Dionysisches


Der dionysische Mensch hat Ähnlichkeiten mit Hamlet: beide haben einmal einen wahren Blick in das Wesen der Dinge getan, sie haben erkannt, und es ekelt sie zu handeln; denn ihre Handlung kann nichts am ewigen Wesen der Dinge ändern…

F. Nietzsche

Adornos ästhetische Unposition ist eine Position der Verweigerung. „Ihre Ästhetik ging knapp an der Schwelle zum Ekel vor allem und jedem entlang. Kaum etwas, was in der praktischen Welt vorging, tut ihr nicht weh und blieb vom Brutalitätsverdacht verschont“ (P.Sloterdijk). Jene ästhetische Verweigerungshaltung hat, auf dem Hintergrund der Konjukturlage der 60er Jahre, auch dazu beigetragen, dass die Kritische Theorie zum theoretischen Bezugsrahmen der sogenannten Studentenbewegungen werden konnte, doch hat sich die „Offensivwirkung des Sichverweigerns längst erschöpft. Das masochistische Element hat das kreative überflügelt. Der Impuls der Krischen Theorie wird reif dafür , die Klammer des Negativismus zu sprengen.“ (P. Sloterdijk). Da Adorno einigermaßen intensiven Motive Walter Benjamins als Inspirationsquelle benutzt hat, lässt sich das Dilemma der Verunft- und Gesellschaftskritik aus dem Geiste der modernen Kunst und des Messianismus auch an diesem spiritus rector Adornos explizieren.

Bei allen Sympathien, die man Benjamins surrealistischen und dadaistischen Motiven entgegenbringen mag, dessen Propagierung des destruktiven Charakter, der nur eine Parole kennt: „Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen„, dem es zudem das geringste Bedürfnis ist, „zu wissen, was an die Stelle des Zerstörten tritt“ sowie dessen Stilisierung des Nihilismus zur Mehtode der Weltpolitik in theologischer Abischt sind kaum geeignet, das Fundament einer Gesellschaftstheorie mit praktischem Veränderungsanspruch abzugeben. Dem Versuch, einem neuen, positiven Begriff des Barbaren Geltung zu verschaffen, der erst einmal reinen Tisch macht, um einen „Zeichentisch„, ein „Reißbrett“ zu erhalten, auf dem Neues „konstruiert“ und „entworfen“ werden kann, sowie dem Aufruf, der historischen Materialismus möge die Theologie in den Dienst nehmen, kann man zugute halten, dass es ein Fehler (gewesen) ist, die mythischen Sehnsücht dem Faschismus zu überlassen. eine Kritik, die abräumt, schafft Platz, doch das Bilderverbot, das den Juden untersagt, „der Zukunft nachzuforschen„, konterkariert die Konstruktion und den Entwurf, um derentwillen überhaupterst abgeräumt wurde. (Die Konstrukteure, die Benjamin anführt, sind dann auch keine Gesellschaftstheoretisker, sondern Descartes, Einstein, Newton, Brecht, Klee, Loos usw…) Mit dem Bilderverbot wurde vielleicht „den Juden (…) die Zukunft (…) nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte.“ (W.Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

Die Gegen-Ohne-Für-Haltung und der Ekel vor Positivem haben zwar Platz geschaffen, nur ist darauf nicht der Messias erschienen. Erschienen sind bekanntlich Sinnversprecher und Heilbringer ganz anderer Art. Das Bilderverbot ist ein anderer Name für die Kritik am „Trug des konstitutiven Subjekts„. Wie schon Adornos subjektphilosophischer Freiheitsbegriff auf die Freiheit des Subjekts von sich selbst zielt, so verwehrt das Bilderverbot das subjektive Setzen der Wahrheit zugunsten eines Erscheinenlassens der (heiligen, messianischen bzw.) „objektiven“ Wahrheit, die nicht vom Subjekt „verstellt“ ist. In diesem Sinne hat schon der Seinsdenker Heidegger den adäquationstheoretischen Wahrheitsbegriff, der auf Entsprechung und Prädikation beruht, als eine bloß instrumentelle Sprachgestalt verworfen. Feststellen, Aussage, Information und Kommunikation vergewaltigen demnach die Sprache zum Werkzeug.

