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Theologie


Farid Esack: Ich habe nichts dagegen, dass der Islam eine Bedrohung ist, denn ich finde, dass die heutige Welt mit einer Supermacht, einer Ideologie und einer Art von Globalisierung keine sehr schoene Welt ist. Ich habe nichts dagegen, dass der Islam Teil einer Bedrohung fuer die “Pax Americana” ist, fuer den globalen Frieden, der allein auf den Werten der Vereinigten Staaten beruht. Aber ich moechte nicht, dass der Islam die einzige Herausforderung wird. Er sollte eine sein, aber gemeinsam mit anderen internationalistischen Kraeften – mit Menschen, die sich Sorgen machen um die natuerlichen Ressourcen, die globale Erwaermung, die Marginalisierung der Menschen in der Dritten Welt, die Profite der Pharma-Industrie und so weiter. Ja, ich glaube, dass der Islam eine Bedrohung sein sollte. Aber nicht isoliert von anderen. (via DML)


Schon seit langer Zeit reift ein neues islamisches Reflektieren ist in der Blogger-Szene (hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier um hier nur einige zu nennen). Und dabei meine ich mit “islamisch” nicht nur ein Attribut unter vielen von Muslimen,  sondern auch von denjenigen, die damit ihre Lebensweise bewußt ausdrücken und sich über Inhalte und Probleme den Kopf zerbrechen. Dem WWW sei Dank, dass Debatten viel direkter und schneller stattfinden. Der direkte Bezug auf islamische Quellen im Netz, ohne die gedruckten Bücher aus den Regalen zu nehmen, wirkt sich in einer veränderten Perspektive auf die Wahrnehmung von jungen Muslimen aus.

Der selbstbewußte Muslim von Heute ist jemand, der seine Religion lebt und meist auch weiß warum. Er kann es begründen, kennt die Referenzen im Koran und Sunna. Er weiß wo, was und von wem gesagt wurde. Er kann zwischen Gelehrtenmeinungen auswählen oder auch sagen, keines dieser Meinungen erschließt sich mir nicht, deshalb entscheide ich selber. Ich idealisiere hier natürlich. Es gibt graduelle Unterschiede zwischen jungen Muslimen und manchmal sogar der Unterschied ums ganze.

Aber worauf ich hinauswill ist eine wichtige Tatsache: Der Vollzug der islamischen Lebensweise war (und ist es meist immernoch) sehr von Nachahmung geprägt. Dass was man wissen muss, wird einem vom Gelehrten des persönlichen Vertrauens gesagt oder ist in irgendwelchen Katechismen nachzulesen. Sich selbst über die Bücher zu beugen und daraus ein Urteil abzuleiten war nie möglich und auch nicht gewollt, in manchen Kreisen sogar verpönt. Das lag neben der niedrigen Alphabetisierungsrate und Bildung sicherlich auch daran, das es in epistemischer Hinsicht eine Hierarchie des Wissens gab. In appelativer Absicht stand an oberster Stelle stand immer der Koran und die Sunna, aber in der Praxis die großen Imame, die erst durch ihren Einsatz das notwendige islamische Wissen relevant machten, sozusagen vorkauten. Also das Wissen erst aus dem “Rohmaterial” destilieren. Es kam keiner darauf hier zu widersprechen. Sowohl die Quellen als auch die Erschließung spielen eine Rolle, ob Wissen notwendig und relevant für die persönliche islamische Lebensführung ist. Klassische Bereiche sind die Speisegebote, das Beten, Fasten und Belange die das Geschlechterverhältnis betreffen. Das ist alles nicht verschwunden. Für viele Muslime ist es immer noch sehr wichtig auch weiterhin darauf zu achten, was ihnen islamische Autoritäten sagen. Mittlerweile gibt es auch bessere Kommunikationsmöglichkeiten. Für viele Fragen des alltäglichen Lebens gibt es Fatwa-Hotlines. So ist es möglich im Fernsehen religiöse Sendungen anzuschauen, auch aktiv daran teilzunehmen in dem man Telefonate zulässt. In gewisserweiße wird die von mir als “traditionelle” islamische Wahrnehmung und Lebensführung auch durch Technologie revolutioniert.

Aber all das meine ich nicht (nicht nur), wenn ich ob geschrieben haben, das heutige junge Muslime ein Selbstbewußtsein dafür entwickelt haben, was für ihre persönliche Lebensführung relevant ist und nicht. Diese Entwicklung weißt Schnittmengen mit den oben gezeigten Veränderungen im “traditionellen” Milieu auf, aber hat auch eine neue Qualität bekommen. Durch die Entwicklung des WWW und Rezeption von “außerislamischen” Quellen gibt es die Fähigkeit des Vergleiches und der Selektion der Mittel und Meinungen. Wenn ich von neuem islamischen Selbstbewußtsein spreche, dann meine ich eben den unmittelbaren Bezug auf islamische Quellen und Diskurse und den souveränen Umgang mit ihnen. Traditionelle Lehrmeinungen und Autoritäten haben sogesehen nur noch einen relativen Platz und sind auch nicht epistemisch höherwertiger als das was der eigene Verstand sagt. Ich würde es als Pragmatismus nennen und sofort auch hinzufügen, das der negative Beiklang dieses Begriffes meiner Meinung nach völlig unberechtigt ist. Es ist eine Strategie sowohl die Umwelt als auch die aus der religiösen Sozialisation kommenden Elemente in Einklang zu bringen. Es ist nicht unbedingt eine Auflehnung gegen das Alte oder Klassische.

