Islamisches Recht! Nochmals nachgehagt I


Mein Blognachbar Hakan hat einen interessanten Artikel über das islamische Recht verfasst. Tja ich durfte ihm sogar dabei über die Schulter schauen (übrigens Danke nochmal für die drei Tage).

Islamisches Recht: richtig verstanden?Fast jeder muslimische Haushalt hat an irgendeiner besonderen Stelle in der Wohnung ein Buch stehen, das man Ilmihal (frei übersetzt: „Wissen(schaft) von der Situation“ oder Katechismus) nennt. Ein Ilmihal ist ein praktisches Handbuch, das in Kapiteln und oft in durchnummerierte Paragraphen gegliedert ist. In ihm kann man z. B. die Glaubensgrundlagen oder detaillierte Beschreibungen islamischer Praktiken nachlesen, z. B. des rituellen Gebets oder des Fastens. Manche Ilmihals umfassen darüber hinaus Kapitel zu fast allen Lebensbereichen, während andere sich auf einzelne Themen beschränken. Zu den Klassikern aus letzterem Bereich im türkischen Buchregal gehört ohne Zweifel das verbreitete „Namaz Hocası“ (zu deutsch: Gebetslehrer) von Yusuf Tavaslı, das eine für alle Alters- und Bildungsgruppen verständliche Einführung in die Praxis des rituellen Gebets, in die Regeln des Fastens im Ramadan usw. enthält und neben einer Reihe didaktischer Abschnitte auch aufzählende Passagen im Stil eines Ilmihals aufweist – so z. B. wenn aufgelistet ist, welche Handlungen während dem Fastentag im Ramadan das Fasten ungültig machen und welche nicht. Hierbei werden Begriffe des fiqh, d. h. der klassischen islamischen Rechtswissenschaft verwendet, z. B. auf Türisch „Vacip“ oder „Farz“ für Gebotenes, „Haram“ für Verbotenes, „Sünnet“ für empfohlene Praktiken des Propheten Muhammad etc.

Was haben aber Fasten und Beten bitte mit Rechtssprechung zu tun? Ganz einfach: Nach einer Unterteilung in der klassischen islamischen Rechtswissenschaft – namentlich al-fiqh (türksich: fıkıh) – die sich in den ersten Jahrhunderten des Islams entwickelt hat, kann die gesamte Sphäre der durch Koran und Sunna vermittelten Normen in verschiedene Bereiche eingeteilt werden. Zu den zentralen Bereichen gehören dabei der der ‘Ibadat (auf Gott bezogene Handlungen, also Gottesdienste) und der der Mu’amalat (Handlungen im Verhältnis zur Gesellschaft). In der islamischen Gelehrsamkeit werden die Gottesdienste also als ein Teil eines umfassenden islamischen Rechts aufgefasst. In den allermeisten Fällen meinen Muslime also nicht den Wortlaut von Koran und Hadithen, wenn sie von islamischen Geboten, Verboten, Gesetzen etc. sprechen, sondern Ergebnisse einer bestimmten Tradition innerhalb der Rechtswissenschaft al-fiqh, z. B. die Positionen der hanafitischen Rechtsschule, die unter den Türken weite Verbreitung hat. Diese Wissenschaft liefert Gebote und Verbote in erster Linie auf Basis der Primärquellen Koran und Sunna.

Wenn also von kodifiziertem islamischen Recht (einschließlich der Gottesdienste, Speisevorschriften, Strafrecht, Familienrecht etc.) die Rede ist, dann meint man stets das Recht, das die Rechtsgelehrten (also die fuqaha) per Interpretation aus Koran und Sunna abgleitet haben. Ihr Ideal war es aus Koran und Sunna das universelle, verbindliche Gesetz Gottes für alle Lebenssituationen, also die normative Shari’a, abzuleiten. Die Shari’ah im hier gemeinten Sinne (Vorsicht! Vieldeutiger und heiß umkämpfter Begriff!) liegt also nicht unmittelbar vor unserer Nase, sondern ist das Ergebnis der Interpretation in der fiqh-Wissenschaft. Selbst fundamentalistische Zugänge, wie die von manchen Salafiten und Wahhabiten, die Koran und Sunna möglichst unmittelbar umsetzen wollen, lesen diese im Lichte einer gewissen vorgeschalteten fiqh-Systematik. Diese Systematik ist nicht mit dem Text identisch – und das ist hier zunächst das Entscheidende.

