Arabische Demokratiebewegung und Islam: Auch die Theologie muss von Diktatur befreit werden


Aus aktuellem Anlaß mein Beitrag der im DeutschlandRadio Kultur (Politisches Feuilleton) am 18. Mai zu hören (mp3) war:

Sind die Aufstände in der arabischen Welt ein Signal, dass jetzt alles besser wird? Ganz ungläubig verfolge ich die Revolution in der arabischen Welt. Noch vor einiger Zeit wurde uns eingebläut, dass die Araber nicht fähig sind, Demokratie und Freiheit zu leben.

Oppositionelle, religiöse Minderheiten, Homosexuelle wurden verfolgt, unterdrückt und sogar ermordet. Der Westen aber schaute zu, nahm die Diktaturen hin.

Plötzlich aber erheben sich die Massen, stürzen die Tyrannen – und nichts wird mehr so sein, wie es vorher war. Nun stellt sich mir die Frage, auf deren Antwort wohl viele Menschen gespannt warten. Müssen wir Angst haben, das fundamentalistische Gruppen an die Macht kommen? Werden sie demokratische Spielregelen akzeptieren? Die Despoten waren sehr pragmatisch, wenn es darum ging die Macht zu erhalten. Oppositionelle religiöse Kräfte wurden mal in Kerkern gefangen und gefoltert, mal domestiziert und instrumentalisiert. Siehe die Al-Azhar Universität in Ägypten.

Selbst renommierte Islamgelehrte, egal ob man sie als orthodox oder reformerisch ansah, wurden unterdrückt. Wenn sie konnten, verließen sie die Heimat. Erst das demokratische Exil bot ihnen wieder die nötige Freiheit, ihre islamischen Meinungen zu entfalten.

Ehrlicherweise muss man sagen, dass es nicht überall in der islamischen Welt so ist. In der Türkei zum Beispiel gibt es zwar eine Religionsbehörde, die auch vom Staat kontrolliert wird, aber konservativ moderate Ansichten hat. Und trotzdem fragt man sich, ob nicht auch sie von Gunst und gutem Willen der Politik in Ankara abhängig sei? Es wäre allemal besser, wenn in der Türkei Staat und Religion ein anderes, faires Verhältnis entwickeln und darauf verzichten würden, einander dominieren zu wollen. Denn die Religionsbehörde vertritt nur eine bestimmte islamische Sicht. Religiöse Minderheiten werden eher klein gehalten.

Ebenso muss sich die arabische Welt diesem Problem stellen. Das werden all jene religiösen Menschen, die sich an Revolution und gesellschaftlichem Aufbruch beteiligen, früher oder später einfordern. Denn wie hat sich die Diktatur, die kritisches Denken verfolgte, ausgewirkt? Die einstige geistige und spirituelle Freiheit und Dynamik kam zum Erliegen. Die heutige islamische Theologie ist gekennzeichnet durch Irrelevanz und Stagnation.

Es ist schon bezeichnend, dass sich in demokratischen Ländern der Islam voll entfalten, frei forschen darf, ohne in der Angst zu leben, bestraft zu werden. Schauen wir auf unser eigenes Land. In Deutschland wird gemeinsam mit muslimischen Gemeinden seit einiger Zeit das Fach „Islamische Theologie“ an deutschen Universitäten etabliert – etwas, das es in der islamischen Geschichte noch gar nicht gegeben hat.

Inhalte werden von Muslimen an der Basis ausgewählt und gelehrt, nicht aber vom Staat oder einigen wenigen Gelehrten vorgegeben – wie früher und heute noch in vielen islamischen Ländern. Mit Problemen hat man auch hier zu kämpfen. Doch wenn wir ganz ehrlich sind, hätten die meisten islamischen Länder gerne unsere Probleme.

Was ziehe ich als Muslim jetzt vor? Doch nicht ein islamisches Land, wenn es nur zensiert und eingeschränkt, staatlich kontrolliert erlaubt, das islamische Erbe zu leben. Da ziehe ich die vermeintlich „unislamische“ Demokratie vor, die mir Religions- und Forschungsfreiheit bietet. Gewiss, hierzulande gehöre ich zu einer gläubigen Minderheit, lebe also in religiöser Diaspora. Doch andererseits arbeite ich an der Universität im selben Fachbereich wie christliche und jüdische Theologen, teile ihren wissenschaftlichen Alltag.

Die Erfahrung zeigt, Staat und religiöse Institutionen gehören getrennt und beide haben die Freiheit der Wissenschaft zu respektieren. Das ist im Interesse aller. Wie sich das im Einzelnen in der arabischen Welt abspielen wird, das sollen die Menschen selbst entscheiden. Es gibt – wie im Westen – zahlreiche Modelle dafür.

3 thoughts on “Arabische Demokratiebewegung und Islam: Auch die Theologie muss von Diktatur befreit werden

  1. Selam Serdar,

    guter Beitrag, aber eine Anmerkung hätte ich dann doch.