Die Umgang dieser Art von Religion oder sagen wir Religiösität hat zahlreiche Ausprägungen unter Muslimen. Solche mit “revolutionärem” Impetus, die politische oder puritanische Perspektiven enthalten. Der politische Part ist meist strikt anti-traditionalistisch, aber nicht unbedingt “freiheitlicher” oder “liberaler” in der Konsequenz. Es kann (aber muss nicht) vorkommen, das hier eine Art von Rigorismus an den Tag gelegt wird, der deutliche autoritäre (oder sogar totalitäre) Züge aufweißt und sehr Intolerant ist. Während die 1000 Jahre alte klassische Richtung durch Vermittlungsebenen des Verstehens und Delegierens von Sanktionen an Institutionen eben “gemäßigter” ist und einen gewissen Realismus an den Tag legt, der die “Toleranz” zur befördert, ist der politische Part weniger theologisch unterfüttert und unbeholfen. Letzeres wird dann durch starke Agitation und radikale Rhetorik übertüncht. Wo lässt sich das sehen? Besonders im politischen Salafismus, der weniger theologisch denn politisch orientiert ist und einen unverholenen Vitalismus an den Tag legt. Der besagte puritanische Part dürfte dem wahhabitischen Salafismus zuzuordnen sein, der seinen Ursprung in Saudi-Arabien hat aber durch erfolgreiche Werbung in der islamischen Welt überall seine Anhänger und Träger hat.

Ich möchte keine Ideengeschichte des Islam nachzeichnen, aber mit diesen Ausführungen möchte ich zeigen, das dank WWW und moderner Kommunkationstechnologie, solche Entwicklungen in der islamischen Welt auch Einfluß auf die Wahrnehmung von Jugendlichen nimmt und ihre Religiösität prägt. Und weiter möchte ich auch nicht behaupten, das das ein zu eins geschiecht. Auch hier wird gerne gefiltert und das angenommen, was in der deutschen (oder europäischen) Gesellschaft möglich ist. Ich möchte das gar nicht bewerten und in Kategorien des Sicherheitspolitik ausdrücken, wie es gerne gemacht wird. Es geht mir ums Verstehen.

Einen gemäßigten Salafismus kann man heute aber in der breiten Masse finden. Was meine ich damit, hat das was mit Wahhabismus und Salafismus zu tun, wie wir ihn in Saudi Arabien kennen? Während man früher noch auf die Altvorderen und Gelehrten verwiesen hat, wenn es um islamrechtliche Belange ging, ist der direkte Bezug zu den Quellen doch eher etwas modernes. Noch heute kann man auf türkischen oder arabischen Webseiten die Klagen traditionell-islamischer Gelehrten lesen, die sich empören, das Muslime heute selbst die Quellen (Koran und Sunna) heranziehen und daraus irgendwelche Urteile für sich ableiten ohne die Autoritäten zu fragen.

Und bevor jetzt sunnitische Muslime (egal ob liberal oder konservativ) aufschreien und sagen, das sie mit Salafismus nichts zu tun haben, erläutere ich was mit (gemäßigtem) Salafismus meine: Denn ich meine genau diese Tendenz, der direkte Bezug auf Koran und Sunna. Und nicht das ideologische oder Dogmatische des Salafismus, wie man es aus Saudi-Arabien kennt. Und überhaupt auch sunnitisch-orthodoxe Muslime können mit so einem ideologischen Salafismus nichts anfangen. Es ist also kein inhaltliches Merkmal sondern ein prozeduales, was ich meine! Ich möchte nochmal darauf hinweisen, dass das keine Kritik ist oder ich das eine als schlecht und das andere als gut beurteile. Das ist nur mein Eindruck.

Es ist natürlich richtig, das in der Erschließung islam-rechtlichen Wissens immer Koran, Sunnaiǧmāʿ (Konsens der Gelehrten) und Qiyās (Analogieschluß) immer in dieser Reihenfolge angegeben ist und der von mir so bezeichnete (gemäßigte) Salafismus genau das auch als Legitimation angibt. Aber es wird übersehen, das die Gelehrten eben in der Praxis nicht diese Reihenfolge vollzogen. Diese Idealtypische Darstellung möchte mehr die epistemische Relevanz von Wissen in einer Hierarchie darstellen als den praktischen Umgang mit ihnen. In diesem Feld nimmt der Koran sogar eher einen sekundären Platz ein, was nicht heißt das er unwichtiger ist, sondern das der Koran durch und in Vermittlung der sogenannten Sunna (und den Hadithen) gedeutet wird.

Erst in der Neuzeit wird diese idealtypische Darstellung als praktische Anleitung benutzt für den Vollzug wie man interpretiert und urteilt. Aber auch hier ist man natürlich nicht konsequent, denn der Verstand gilt als epistemisch relevant. “Unsinnige” Fatwas können noch so durch Gelehrten vertreten und in Quellen abgesichert sein, wenn die Umwelt in der man lebt, schlichtweg im Wege steht, kann es schon sein, das hier dann gesagt wird: “Das hat mit den heutigen Umständen nichts mehr zu tun” . Also kommt hier auch der Faktor Zeitgeist und Umwelt rein.

Eigentlich Faktoren, die immer schon Bestandteil der islamischen Jurisprudenz wahren. Ohne Bezug auf die Praxis kommt man auch dort nicht aus. Schließlich wird im Koran nur sehr wenig von praktischen Belangen geklärt. Aber dieser Umstand wird gerne verpackt und nicht als solcher ausgewiesen. Der Bezug auf die Gesellschaft (Kultur und Naturwissenschaft)  nimmt daher in dieser Hierarchie einen sehr niedrigen Platz ein.

Viele selbstbewußte Muslime gehen damit anders um. Für sie nimmt die “normative Kraft des Faktischen” einen hohen Rang ein. Und das nicht mal sehr bewußt.

Die heutige muslimische Szenen weißt verschiedene Milieus aus. Viele tragen Debatten aus den islamischen Herkunftsländern nach Deutschland und verändern sie um sie gewinnbringend hier zu integrieren. Es wäre sehr naiv von den Muslimen zu fordern gänzlich etwas neues zu entwickeln. Das Wissen und die Information macht vor Landesgrenzen nicht halt. Diskurse und Debatten fließen im WWW über den ganzen Globus und werden dann vor Ort verwertet. Es gibt immer einen Anknüpfungspunkt von dem man ausgeht. Es gibt viele Muslime, die ihr Leben nach Fatwas und Gelehrtenmeinungen von sehr traditionellen Autoritäten ausrichten in dem sie ein paar mal in der Woche im Internet nach ihren Stellungnahmen ausschau halten. Andere wiederrum sind da viel eklektischer und picken sich das aus, was ihrer Meinung nach angemessen ist. Wenige sind theologisch so versiert, das sie direkt an die Quellen herangehen. Hier gibt es dann nochmal den Unterschied, ob man die jeweilige Sprache der Texte kann. Es gibt eine große Bewegung, die sich nur Übersetzungen bedient.

