Liberal vs. Konservativ oder was auch immer…2


In möchte in diesem Beitrag auf einen Kommentar von Resul eingehen, den er für meinen Blogbeitrag Dialog bla bla gemacht hat. Danke für deinen Input Resul. Nun ging es in diesem Beitrag nicht um das was Du in Deinem Kommentar erwähnst. Nicht das es unwichtig ist was Du schreibst. Aber ich kann ja trotzdem darauf eingehen (Hakan deine Meinung würde ich auch gerne hören). Lass uns mal ehrlich sein. Ohne Schubladen und Kategorien kommen wir nicht aus. Und ich hab sie auch nicht erfunden, wenn wir jetzt über den Islam reden. Sunniten, Schiiten, Zahiriten und und und. Das Geschäft hat man schon früh damit gemacht und wurde sogar von vielen Muslimen mit dem Leben bezahlt (das ist übrigens heute nicht anders). Das wir uns über sowas nicht mehr thematisieren, zeigt nur das wir es schon verinnerlicht haben. Kein Schiit wirft mir vor, ich würde ihn ausgrenzen, wenn ich mich als Sunnit bezeichne oder andersrum. Sofern diese Kategorien den Anderen nicht herabwürdigen, ist es ein Bedürfnis nach Klarheit Kategorien und Schubladen zu benutzen. So sind wir kognitiv gestrickt. Daran kommen wir nicht vorbei.

Im Eifer des Gefecht kann auch ich Fehler machen und Ungerecht sein. Das bitte ich zu entschuldigen, falls es mal dazu gekommen ist. Du sprichst es an. Ich kenne viele „liberale“ Muslime, die einen geringeren Horizont haben als  so called „traditionelle“. Die Kategorien an sich sagen da noch nichts aus. Das du für dich eine Entscheidung triffst, kann ich hinnehmen und respektieren und durchaus auch kritisieren. Aber ich würde es respektieren. Der Umgang mit dem Koran ist dabei nicht mal das Entscheidende. Ich würde mir wünschen, dass Muslime (und nicht nur sie) sich direkt mit diesem Buch auseinandersetzen. Aber ich weiß auch, das es mehr Mut erfordert das anderen zu überlassen oder zu sagen, das was Gelehrete sagen ist das letzte gesprochene Wort. Das kann sogar von einem sehr weiten Horizont zeugen. Aber es ist doch bis jetzt eher so, dass das Hinterfragen oder Infragestellen von Entscheidungen und Meinungen bei vielen Muslimen zu hohem Blutdruck führt. Sei es in der Türkei oder in anderen islamischen Ländern, solche Menschen haben einen viel schwierigeren Stand und müssen das unter Umständen mit ihrer Karriere oder sogar mit ihrem Leben bezahlen. Und dabei geht es nicht darum, das diese Menschen Recht und die „Traditionellen“ Unrecht haben. Es geht darum, einen Muslim nicht sozial und politisch zu ächten! Sehr oft ist es so, dass man sich erst gar nicht inhaltlich damit auseinandersetzt. Im Fall von Nasr Hamid Abu Zaid war das so. Dabei kann man inhaltich durchaus viel kritisiern. Aber zu einer inhaltlich- wissenschaftlichen Auseinandersetzung ist es nie gekommen. Man hat ihn verjagt und ihn als Apostaten tituliert (sogar gerichtlich durchgesetzt). In der Türkei geht es schon viel gesitteter zu. Aber ich schweife ab.

Es gibt viele Menschen, die sich den Koran wie einen Steinbruch bedienen und zu ganz fatalen Schlußfolgerungen kommen. Das sie so ganz ohne Kenntnisse der Tradition das machen, kann auch ein Indiz sein, das sie keinen Horizont haben.
Ich hatte das schon mal kurz in einem gesonderten Beitrag thematisiert. Kann es hier aber noch mal tun. Kategorien wie „traditionell“ oder „konservativ“ sind für mich persönlich keine negativen Begriffe! Denn es gibt viele Menschen, die sich bewußt so definieren. Das jemand konservativ oder traditionell ist, ist perse nichts schlechtes, genauso wie es nicht perse etwas gutes ist ein liberaler zu sein. Das bedeutet noch gar nichts. Und was es unter Umständen bedeutet „liberal“ zu sein, muss man dann im Einzelfall sehen. Viele meinen damit einfach einen Zustand, bei dem der Islam im Leben nur noch reine Folklore ist. Es gibt auch welche, die damit bestimmt theologische Positionen meinen. Z.b reformorientierte Positionen (wobei es da auch sehr große Unterschiede gibt und nicht jeder reformorientierte Mensch per se liberal ist).
Ich kann durchaus inhaltlich „traditionelle“ und „konservative“ Positionen kritisieren und das mache ich auch. Aber es ist ein Standpunt, dem ich nicht die Existenz abspreche und sogar selbst davon sehr profitiere. Das ist ein Standpunkt und sagt noch nichts über die Qualität aus. Es gibt durchaus sehr unwissende traditionelle und konservative Menschen (dazu gehören auch Gelehrte und Theologen) und es gibt welche, die sehr intelligent sind. Das hindert mich nicht, von ihnen zu lernen.
Dass diese Begriffe von außen gerne als Kampfbegriffe gegen Muslime benutzt werden, ist mir bewußt. Nur ist es, das wir dann umso mehr uns darum bemühen sollten, diese Begriffe SELBST zu definieren, es nicht anderen überlassen. Wenn ich mich als „liberaler“ Muslim bezeichnen würde, dann ist das positiv besetzt. Das heißt, das es für etwas steht und nicht gegen etwas! Es ist kein Auschluß. Es heißt nicht, das Muslime, die nicht liberal sind per se falsche Ansichten haben. Auch Lamya Kaddor, die sich weitaus mehr damit beschäftigt, dürfte das so ähnlich sehen. Natürlich gibt es Muslime, die das machen und den Anderen diffamieren. Und auch da sollte man hinsehen, wie jemand das einsetzt oder sich definiert. Ich finde Leute wie Necla Kelek missbrauchen diesen Begriff. Denn sie sind weder politisch Liberal (weil sie gerne den Staat herbeiruft damit dieser ihre Ansicht durchsetzt, z.b Verbote von Kopftüchern usw.) und auch nicht theologisch. Sie demonstriert ständig ihre Unwissenheit in islamischen Belangen und kommt über Allgemeinsätze nicht hinaus. Bei der ganzen Kritik frag ich mich schon, warum sie dann nicht schon längst aus dieser Religion ausgetreten ist, wenn diese Religion so schlimm ist. Aber ich habe das nicht zu entscheiden, es ist mir dann auch egal. Und bei solchen Menschen werden die Kategorien verhunzt und wir sollten uns hüten die Begriffe so zu verstehen wie sie es tun.