Da die fiqh-Wissenschaft kompliziert ist, werden ihre Ergebnisse ohne Angabe der systematischen Herleitung und ausführlichen Begründung, und meist auch ohne Auflistung der Gegenmeinungen und Begründungsprobleme als endgültige Tatsache der breiten Bevölkerung in Form von Ilmihals, oder in Lesungen und Predigten verabreicht. Der Vorteil: Volk weiß genau, was zu tun ist. Der Nachteil: Volk weiß nicht, warum gerade dies zu tun ist. Anspruchsvollere Werke weisen auf die Herleitung und alternative Deutungen z. B. in den verschiedenen Rechtsschulen hin. Insofern ist islamisches Recht zwar methodisch aus Koran und Sunna abgeleitet. Es ist in seiner universalisierten Form jedoch stets das Ergebnis einer Interpretation ausgewiesener Gelehrter – von der Beurteilung der Authentizität von Hadithen, über die Frage nach der Allgemeingültigkeit koranischer Aussagen bis hin zur Priorisierung koranischer Normen. Und es ist pluralistisch, insofern als dass die Muslime bereits seit der Zeit der Prophetengefährten unterschiedliche Auslegungen kannten und gebilligt haben. Das Problem ist heute: Fast alle breiten fiqh-Traditionen haben den größten Teil ihrer inhaltlichen Ausgestaltung schon seit über tausend Jahren hinter sich. Diesen Boden möchte man heute jedoch nur ungern verlassen, da die Wortführer der praktizierenden Kreise den heutigen Gelehrten nicht viel mehr als Fußnoten zu den Werken der klassischen Gelehrten zutrauen. Sie bevorzugen im fiqh den taklid, d. h. die (bisweilen selektive) Übernahme der Meinungen der klassischen Gelehrten. Darum reichen vielen traditionell orientierten Muslimen Ilmihals, wenn sie wissen wollen, was im Islam nun Sache ist. In den allermeisten Fällen gibt man sich sogar schon mit einem Hörensagen im vertrauten Umfeld zufrieden. Von der fiqh-Wissenschaft kommen auf der Stufe des alltäglichen Islams daher meist nur selektive Endergebnisse, sozusagen Splitter von Ilmihal-Wissen an.

Aber es gibt noch eine Stufe vor fiqh. Die Prinzipien, nach denen die fiqh-Wissenschaft aus Koran und Sunna Normen ableitet, sind keine Selbstverständlichkeit – sie werden auch nirgends im Koran systematisch ausgeführt. Vielmehr sind diese Prinzipien Gegenstand einer Wissenschaft höherer Ordnung, also einer Wissenschaft über die fiqh-Wissenschaft, auf die alle muslimischen Autoren heute mit großem Stolz hinweisen und sie als den eigentlichen Kern der islamischen Rechtsphilosophie ausweisen, nämlich der usul al-fiqh (türkisch: fıkıh usulü), was Grundlagen (oder Methodologie) der Rechtswissenschaft bedeutet. Sie ist Rechtshermeneutik in vollstem Sinne, und ein großer Teil von ihr ist eine frühislamische Form elaborierter Sprachwissenschaft von beeindruckender Tiefe und Subtilität. Gelehrten wie Abu Hanifa hatten klare Vorstellungen von ihrem usul, jedoch wurde das erste eigenständige Werk über usul al-fiqh erst im zweiten islamischen Jahrhundert vom Rechtsgelehrten asch-Schafi’i verfasst. Im usul al-fiqh wird geklärt wie überhaupt aus einem so vielfältigen Text wie dem Koran Normen abgeleitet werden können, wie man mit Deutungsvielfalt umgeht, welchen Stellenwert die Vernunft neben dem Wortlaut der Primärquellen bei der Aufstellung von Normen hat, was überhaupt die eigentlichen Zwecke des islamischen Rechts sind, wann koranische Aussagen als universelle Norm gelesen werden müssen, und wann sie nur eingeschränkt (oder gar nicht) gültig sind etc. Hier klärt man die Interessen, die im fiqh Vorrang genießen, den Umgang mit widersprüchlichen Quellentexten und auch die Frage, wann Normen als unbedingt gelten und wann sie ein Mittel zu einem höherstufigen Zweck darstellen. Usul al-fiqh thematisiert also das Verstehen und das Aufstellen von Normen überhaupt und ich persönlich glaube, dass jede ernsthafte Diskussion über islamisches Recht und islamische Weltanschauung(en), über Deutungsmöglichkeiten und über eine Integration von Islam und Moderne früher oder später auf dieser Ebene operieren muss, wenn sie nicht schnelle Lösungen will, sondern den Dingen auf den Grund gehen möchte. Das Ilmihal-Wissen um den praktizierten Islam speist sich also aus der fiqh-Wissenschaft. Und die fiqh-Wissenschaft interpretiert Koran und Hadithe und gemäß Prinzipien höherer Ordnung, die in usul al-fiqh thematisiert und diskutiert werden. Auch die usul al-fiqh des klassischen islamischen Rechts ist wie das fiqh in sich selbst pluralistisch und war trotz breiter gemeinsamer Basis immer auch kontrovers und stellte so unter Beweis, dass genuin islamisches Denken immer auch hermeneutisches Denken ist, und dass keiner der großen Rechtsgelehrten das Verstehen als voraussetzungslos abgetan hätte. Das macht mir Mut nachzufragen, wie es zur Etablierung universeller islamischer Normen kam, und unter welchen Bedingungen man eine Flexibilität des islamischen Rechts erwarten darf bzw. muss. Und es macht mir Mut, dass man islamisches Recht begreifen, unterschiedliche Positionen vergleichen und begründet Stellung beziehen kann, ohne den Anspruch erheben zu müssen selbst ein Rechtsgelehrter sein zu wollen. Sofern es in einer Wissenschaft mit rechten Dingen zugeht, muss jeder Mensch sich selbstständig über ihre populären Ergebnisse (Ilmihal), ihren Diskurs (fiqh) und ihre hermeneutische Selbstreflexion (usul al-fiqh) informieren können. Wer sich betroffener fühlt muss sich schließlich auch ein Bild von der Passung von Gegenwartsproblemen und traditionellen Lösungen machen können. Aber er muss dazu auch den entsprechenden Atem mitbringen. Manches ist dabei ganz ähnlich wie in der Naturwissenschaft. Ich kann mich an populärwissenschaftlichen Darstellungen eines astronomischen Themas erfreuen (das ‚Ilmihal‘). Jedoch steckt hinter diesen Darstellungen die eigentliche Wissenschaft, nämlich das geduldige Beobachten und Protokollieren, der wissenschaftliche Diskurs und das Entwickeln und Verwerfen von Theorien (das ‚fiqh‘). Dieses muss ich nicht selbst durchführen – ich bin jedoch verpflichtet die wichtigsten Stationen in diesem Erkenntnisprozess nachzuvollziehen, wenn ich darüber urteilen will. Oder ich mache eine Form von taklid – das heißt, ich vertraue dem entsprechenden Wissenschaftlerteam, dass sie alles richtig beobachtet und beurteilt haben und überantworte die Stichhaltigkeit der Beweise gänzlich ihrer eigenen Kompetenz. Habe ich jedoch das dringende Interesse den endgültigen Geltungs- und Gewissheitsanspruch dieser Wissenschaft überhaupt zu beurteilen, dann muss ich früher oder später die erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundlagen astronomischer Theorien soweit es möglich ist analysieren und beurteilen (das ‚usul al-fiqh‘). Die Alternative mündet in blinde Autoritäts- bzw. Wissenschaftsgläubigkeit, die ihren Meistern eventuell Dinge zutraut, die sie mit menschlichen Mitteln nicht einlösen können.