Was sehr interessant ist, das fast alle Bestrebungen Bezug auf islamische Denker nehmen in der Gegenwart. Es ist oft anzutreffen, das Muslime verschiedenster Richtungen Bezug nehmen auf Nasr Hamid Abu Zaid ohne mit ihm komplet einverstanden zu sein. Weiterhin Fazlur Rahman, Muhammad Arkoun, Muhammad Abid Al-Jabiri, Said Nursi, Fethullah Gülen usw. Auch hier gibt es “neues”. Früher hätte man bei Gelehrten bezüglich ihrer Kompetenz nicht differenziert. Ein solcher war entweder völlig fähig oder gar nicht. Zu sagen, das einer im Bereich des Hadith stark ist aber dafür im islamischen Recht eher schwach, dürfte als Anmaßung wahrgenommen worden sein. Es gab hier als gar nichts zu kritisieren. Heute ist das anders. Die hermeneutischen Zugänge von Abu Zaid und Rahmen (die beiden unterscheiden sich durchaus) sind attraktiv für viele Theologen und Muslime. Aber auch nur gewisse Meinungen sind interessant ohne gleich das ganze Konzept zu übernehmen. Viele “rivalisierende” Gruppen können (wenn auch oft ungewollt) einen gemeinsammen Nenner aufweisen. Muslime mit politischer Religiösität schätzen durchaus den großen Reformer Muhammad Abduh, aber das tun auch “liberale” Muslime, ohne zu übersehen, das vieles was Er damals vertreten hat heute vielleicht schon überholt ist.

Und hier wäre vielleicht meiner Meinung nach ein Anknüpfungspunkt sich bewußt zu werden, das man unter Muslimen ist. Es gibt leider die Tendenz dem anderen Unglauben und Verrat an den Kopf zu werfen. Man ist durch den Bezug auf islamische Quelle und promienten Persönlichkeiten (sei es nun traditionelle oder moderen) geeint, egal wie man sich auf sie bezieht und in welchem Maße. Das wäre ein Verständis von Umma, die nicht eine anonyme Manövriermasse darstellt  auf die man sich nur bezieht; es wäre ein demokratisches Verständnis von Interaktion. Das auch eine gewisse Toleranz und Relativismus mit sich bringt, wo man zugesetehen kann, das man die Meinung des anderen so gar nicht akzeptiert ihn aber nicht gleich mit Kufr bezichtigt oder einer falschen Akida (mal abgesehen von der Unmöglichkeit das hier jemand das Definitionsrecht hat).

Es wäre wert darüber nachzudenken.


Aus aktuellem Anlaß mein Beitrag der im DeutschlandRadio Kultur (Politisches Feuilleton) am 18. Mai zu hören (mp3) war:

Sind die Aufstände in der arabischen Welt ein Signal, dass jetzt alles besser wird? Ganz ungläubig verfolge ich die Revolution in der arabischen Welt. Noch vor einiger Zeit wurde uns eingebläut, dass die Araber nicht fähig sind, Demokratie und Freiheit zu leben.

Oppositionelle, religiöse Minderheiten, Homosexuelle wurden verfolgt, unterdrückt und sogar ermordet. Der Westen aber schaute zu, nahm die Diktaturen hin.

Plötzlich aber erheben sich die Massen, stürzen die Tyrannen – und nichts wird mehr so sein, wie es vorher war. Nun stellt sich mir die Frage, auf deren Antwort wohl viele Menschen gespannt warten. Müssen wir Angst haben, das fundamentalistische Gruppen an die Macht kommen? Werden sie demokratische Spielregelen akzeptieren? Die Despoten waren sehr pragmatisch, wenn es darum ging die Macht zu erhalten. Oppositionelle religiöse Kräfte wurden mal in Kerkern gefangen und gefoltert, mal domestiziert und instrumentalisiert. Siehe die Al-Azhar Universität in Ägypten.

Selbst renommierte Islamgelehrte, egal ob man sie als orthodox oder reformerisch ansah, wurden unterdrückt. Wenn sie konnten, verließen sie die Heimat. Erst das demokratische Exil bot ihnen wieder die nötige Freiheit, ihre islamischen Meinungen zu entfalten.

Ehrlicherweise muss man sagen, dass es nicht überall in der islamischen Welt so ist. In der Türkei zum Beispiel gibt es zwar eine Religionsbehörde, die auch vom Staat kontrolliert wird, aber konservativ moderate Ansichten hat. Und trotzdem fragt man sich, ob nicht auch sie von Gunst und gutem Willen der Politik in Ankara abhängig sei? Es wäre allemal besser, wenn in der Türkei Staat und Religion ein anderes, faires Verhältnis entwickeln und darauf verzichten würden, einander dominieren zu wollen. Denn die Religionsbehörde vertritt nur eine bestimmte islamische Sicht. Religiöse Minderheiten werden eher klein gehalten.

Ebenso muss sich die arabische Welt diesem Problem stellen. Das werden all jene religiösen Menschen, die sich an Revolution und gesellschaftlichem Aufbruch beteiligen, früher oder später einfordern. Denn wie hat sich die Diktatur, die kritisches Denken verfolgte, ausgewirkt? Die einstige geistige und spirituelle Freiheit und Dynamik kam zum Erliegen. Die heutige islamische Theologie ist gekennzeichnet durch Irrelevanz und Stagnation.

Es ist schon bezeichnend, dass sich in demokratischen Ländern der Islam voll entfalten, frei forschen darf, ohne in der Angst zu leben, bestraft zu werden. Schauen wir auf unser eigenes Land. In Deutschland wird gemeinsam mit muslimischen Gemeinden seit einiger Zeit das Fach “Islamische Theologie” an deutschen Universitäten etabliert – etwas, das es in der islamischen Geschichte noch gar nicht gegeben hat.

