetzten Revolten brachten das finanzielle Gleichgewicht des Staates ins Wanken, auf die er mit erheblichen ḫarāğ-Erhöhungen reagierte. Al-Muḫtārs Revolte fällt ebenfalls in diese Zeit. Das sind Probleme gigantischen Ausmasses, wenn man sich die Grösse des Herrschaftsbereiches dieser Kalifen vor Augen führt, und beispielsweise mit den unüberwindlichen Problemen einzelner Länder heutzutage vergleicht. Die Aufforderung „Fürchte
    Allāh!“ könnte in diesem Zusammenhang als ein irrelevanter und inkompetenter, gewissermassen kontraproduktiver Beitrag zur Lösung der politischen Probleme, denen sich die Herrscher gegenübersahen verstanden werden und die genannte Reaktion hervorgerufen haben.
    Der Dialog zwischen ʿAbd al-Malik und Ḥasan al Baṣrī repräsentiert hingegen eine neue Seite des oppositionellen Diskurses der Opposition auf philosophischer Ebene. Al-Baṣrī befand sich mit seinen glänzenden Überlegungen nicht nur in einer brenzligen Situation gegenüber den Herrschern, die sich zu ihren Ämtern bestimmt und in ihren Handlungen determiniert empfanden, oder mit Kalkül so argumentierten, sondern wegen seiner vehementen Ablehnung von Gewalt auch gegenüber den militanten Gruppierungen der Opposition. Auch die Philosophie kann, damals wie heute, hier wie dort, von ihrer externen Position die realen politischen Probleme nicht lösen. Sie könnte aber ihren Beitrag leisten, wenn Verhältnisse herrschten, die alle wohlbegründeten Standpunkte und Disziplinen an einen Tisch bringt, und in welcher über die beste politische Lösung beraten wird, anstatt einem Vertreter einer mächtigen Organisation, Institution, eines Stammes oder einer Glaubensgemeinschaft etc. das gesamte politische Feld allein zu überlassen. Es reicht nicht, zufrieden damit zu sein, dass ʿUmar b. ʿAbd al-ʿAzīz die Verfluchung ʿAlīs wieder aufgehoben hat, oder die Steuerordnung ʿUmar b. al-Ḫaṭṭābs wieder eingeführt hat, denn diese Massnahmen haben sich schon kurz darauf als ungeeignet zur Lösung der realen politischen Probleme erwiesen. Als unbefangener Mensch halte ich es auch nicht für besonders vernünftig eine Entscheidung darüber zu treffen, ob Muʿāwiya zu verfluchen ist oder nicht, oder ob ihm die Formel „raḍiya llāhu ʿanhu“ zusteht oder nicht, sondern eher aus dem, was wir aus seiner Amtsführung in ihren historischen, geographischen, sozialen und religiösen Zusammenhängen lernen können, die richtigen Schlüsse zu ziehen, auch wenn sie unangenehm sind und vorgefassten Meinungen und Dogmen widersprechen.

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