Minarett vs. Kirchturm


Ein Aspekt der bei der ganzen Aufregung aus den Augen geraten ist:

„…Auch spricht vieles dafür, dass hinter dem „Ja“ für den Verbotsantrag ganz verschiedene Motive gestanden haben, also nicht nur islam- oder fremdenfeindliche, sondern auch legitim islamkritische bzw. grundsätzlich religionskritische, feministische oder sogar religiöse Motive calvinistischer Prägung: Um zu Gott zu beten, bedarf es keines besonderen Gebäudes und mithin auch keines Minarettes. Ich erwähne dieses spezifisch religiöse Motiv deswegen, weil der Calvinismus bei aller sonstigen Distanz gelegentlich durchaus auch eine gewisse Nähe zu islamischen Vorstellungen aufweist, zum Beispiel in dem geringen Stellenwert, der dem äußeren Rahmen der Religionsausübung beigemessen wird. In der vor allem unmittelbar nach dem Referendum über die Schweiz hereinbrechenden Kritik wurde oft das Minarett als essentiell islamisch angesehen, so dass ein Verbot den Islam mitten ins Herz treffen würde. Dies aber ist mindestens stark übertrieben, denn das Minarett ist ja nichts anderes als ein erhöhter Standort, damit der Ruf des Muezzins zum Gebet besser gehört werden kann – vor der Einführung des Lautsprechers, so dass eine eher pragmatische Behandlung des Problems auch möglich ist. Insofern hat auch der von mir geschätzte Mustafa Akyol unrecht, wenn er in einem Artikel in „Hürriyet Daily News“ vom 4. Dezember die religiöse Bedeutung des Minaretts mit der des christlichen Kreuzes und des jüdischen Davidsterns gleich setzt.

Was die Türkei betrifft, so scheinen maßgebliche Politiker, die sich jetzt zum Schweizer Referendum geäußert haben, die „calvinistische“ Sicht übrigens zu teilen – zumindest implizit. Denn wenn etwa der Europa-Minister Egemen Bağış zwei Tage nach dem 1. Advent davon sprach, dass – offenbar im Gegensatz zur Schweiz! – in der Türkei alle Religionen frei ausgeübt werden könnten, und zwar seit 900 Jahren, dann lässt sich mit dem bei Bağış vorauszusetzenden Wissen, dass in der Türkei christliche und andere Religionsgemeinschaften immer noch große Probleme mit der Genehmigung ihrer Sakralbauten haben, diese Behauptung eigentlich nur dann aufrecht erhalten, wenn man den Stellenwert solcher Bauten für die jeweilige Religion und überhaupt für die Religionsfreiheit als relativ gering ansieht.
Derselbe Minister hat übrigens auch von der Schweiz als einem „Freilichtmuseum der Intoleranz“ gesprochen – ein gutes Beispiel für die Maßlosigkeit der Kritik, mit der zumindest anfänglich die Schweiz überzogen wurde, und die auch vor Begriffen wie Faschismus und Rassismus nicht halt machte. Angesichts dieser Übertreibungen – bei denen man manchmal den Eindruck hatte, dass sie von eigenen Defiziten in Sachen Religionsfreiheit ablenken sollten – wirken die Feststellungen des deutschen Außenministers Westerwelle wohltuend angemessen, die er in einem Zeitungsinterview vom 5. Dezember getroffen hat: „Die Schweiz ist eine der ältesten Demokratien, ein Land, das auf Toleranz und Ausgleich aufgebaut ist. Sosehr ich – wie die Schweizer Regierung – die Entscheidung bedauere, sosehr verbietet sich eine Schlussfolgerung, die Schweiz sei ein intolerantes oder undemokratisches Land durch diese Abstimmung geworden. Ich halte das für völlig unangemessen…“

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