Inhalte werden von Muslimen an der Basis ausgewählt und gelehrt, nicht aber vom Staat oder einigen wenigen Gelehrten vorgegeben – wie früher und heute noch in vielen islamischen Ländern. Mit Problemen hat man auch hier zu kämpfen. Doch wenn wir ganz ehrlich sind, hätten die meisten islamischen Länder gerne unsere Probleme.

Was ziehe ich als Muslim jetzt vor? Doch nicht ein islamisches Land, wenn es nur zensiert und eingeschränkt, staatlich kontrolliert erlaubt, das islamische Erbe zu leben. Da ziehe ich die vermeintlich “unislamische” Demokratie vor, die mir Religions- und Forschungsfreiheit bietet. Gewiss, hierzulande gehöre ich zu einer gläubigen Minderheit, lebe also in religiöser Diaspora. Doch andererseits arbeite ich an der Universität im selben Fachbereich wie christliche und jüdische Theologen, teile ihren wissenschaftlichen Alltag.

Die Erfahrung zeigt, Staat und religiöse Institutionen gehören getrennt und beide haben die Freiheit der Wissenschaft zu respektieren. Das ist im Interesse aller. Wie sich das im Einzelnen in der arabischen Welt abspielen wird, das sollen die Menschen selbst entscheiden. Es gibt – wie im Westen – zahlreiche Modelle dafür.


Auch dieses Semester SoSe 2011 gibt es eine Ringvorlesung an der Goethe Universität Frankfurt mit dem Titel:

Ringvorlesungen zur Islamforschung im europäischen Kontext VIII: Theologie als Wissenschaft: Interdisziplinarität und Verhältnisbestimmung der Islamischen Theologie zu anderen Disziplinen. Dogmatik, Theorie, Methode, Erkenntnis

Organisiert vom Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam (hauptsächlich von meinem Freund und Kollegen Ertugrul Sahin).

Der nächste Vortrag ist am 10.Mai. Prof. Tilman Allert: Der Islam in der monotheistischen Trias – Zum explanativen Potential der Religionssoziologie Max Webers

Wo und Wann (und weitere Termine) findet man hier. 


An Oster gibt es nicht nur Eier! Sondern den ein oder anderen orginellen Blogbeitrag. Hakan hat ein Osterbeitrag geschrieben mit dem Titel Projekt: Eine koranische Kosmologie

Das dürfte in etwa die gleiche Laufzeit haben wie das CERN Projekt und genauso wichtig. Während ich aufmerksam die Zeilen seines Beitrag gelesen haben, ist mir natürlich sofort ein Fragezeichen aufgegangen. Schön und gut, wer soll das machen? Wer hat soviel Horizont und Wissen? Und was viel wichtiger ist, wer würde mit viel Ausdauer, Weitsicht und wissenschaftlicher Vernunft so ein Projekt leiten? Und das müssen auch mehrere Leute sein. Ich würde es mir so sehr wünschen, ein Jahrhunderprojekt wäre das. Jenseits von naturalistischen Scheuklappen und bwl-Denken müsste dieses Projekt gefördert werden. Egal wie lange es dauert. Hakan hat einen kleinen Stein ins Wasser geworfen, ich hoffe die Wellen kommen weit genug.

In Nachbardisziplinen wurde schon viel Arbeit geleistet. Ein immenser Fundus an Wissen schwirrt um diesen Planet, ohne zu wissen, was wir damit anfangen sollen. Unsere Weltbilder hinken diesen Informationen längst nach, es muss soviel integriert werden, soviele Quellen gesichtet werden, soviele Urteile und Meinungen überarbeitet oder sogar als überholt bewertet werden. Wird das mit dem üblichen Kosten-Nutzen Kalkül überhaupt gehen?

Ich wünschte mir, das Muslime (und nicht nur die), es schaffen solche Fragen langfristig anzugehen. Der organisierte Islam ist leider auch nicht fähig, die kleinsten Projekt zu finanzieren. Von der Fachwelt will ich gar nicht reden, die ersaufen im Stress der Anträge und haben sich wohl von der Forschung verabschiedet. Es bleibt wohl an interessierten und idealistischen Einzelpersonen hängen, die es schaffen könnten ein Netzwert aufzubauen, in dem dezentral Diskussionen einfließen und ein “herrschaftsfreier” Diskurs auflebt.

Den Anfang hat Hakan schon mal gemacht.


Hakan schreibt in seinem Kommentar zu einem meiner Artikel folgendes:

Hayrettin Karaman ist für z. B. ein reformorientierter orthodoxer Moslem, aber kein Reformer, oder gar Modernist. Er steht auf dem Boden des klassischen fiqh, aber lehnt zahlreiche Todesstrafen, über die im klassischen fiqh Konsens herrscht, wiederum mit Argumenten im Rahmen des klassischen fiqh ab (Steinigung, Todesstrafe für Apostaten). Während er für die einen nach wie vor ein Gelehrter des klassischen sunnitischen Islams ist, wird er von anderen geradezu des Modernismus bezichtigt.

Es gibt eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den Begriffen “Reform”, “Reformislam”, “Reformorientiert”, “Reformer”.  Der jeweilige Sprechort und Intention spielt eine große Rolle. Sie werden häufig affirmativ benutzt oder auch im pejorativen Sinn. Es kommt natürlich vor, das diese Labels auch als Selbstbezeichnung dienen. Eine gewisse Beliebigkeit ist nicht zu übersehen in der Verwendung. Besagter Gelehrte in dem Kommentar hat nun wirklich keinen leichten Stand im Angesicht zahlreicher Erwartungen. Wie Hakan schreibt, ist er für einige ein Modernist (was gerne als Schimpfwort benutzt wird) für andere ein orthodoxer engstirniger Gelehrter. Wie und warum interessiert mich in diesem Kontext auch nicht, weil es nicht darum geht. Es geht darum, das jemand stigmatisiert wird. Dabei spielt die “eigentliche” Bedeutung keine Rolle. Ein weiteres Manko dabei ist das Theologisieren gewisser Sachverhalte im inner-islamischen Diskurs, der eine Immunisierung bezweckt in dem Meinungen und Tendenzen in die Aura unhinterfragbarer Quellen wie dem Koran oder der Autorität des Propheten bringt. Ihnen werden höhere Weihen verliehen.