Viele Wissenschaftler – gleichgültig ob in Naturwissenschaft oder Theologie – setzten ihre Methoden kritiklos voraus. Sie handeln dabei nicht etwa frei von ‚usul‘, also von Grundannahmen über die Prinzipien ihrer Wissenschaft überhaupt, sondern sind sich derer lediglich nicht bewusst. Reflektierte Menschen hingegen können wenigstens ansatzweise Rechenschaft über ihre Prinzipien und Methoden abgeben oder wissen zumindest, dass sie nicht voraussetzungslos handeln, sondern, dass ihre Methodologie hinterfragbar ist, Vieldeutigkeiten nicht ausschließen kann und in vielen Fällen gar keine absoluten und notwendig wahren Gewissheiten liefern kann. Nicht weil es keine Wahrheit gäbe, sondern weil sie mit unseren endlichen Erkenntnismitteln nie mit absoluter Gewissheit sichergestellt werden kann. Und wer das Gegenteil behauptet, der trete bitte vor. Sehr wohl kann aber eine vermutete Wahrheit innbrünstig geglaubt werden. Und vermutlich ist kein Glaube vollkommen, der nicht auch im bewussten Zweifel noch Liebe und Leidenschaft bewahren kann. Weise ist jedoch der, der dabei nicht vergisst, dass er letztlich glaubt, wenn auch mit bestem Gewissen und aus guten Gründen.

In einer Reihe von Fällen wird man kein Schütze sein müssen um zu erkennen, ob der Meister mit dem selben Bogenschuss auch unter den gewandelten Bedingungen von heute noch ins Schwarze treffen würde, sprich, ob das vor langer Zeit Dargebotene auch unter unseren Verhältnissen das halten kann, was es verspricht, nämlich Gottesnähe, Gerechtigkeit und Glückseligkeit – oder ob man darauf bestehen muss, dass andere Bedingungen eventuell modifizierte Zugänge zur Tradition und zur Gegenwart erfordern, und dass blinder Dogmatismus dem Islam und den Muslimen langfristig immer geschadet statt genützt haben. Jedoch gilt es gerade bei diesem heiklen und dringenden Thema auch tiefe Bescheidenheit zu üben und den altehrwürdigen Meistern geduldig zuzuhören, denn sie haben uns womöglich auch heute noch mehr zu sagen, als manchmal durch die getrübte Oberfläche der Tradition durchscheint…

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