Ganz ehrlich, ich kann manchmal den Vorwurf nicht verstehen, die Bezeichnung „liberal“ würde andere Muslime ausgrenzen. Besonders, wenn es von Muslimen kommt, die sich selbst nie als „liberal“ bezeichnen würden. Warum sollte es das tun? Denn Muslime, die dem klassischen Islam anhängen (mit all seinen Schattierungen), würden sich doch selbst nie als Liberal bezeichnen. Daher müssten die doch froh sein, das sie erst gar nicht ins „liberale“ eingemeindet werden. Sie würden sich in Abgrenzung zu „Liberal“ als „traditionell“, „klassisch“, „konservativ“ oder als „orthodox“ bezeichnen. Man kann sie doch nicht aus etwas ausschließen, in das sie sowieso nicht wollen.

Du möchtest doch nicht liberal sein, du kannst damit nichts anfangen. Also braucht es doch einen nicht stören, wenn man das nochmal bestätigt. Ob diese Begriffe inhaltlich Sinn machen, ist eine andere Diskussion. Darüber kann und sollte man sich streiten. Aber bitte nicht dem Anderen die Existenz absprechen, sondern ihn so akzeptieren wie er ist. Das fordere ich ganz allgemeinen Grundsatz.

Das mich andere wohl als „orientalistisch“ bezeichnen, kommt oft vor und meint eher etwas Negatives. Das war in der Türkei so und ist hier nicht anders. Das liegt vielleicht daran, das Menschen wie ich nicht glauben, dass Rechtsschulen oder Gelehrte immer das letzte Wort haben müssen. Oder glauben, das der Koran nicht „über-historisch“ ist aber durchaus einen universellen Geltungsanspruch hat. Und das nicht alles aus dem Koran deduziert werden muss! Das ist ein Standpunkt der mir selbst oft den Vorwurf des Apostaten oder des Ungläubigen eingebracht hat. So gesehen ist dann „orientalistisch“ harmlos und bin dafür dankbar. Aber ich würde nie jemanden verachten, weil er meine Meinungen nicht teil. Ich würde ihm niemals seinen Glauben absprechen oder ihm einen beschränkten Horizont bescheinigen. Das ist der Unterschied!

3 thoughts on “Liberal vs. Konservativ oder was auch immer…2

  1. Hallo Serdar,

    Ich finde ein Grundproblem bei allen Integrations- und Religionsdebatten ist, dass man vergisst, dass wir nicht nur an unserere kognitiven Schubladen gebunden sind, sondern, dass der Mensch in seinem Verhalten schon immer nach Schutz sucht. Medien und soziokulturelles Verhalten unterstützen dies wechselseitig und schüren das Bedürfnis nach Sicherheit, wie in euren Artikeln mehrfach durch Beispiele belegt wird. Andererseits beobachte ich auch, dass viele Menschen intuitiv ein hohes soziales Schutzverhalten für Ihre Mitmenschen besitzen. Als Beispiel beginnt dies in der Familie, bei Freunden und reicht glücklicherweise oft drüber hinaus. Hierbei kommt es meiner Meinung nach aber dennoch zu Konflikten moderner und klassischer Ansichten. Ein Vater (traditioneller Christ mit allem Kladeradatsch) versucht seinen „liberalen“ Sohn, der mit den klassischen Regeln des Christentums bricht, sich selber aber dennoch als gläubig bezeichnet, vor den ihm ausstehenden (aus der Sicht des Vaters) Konsequenzen der Glaubensverletzung zu schützen. Beispielsweise könnte ihn seine Lebenserfahung dazu befähigen ein guter Schutzgebender zu sein. Im Grundgedanken eigentlich etwas sehr gutes, wie ich meine.
    Regeln, meiner Meinung nach auch religiöse, verändern sich mit der Gesellschaft und müssen dies auch tun, letztendlich geht es doch immer um Nächstenliebe.
    Der Schwerpunkt der Angstbefreiung des Einzelnen, zum Verständnisvollen, sozialen Miteinanders in einer sich verändernden multikulturellen Gesellschaft mit bunten und starken Individuen erscheint mir bei Debattierenden und deren Denkvorgängen mit großem als auch mit kleinem Horizont unterlegt, zu wenig Gewichtung zu bekommen.
    Serdar, Deine Grundsatzforderung …..Die Würde des Menschen und so. ….. is doch klar:)

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