Es kommt sehr oft darauf an, wie jemand “Islam” versteht. Ob normativ oder analystisch-phänomenologisch entscheidet über die Reaktion darauf, wenn Eigenschaften dem Wort “Islam” angehängt werden. Der epistemische Wert solcher Begriffe (und Aussagen) gilt als selbstevident und jegliche Hinterfragung wird im Diskurs nicht als ein weiterer legitimer zu diskutierender Standpunkt sondern als Infragestellen der “Wahrheit” verstanden. Ja ein Skandal, das sowas überhaupt artikuliert wird.

Wie können wir analytische Schärfe in die Betrachtungen reinbringen ohne das emotionalisierter Gemüter über die Vernunft triumphieren? Ohne das wir unsere Meinungen oder der Altforderen hypostasieren? Das alles hinterfragbar ist? Wie können wir Genese und Geltung wieder in Erinnerung rufen? Wir Muslime sind leider Opfer einer Sprachmagie geworden, deren vordergründige Gewissheit in der Regel vorgetäuscht wird aber doch nur unsere Unsicherheit verschleiert und einen sehr tief sitzenden Minderwertigkeitskomplex mit sich führt.

Die Vorwurf der Häresie, des Abfalls und der Provokation sollten eigentlich als Kompliment verstanden werden, als Reinigungsprozess, der den Balast beseitigt. Nur der Schmerz am Anfang und die Krise der angeblichen Sicherheit öffnen uns den Blick in die manchmal auch ernüchternde Welt. Nur wenn wir vom versklavenden Glauben der Unfreiheit und Ignoranz “abfallen” werden wir auf dem Weg zur Wahrheit sein:

“Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.”


In möchte in diesem Beitrag auf einen Kommentar von Resul eingehen, den er für meinen Blogbeitrag Dialog bla bla gemacht hat. Danke für deinen Input Resul. Nun ging es in diesem Beitrag nicht um das was Du in Deinem Kommentar erwähnst. Nicht das es unwichtig ist was Du schreibst. Aber ich kann ja trotzdem darauf eingehen (Hakan deine Meinung würde ich auch gerne hören). Lass uns mal ehrlich sein. Ohne Schubladen und Kategorien kommen wir nicht aus. Und ich hab sie auch nicht erfunden, wenn wir jetzt über den Islam reden. Sunniten, Schiiten, Zahiriten und und und. Das Geschäft hat man schon früh damit gemacht und wurde sogar von vielen Muslimen mit dem Leben bezahlt (das ist übrigens heute nicht anders). Das wir uns über sowas nicht mehr thematisieren, zeigt nur das wir es schon verinnerlicht haben. Kein Schiit wirft mir vor, ich würde ihn ausgrenzen, wenn ich mich als Sunnit bezeichne oder andersrum. Sofern diese Kategorien den Anderen nicht herabwürdigen, ist es ein Bedürfnis nach Klarheit Kategorien und Schubladen zu benutzen. So sind wir kognitiv gestrickt. Daran kommen wir nicht vorbei.

Im Eifer des Gefecht kann auch ich Fehler machen und Ungerecht sein. Das bitte ich zu entschuldigen, falls es mal dazu gekommen ist. Du sprichst es an. Ich kenne viele “liberale” Muslime, die einen geringeren Horizont haben als  so called “traditionelle”. Die Kategorien an sich sagen da noch nichts aus. Das du für dich eine Entscheidung triffst, kann ich hinnehmen und respektieren und durchaus auch kritisieren. Aber ich würde es respektieren. Der Umgang mit dem Koran ist dabei nicht mal das Entscheidende. Ich würde mir wünschen, dass Muslime (und nicht nur sie) sich direkt mit diesem Buch auseinandersetzen. Aber ich weiß auch, das es mehr Mut erfordert das anderen zu überlassen oder zu sagen, das was Gelehrete sagen ist das letzte gesprochene Wort. Das kann sogar von einem sehr weiten Horizont zeugen. Aber es ist doch bis jetzt eher so, dass das Hinterfragen oder Infragestellen von Entscheidungen und Meinungen bei vielen Muslimen zu hohem Blutdruck führt. Sei es in der Türkei oder in anderen islamischen Ländern, solche Menschen haben einen viel schwierigeren Stand und müssen das unter Umständen mit ihrer Karriere oder sogar mit ihrem Leben bezahlen. Und dabei geht es nicht darum, das diese Menschen Recht und die “Traditionellen” Unrecht haben. Es geht darum, einen Muslim nicht sozial und politisch zu ächten! Sehr oft ist es so, dass man sich erst gar nicht inhaltlich damit auseinandersetzt. Im Fall von Nasr Hamid Abu Zaid war das so. Dabei kann man inhaltich durchaus viel kritisiern. Aber zu einer inhaltlich- wissenschaftlichen Auseinandersetzung ist es nie gekommen. Man hat ihn verjagt und ihn als Apostaten tituliert (sogar gerichtlich durchgesetzt). In der Türkei geht es schon viel gesitteter zu. Aber ich schweife ab.