Als Zeichen kommt das Wort an die Wissenschaft; als Ton, als Bild, als eigentliches Wort wird es unter die verschiedenen Künste aufgeteilt (…) Als Zeichen soll Sprache zur Kalkulation resignieren. (…) Als Bild soll sie zum Abbild resignieren (…).“ (Adorno, Dialektik der Aufklärung, 19) Adornos Kritik des Begriffs (Identitätsprinzip, Subsumtionslogik) und dessen Schmähungen der Kommunikation könnten auch Heideggers Seinsdenken entstammen. Der bloß instrumentellen Prädikation setzt Heidegger die Parusie entgegen, die ästhetischen Qualitäten und die „zeigende“ Sprache der Dichtung in ihrer evokativen, heiligen Eigenschaft. „Die Wahrheit“ stellt sich demnach gerade dort am wahrhaftigsten dar, wo sie sich verbirgt. Das Rätsel, das Geheimnis gilt als die höchste Gestalt der Wahrheit. Predigen statt urteilen, „sagen und nennen statt rechnen und erkennen„: „so überantwortet sich Denken, das sich durch radikale Bindung an die Sprache von Metaphysik emanzipieren möchte, dem Mythos der Namenssprache, die verhüllend enthülle„, und daraus entspringt auch Adornos Auratisierungstechnik, die gar nicht darauf angelegt ist, das Handeln zu orientieren: im Gegentei, „Die Repristination des Auratischen in Geschichte und Natur (…) ist ein Effekt des Heideggerschen Tabus über Produktion. Es richtet sich zugleich gegen das transzendetale Subjekt und das vom Marxismus visierte Klassensubjekt der Produktion. Der physis als Aufgegen und Von-sich-her-Erscheinenlassen entspricht ‚kein Machen‘, sondern ‚Bereitschaft‘.

Das ist auch der Inhalt des Bilderverbots. Aber wozu war Heidegger nicht bereit als die neuen Heilsbringer erschienen? Offenbar war das esoterische Bereitsein wenig hilfreich, als Erkennen, Enthüllen, Urteilen und ein profanes Bereitsein zum Handeln, kurz, als „konstitutive Subjekte“ gefragt waren. Womöglich hätte die Verherrlichung der mythischen Geisteslage den Blick getrübt. Womöglich litt die Sehschärfe unter der Dramaturgie, mit der sich das philosophische Denken in höchster Absicht inszenierte und „Wahrheit“ und Ethik ins Ästhetische verschob. Der faschistischen Einrichtung der Gesellschaft hatten die weltlosen Heilserwartungen nichts entgegenzusetzen. Auch Adornos ständige Irrationalismuspredigt und seine metaphysische Behauptung absoluter Negativität, mit der daraus abgeleiteten Unmöglichkeit von Theorie, von positiven Vorschlägen und von praktischen Eingriffen, sowie sein apokalyptischer Angstkult und die rien-ne-va-plus-Attitüde sind, wenn sie sich als desolate Geisteshaltung verallgemeinern, durchaus dazu angetan, einen aktiven Nihilismus heraufzubeschwören. Die Gegen-Ohne-Für-Haltung stellt sich dar als eine Abwehrstrategie gegenüber der Vereinnahmung von Kritik; und in der Tat, wo nichts ist, kann auch nichts vereinnahmt werden. In der konkreten politischen Auseinandersetzung ist aber die Weigerung, Vorschläge zu machen, auch wenn sie sich als undogmatische Offenheit präsentiert, nicht viel mehr als eine Apotheose der Ratlosigkeit, Triumph der Leere.

Der konjunkturbewußte Intellektuelle heute, der, statt eine rationale Diskussion um Vorzugswürdigkeiten zu führen, besser fährt, wenn er das ästhetische Interesse am Interessaten befriedigt, steigert, sich am katastrophischen Lebensgefühl. Die Steigerung ins Extreme, an der sich die Weltverneinung berauscht, die Behauptun der absoluten Negativität ist nur möglich, wenn die „Kritik“ extrem unoperationabel bleibt. Sie rennt dabei häufig genug offene Türen ein, als wären sie fest verschlossen. An die Stelle theoretischer Anstrengungen, die die polit-ökonomischen Determinanten der Herrschaft offenlegen, ist ein defensiver Existenzialismus getreten, der Macht, Herrschaft und Ideologie (als Schleier der Maja) traumatisiert, dämonisiert und fatalisiert und der damit die Aufmerksamkeit von einer findigen und informativen Untersuchung gesellschaftlicher Verhältnisse abzieht, ein Umstand, über den die Verwendung marxistischer Terminoloige nicht hinwegtäuschen sollte. Apokalyptische Redeweisen und parareligiöses Denken verschütten das Differenzierungsvermögen. Darin bleiben Adorno und Sloterdijk verwandt. Dessen Bombenmeditation etwa löst „das Problem der Abrüstung von seinen komplexen politisch-ökonomischen Interesenlagen und (es wird – d.V.) in ein ethisches bzw. religiöses, d.h. in ein Gesinnungsproblem verwandelt.“ (M. Schneider, Apokalypse, Politik als Psychose und die Lebemänner des Untergangs, 62, in: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, Köln 1984)

Wird die Bombe zur materiellen Darstellung unseres Wesens erklärt und die katastrophisch sich zuspitzende Situation in einen anthropologischen oder ontologisierenden Diskurs übersetzt, verschwindet selbst noch der Unterschied zwischen den Betreibern der Hochrüstung und ihren Gegnern. Wenn an die Stelle einer polit-ökonomischen Analyse und einer Thematisierung der damit verbundenen Interessen der modische Appell an die Selbsterfahrung tritt, dann „werden wieder einmal nur die Ängste und Schuldgefühle sozialisiert, nicht dagegen die Monopolprofite (…).“ (Apokalypse, 70)

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