    Tatsächlich hast Du Recht, wenn Du auf die problematische Lage der Theologie in der islamischen Welt hinweist, insbesondere wenn man auf die Situation von reformorientierten Theologen schaut. Einerseits ist es zum verzweifeln, mit was für Repressalien diese Menschen für ihr Denken konfrontiert werden, andererseits ist es aber meiner Meinung nach auch nicht überraschend, dass diese Probleme oft genug in Ländern auftauchen, die oftmals eher autoritär regiert werden. Ich habe den Eindruck, dass in diesen Ländern ein gesellschaftliches Klima herrscht, das grundsätzlich reformatorische Aussagen, ob nun in der Theologie oder in anderen Wissenschaftszweigen, als problematisch und die „Ordnung“ gefährdend ansieht.

    Bei solch einer Gemengelage könnte die freie wissenschaftliche Arbeit im nichtmuslimischen Ausland als tatsächlich befreiend wirken. Auch wenn ich es persönlich als eine Schmach für muslimische Gesellschaften ansehe, wenn Menschen wie Fazlurrahman, Abu Zaid und andere erst ins nicht-muslimische Ausland, oder besser gesagt, in Länder mit einer funktionierenden Zivilgesellschaft auswandern mussten, um ungestört an ihrer Forschung zu arbeiten, so ist mir dieses Weiterforschen „in der Ferne“ doch lieber, als das Ausbleiben dieser Arbeiten.

    Jedoch stelle ich bei auch mit Deinem Beitrag die Frage, ob diese Freiheit in den Ländern in denen wir leben noch weiterhin in dieser Form weiterbesteht? Viele der Gelehrten, die ihre reformatorischen Arbeiten im Westen betrieben haben, lebten zu einer Zeit in westlichen Staaten, in der die „Islam-Frage“ nur eine externe, keine eigene gewesen ist. Insofern war das Interesse für diese Arbeiten oftmals auf ein begrenztes Fachpublikum begrenzt, wobei selbst dieses sich mit einer oberflächlichen Betrachtung begnügte. In diesem Sinne empfand ich es zum Beispiel immer als sehr amüsant, wie sehr doch die Wahrnehmung der „Ankaraner Schule“ in Deutschland sich von der Selbstwahrnehmung ihrer Protagonisten unterschied. Oftmals wurde nämlich verkannt, welches Potential des Islams hervortreten konnte, wenn von ihren Aussagen der doch manchmal sehr dicke Staub von manch traditionellen Interpretationen entfernt wurde. Oft genug stand dann nicht mehr ein „zurückgebliebener“, in vormodernen, vorindustriellen Vorstellungen festhängender Islam vor ihnen, sondern einer, der mitdiskutieren und mitdebattieren wollte, und sich nicht scheute, unangenehm zu werden.

    Gerade diese Möglichkeit dürfte aber die Frage nach der Freiheit hier im Westen unter ein neues Licht stellen. Denn mittlerweile wird „der Islam“ nicht mehr als fremde, sondern als eigene Angelegenheit angesehen. Für bestimmte politische Kreise ist es nicht mehr unwichtig, zu welchem Ergebnis diese Wissenschaftler kommen, sondern dass sie zu einem bestimmten Ergebnis kommen. Die Erwartungshaltung gegenüber diesen Wissenschaftlern ist gestiegen. Nicht die wissenschaftliche Auseinandersetzung ist dann mehr wichtig, sondern nur noch das Hervorbringen von genehmen Ergebnissen.

    Dabei meine ich nicht nur politischen Druck, der von Fördergeldgebern nicht selten auftaucht, sondern auch das gesellschaftliche Umfeld. Interessant fand ich zum Beispiel die Aussage eines türkischstämmigen Wissenschaftlers dahingehend, dass er sich von seiner Arbeit in Europa eigentlich erhofft hatte, noch freier und unabhängiger von tagesaktuellen Debatten arbeiten zu können. Hier würde er jedoch immer häufiger von mehrheitsgesellschaftlichen Akteuren zu einem „Vertreter“ des Islam gemacht und ihm damit die Freiheit zum Forschen genommen. Schon aus moralischer Verantwortung gegenüber den anderen Muslimen hätte er dann viel mehr darauf zu achten, was er sagt und wie er es sagt und oftmals seine eigene Vorstellungen zurückzustellen, da er sonst befürchtet, als Alibi für die bestehenden Bedrohungsszenarien gegenüber Muslimen missbraucht zu werden.

    So viel erst ein Mal von mir

    Engin

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  2. Pingback: Gastbeitrag von Engin Karahan « Serdargunes' Blog

  3. „wenn von ihren Aussagen der doch manchmal sehr dicke Staub von manch traditionellen Interpretationen entfernt wurde.“

    Was ist dieser Staub?
    Warum ist er Staub?
    Woran lässt sich der Staub festmachen?
    Ist die sogenannte Ankanraner Schule eine neue Religion?

    Welche REform braucht der Islam?

    Warum ist der Islam jetzt RÜCKSTÄNDIG? Wie viel Kopftücher darf es denn sein? Und wiviel Ketzertum darf es denn sein damit der Islam eine Reformreligion wird?
    Wieviel Attürks Apostasie darf zum Islam kommen, damit es dem Westlern gefällt, die auf den Islam von christlicher Perspektive gucken?

    Warum kommt die islamische Vernunft derart zum Erliegen, dass sie nur Schlagworte des Westens nur dumm dämmöich nachplappert?

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