Es gibt viele Menschen, die sich den Koran wie einen Steinbruch bedienen und zu ganz fatalen Schlußfolgerungen kommen. Das sie so ganz ohne Kenntnisse der Tradition das machen, kann auch ein Indiz sein, das sie keinen Horizont haben.
Ich hatte das schon mal kurz in einem gesonderten Beitrag thematisiert. Kann es hier aber noch mal tun. Kategorien wie “traditionell” oder “konservativ” sind für mich persönlich keine negativen Begriffe! Denn es gibt viele Menschen, die sich bewußt so definieren. Das jemand konservativ oder traditionell ist, ist perse nichts schlechtes, genauso wie es nicht perse etwas gutes ist ein liberaler zu sein. Das bedeutet noch gar nichts. Und was es unter Umständen bedeutet “liberal” zu sein, muss man dann im Einzelfall sehen. Viele meinen damit einfach einen Zustand, bei dem der Islam im Leben nur noch reine Folklore ist. Es gibt auch welche, die damit bestimmt theologische Positionen meinen. Z.b reformorientierte Positionen (wobei es da auch sehr große Unterschiede gibt und nicht jeder reformorientierte Mensch per se liberal ist).
Ich kann durchaus inhaltlich “traditionelle” und “konservative” Positionen kritisieren und das mache ich auch. Aber es ist ein Standpunt, dem ich nicht die Existenz abspreche und sogar selbst davon sehr profitiere. Das ist ein Standpunkt und sagt noch nichts über die Qualität aus. Es gibt durchaus sehr unwissende traditionelle und konservative Menschen (dazu gehören auch Gelehrte und Theologen) und es gibt welche, die sehr intelligent sind. Das hindert mich nicht, von ihnen zu lernen.
Dass diese Begriffe von außen gerne als Kampfbegriffe gegen Muslime benutzt werden, ist mir bewußt. Nur ist es, das wir dann umso mehr uns darum bemühen sollten, diese Begriffe SELBST zu definieren, es nicht anderen überlassen. Wenn ich mich als “liberaler” Muslim bezeichnen würde, dann ist das positiv besetzt. Das heißt, das es für etwas steht und nicht gegen etwas! Es ist kein Auschluß. Es heißt nicht, das Muslime, die nicht liberal sind per se falsche Ansichten haben. Auch Lamya Kaddor, die sich weitaus mehr damit beschäftigt, dürfte das so ähnlich sehen. Natürlich gibt es Muslime, die das machen und den Anderen diffamieren. Und auch da sollte man hinsehen, wie jemand das einsetzt oder sich definiert. Ich finde Leute wie Necla Kelek missbrauchen diesen Begriff. Denn sie sind weder politisch Liberal (weil sie gerne den Staat herbeiruft damit dieser ihre Ansicht durchsetzt, z.b Verbote von Kopftüchern usw.) und auch nicht theologisch. Sie demonstriert ständig ihre Unwissenheit in islamischen Belangen und kommt über Allgemeinsätze nicht hinaus. Bei der ganzen Kritik frag ich mich schon, warum sie dann nicht schon längst aus dieser Religion ausgetreten ist, wenn diese Religion so schlimm ist. Aber ich habe das nicht zu entscheiden, es ist mir dann auch egal. Und bei solchen Menschen werden die Kategorien verhunzt und wir sollten uns hüten die Begriffe so zu verstehen wie sie es tun.

Ganz ehrlich, ich kann manchmal den Vorwurf nicht verstehen, die Bezeichnung “liberal” würde andere Muslime ausgrenzen. Besonders, wenn es von Muslimen kommt, die sich selbst nie als “liberal” bezeichnen würden. Warum sollte es das tun? Denn Muslime, die dem klassischen Islam anhängen (mit all seinen Schattierungen), würden sich doch selbst nie als Liberal bezeichnen. Daher müssten die doch froh sein, das sie erst gar nicht ins “liberale” eingemeindet werden. Sie würden sich in Abgrenzung zu “Liberal” als “traditionell”, “klassisch”, “konservativ” oder als “orthodox” bezeichnen. Man kann sie doch nicht aus etwas ausschließen, in das sie sowieso nicht wollen.

Du möchtest doch nicht liberal sein, du kannst damit nichts anfangen. Also braucht es doch einen nicht stören, wenn man das nochmal bestätigt. Ob diese Begriffe inhaltlich Sinn machen, ist eine andere Diskussion. Darüber kann und sollte man sich streiten. Aber bitte nicht dem Anderen die Existenz absprechen, sondern ihn so akzeptieren wie er ist. Das fordere ich ganz allgemeinen Grundsatz.

Das mich andere wohl als “orientalistisch” bezeichnen, kommt oft vor und meint eher etwas Negatives. Das war in der Türkei so und ist hier nicht anders. Das liegt vielleicht daran, das Menschen wie ich nicht glauben, dass Rechtsschulen oder Gelehrte immer das letzte Wort haben müssen. Oder glauben, das der Koran nicht “über-historisch” ist aber durchaus einen universellen Geltungsanspruch hat. Und das nicht alles aus dem Koran deduziert werden muss! Das ist ein Standpunkt der mir selbst oft den Vorwurf des Apostaten oder des Ungläubigen eingebracht hat. So gesehen ist dann “orientalistisch” harmlos und bin dafür dankbar. Aber ich würde nie jemanden verachten, weil er meine Meinungen nicht teil. Ich würde ihm niemals seinen Glauben absprechen oder ihm einen beschränkten Horizont bescheinigen. Das ist der Unterschied!


Ein Problem, welches ich sowohl aus meinem Studium als auch in meinen Seminaren in Frankfurt kenne: Die Islamwissenschaftliche Herangehensweisen an den Koran und generell an Glaubensdinge. Dazu ein Artikel aus der Zeit, dem christlichen Medienmagazin PRO und Lynxx-Blog:

Islamwissenschaften: Glaube gegen Wissenschaft

Islamwissenschaft: Den Koran hinterfragen. Warum einige Muslime anfangs einen Kulturschock erleben, wenn sie Islamwissenschaft studieren.

Update (02.08.2011):

Unterschied von Islamwissenschaft und islamischer Theologie – was ist Kultur?

Außerdem möchte ich auch auf einen Blogeintrag von Prof. Marco Schöller hinweisen, der darin auf die Thematik Koran und Interpretation eingeht, was auch eine Problematik im oben genannten Kontext darstellt:

Gegen Auslegungswillkür imprägniert?


Islamische Theologie sollte sich nicht nur mit der Ableitung und Kritik von Glaubensinhalten aus den Quellen befassen sondern auch forschen und kritisieren. Michael Kreuz verweist im Transatlantic-forum.org auf eine Leseprobe (aus der Feder von Claude Gilliot) aus einem neuen Band über die islamische Frühgeschichte:

Schon mit dem „Namen“ des Propheten des Islam befinden wir uns in einem synkretistischen Kontext. Es ist fast sicher, dass Muḥammad nicht sein ursprünglicher Name war, sondern nur ein Epithet. Auch der „Name“ Aḥmad (Koran 61,6) ist ein Komparativ/Elativ, den die islamische Tradition für eine Variante von Muḥammad hält; es ist wahrscheinlich eine Formveränderung des persischen Namens Manūḥmēd oder Manvahmēd, einer manichäistischen Form des Vahman der alten iranischen Religion. Diese bezeichnet damit den Intellekt, den Heiligen Geist und den „Lebenden“, der immer wieder in der Reihenfolge der Propheten Mensch wird. Vahman ist nichts anderes als die Seele des Parakleten oder des Propheten. Diese Lehre fußt auf einer judenchristlichen Tradition der alten syrischen Engelchristologie, mit einer „heterodoxen“ Dreiheit (triade), die aus drei Erzengeln besteht, wobei der Paraklet die Reihenfolge oder die Liste der Propheten abschließt. Er ist der Logos Gottes (vgl. das koranische kalimat Allāh), der in der Erscheinung oder in der Gestalt Gabriels durch die Propheten spricht. Er sendet letzten Endes seine Offenbarung durch Manes (Latein; Griechisch: Manes oder Manichaios; Aramäisch: Mānē; Arabisch: Mānī) oder Muḥammad.

Eine mögliche, interessante und doch spekulative Erklärung (meiner Meinung nach auch sehr tendenziös). Wahr ist, dass die Geschichte in der Spätantike aus rein islamischen Quellen nicht zu betrachten ist. Und im Kontext von Etablierung von islamischer Theologie darf die Forschung in diesem neuen Fach nicht zu kurz kommen. Will sie im universitären Kontext standhalten muss sie sich wissenschaftstheoretisch mit anderen Disziplinen messen und dabei wohl so manch heilige Kuh schlachten. Aber möchte sie einen Exklusivstatus, in der sie selektiv darüber entscheidet welche Ergebnisse der Wissenschaft für sie in Frage kommen oder nicht, dann ist die Universität der falsche Ort. Sehr wohl muss sie sich mit den Ergebnissen der Forschung auseinandersetzen und sie hat natürlich das Recht zu kritisieren. Ansonsten kommt die Diskussion um die Wissenschaftlichkeit der “Theologie” wieder auf und zu recht wird man ihr diesen Status absprechen.

Man könnte ja schon mal anfangen, aktuelle Erzeugnisse der Forschung zur Kenntnis zu nehmen, hier mal eine kleine Auswahl:

Linksammlung zu Kontroversen über den Koran

Angelika Neuwirth über das Corpus Coranicum (16.01.2012)

Eine ungewöhnliche Perspektive des Korans (06.01.2011)

Nicht immer nur das Fremde am Koran sehen. Die Arabistin Angelika Neuwirth über das heilige Buch der Muslime (04.12.2010)

“Mose wird das große Vorbild für Mohammed” (17.11.2010)

“Der Koran ist auch ein europäischer Text” (23.10.2010)

Wie viel Wahrheit steckt im geheimnisvollen Koran? (10.03.2010)

Wie ein Glaube entsteht – Angelika Neuwirth (21.10.2008)

Hat Mohammed wirklich gelebt? (17.09.2008)

Der Koran – europäisch gelesen (29.03.2008)

Corpus Coranicum (17.01.2008)

Koran, aber im Kontext – Eine Replik (06.11.2007)

Die Klimaforscher des Korans (01.11.2007)

Dimensionen des Koran (21.09.2007)

Interview Angelika Neuwirth: “Der Koran – ein Buch in vielen Sprachen” (2007)

Interview mit Michael Marx

“Corpus Coranicum” Projesi ve Biz?

Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang – Angelika Neuwirth


Das religiöse Diskurse und Debatten zu islamischen Glaubensaspekten nicht reines und zwingendes Ergebniss religiösen Quellen sind, ist sehr gut am Beitrag von Akif sehen. Ein klassisches Thema: Werden auch Nicht-Muslime ins Paradies gehen? Das ist übrigens kein islamspezifisches Thema. In anderen Religionen dürfte es ähnliche Diskussionen geben.

Diese Frage lässt sich wohl in einer weitergehend homogenen Gesellschaft, sei es nun islamisch oder christlich, wohl anders beantworten als z. B in Deutschland. Das Glaubensgrundsätze und Inhalte reine Ableitungen aus islamischen Quellen sind, dürfte wohl keiner mehr so recht glauben. Die Kontextgebundenheit durch Raum und Zeit spielt hier eine größere Rolle als man denkt. Hinter ihnen verstecken sich neben Ableitungen aus Koran und Sunna auch eine große Portion  Legitimation von Herrschaftsansprüchen und Entscheidungen. Wir haben heute das islamische Erbe in fertiger (!) Form vor uns. Wie es dazu gekommen ist blenden wir gerne aus. Was auch verständlich ist. Ob Nicht-muslime ins Paradies kommen ist so ein Beispiel. Scheinbar eine reine Sache von Aussagen des Korans und der Sunna. Scheinbar.

Kommen Nicht-Muslime ins Paradies? Akif beantwortet für sich die Frage aufgrund des Korans und kommt zu einer Feststellung, die wohl viele Muslime teilen. Es ist nicht falsch zu sagen, es dürfte wohl eine Mehrheitsmeinung sein, auch unter Gelehrten. Im Kommentarbereich antwortet Hakan auf diese Perspektive mit einer eigenen Einschätzung, die die vorhandenen Koranverse reflektiert und Schlußfolgernen ableitet, die sich von besagter Mehrheitsmeinung unterscheidet. Sein Kommentar ist nochmals als eigener Beitrag auf seinem Blog verlinkt.

Es ist der erste Teil einer Serie von Beiträgen zu diesem Thema und ist sehr lesenswert. Würde man sich diesem Thema stellen, wenn wir nicht in einer pluralen Gesellschaft leben würden? Die Formulation von Grundsätzen und die Auseinandersetzung mit klassischen Themen sagt doch mehr über uns aus als über die besagten Inhalte. Es steckt mehr von uns drin, als wir wahrhaben wollen. Schriften lassen sich so oder so auslegen. Womit ich hier keine Willkürlichkeit meine, sondern das Bedürfnis nach Klärung unter dem Eindruck des Zeitgeistes und des Kontextes. Ausnahmslos alles ist diesen Faktoren unterworfen, auch die Gelehrtenmeinungen, denen gerne mal ein göttlicher Stempel aufgedrückt wird. Leider gibt es immer noch das Makel, zwischen Geltung und Genese nicht zu unterscheide, es zu verwechseln und somit Missverständnissen das Wort zu reden. Auf allenen Ebenen des Gesprächs zwischen Muslimen, zwischen Muslimen und Nicht-muslimen begegnet man diesem Makel. Übrigens auch im wissenschaftlichen Diskurs.

Im Grunde sind die meisten hoch theologischen Themen, die sehr abstrakt erscheinen oft auch nur Antworten und Legitimationen einer gesellschaftlichen und politischen Situation. Ob es nun um das Gottesbild, Vorherbestimmung, Willensfreiheit oder den sechs elementaren Glaubensgrundsätzen geht, all diese Formulierungen verstecken in sich das Verhältnis von Gläubiger und Herrscher in der islamischen Frühzeit und formulieren es als zeitloses Gefüge eines Glaubenssystems. Die Zeiten ändern sich, aber die Lehrsätze bleiben und daher erscheinen sie uns unhinterfragbar und zwingend. Das das nicht so ist zeigt uns die Debatte in Akifs Blog. Mehr davon :-)

Islam-Blogger: Werden Nicht-Muslime ins Paradies eingehen?

Hakan Turan: Kommen Nichtmuslime in die Hölle. Religionskriterium als Heilskriterium (1)


Der Senat der Goethe-Universität hat in seiner Sitzung am 14. Juli 2010 beschlossen, ab dem Wintersemester 2010/11 einen dreijährigen BA-Studiengang “Islamische Studien” einzuführen.

Goethe-Universität Frankfurt

15. Juli 2010 / 181

Neuer Studiengang Islamische Studien
Start des ersten Studienangebotes dieser Art bundesweit im Wintersemester 2010/11 an der Goethe-Universität

FRANKFURT. Der Senat der Goethe-Universität hat in seiner Sitzung am 14. Juli 2010 beschlossen, ab dem Wintersemester 2010/11 einen dreijährigen BA-Studiengang “Islamische Studien” einzuführen. Der wissenschaftliche Erfolg des neuen Studiengangs soll in drei Jahren überprüft werden. Damit setzt die Goethe-Universität als erste Universität in Deutschland die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Einführung des neuen Studienfachs “Islamische Studien” um.

Der neue Studiengang bietet die Grundlagen für eine wissenschaftliche Einführung in die Kultur, Geschichte und Religion des Islam. Kennzeichen des Studiengangs “Islamische Studien” ist die systematische Verbindung von Fragestellungen und Methoden der Theologie mit anderen Geistes- und Kulturwissenschaften. So ist im Frankfurter Modell etwa eine Einführung in die Methoden der historisch-philologischen Textkritik im Umgang mit dem Koran geplant. Der interdisziplinäre Charakter des wissenschaftlichen Studiengangs wird auch an der geplanten Kooperation mit den christlichen Theologien, der Judaistik, der Religionsphilosophie und -wissenschaft deutlich.

Wie der Vizepräsident der Goethe-Universität, Prof. Lutz-Bachmann, nach der Entscheidung des Senats ausführte, setzt die Universität mit der Einführung des neuen Studiengangs “Islamische Studien” neue Maßstäbe in Deutschland für den Umgang der Universitäten mit der Präsenz und Bedeutung von Religion in einer “postsäkularen Öffentlichkeit”. Man solle nicht länger versuchen, die Religionen aus dem Raum der Öffentlichkeit und der Wissenschaften auszugrenzen und in den Bereich des Privaten abzudrängen.

Vielmehr komme es darauf an, den Religionen in ihrer Pluralität einen angemessenen Platz im öffentlichen Diskurs zu geben. Dabei ist es für Lutz-Bachmann von entscheidender Bedeutung, dass sich die Religionen mit den Methoden der wissenschaftlichen Rationalität selbst kritisch reflektieren und so miteinander und mit einer postsäkularen Öffentlichkeit ins Gespräch kommen. „Diese Prozesse wissenschaftlich vorzubereiten und gesellschaftlich einzuüben, ist seit jeher eine vorrangige Aufgabe der Universität.“ Jetzt komme es darauf an, auch eine kritisch-wissenschaftliche Selbstreflexion des Islam an den Universitäten in Deutschland zu ermöglichen. Genau diesem Ziel dient die Einführung des Studiengangs “Islamische Studien” an der Goethe-Universität.

Informationen: Goethe-Universität Frankfurt: Dr. Olaf Kaltenborn, Abteilungsleiter Marketing und Kommunikation, Tel. 069 798 22472, Fax 069 798 28530, kaltenborn@pvw.uni-frankfurt.de


Die Sendung (u.a. mit meiner Wenigkeit) “Hintergrund” ist hier zu hören. Und hier das Manuskript.

Aufgeklärt, demokratisch, liberal
Die Islamkonferenz und die anderen Muslime in Deutschland
Von Dorothea Jung

Höchstens ein Fünftel aller Muslime in Deutschland ist in islamischen Verbänden organisiert – im Wesentlichen die Gläubigen, die in Moscheegemeinden aktiv sind. Doch das Glaubensspektrum unter den deutschen Muslimen ist sehr viel vielfältiger, als es die Gemeinden scheinen lassen.


Ein Aspekt der bei der ganzen Aufregung aus den Augen geraten ist:

“…Auch spricht vieles dafür, dass hinter dem „Ja“ für den Verbotsantrag ganz verschiedene Motive gestanden haben, also nicht nur islam- oder fremdenfeindliche, sondern auch legitim islamkritische bzw. grundsätzlich religionskritische, feministische oder sogar religiöse Motive calvinistischer Prägung: Um zu Gott zu beten, bedarf es keines besonderen Gebäudes und mithin auch keines Minarettes. Ich erwähne dieses spezifisch religiöse Motiv deswegen, weil der Calvinismus bei aller sonstigen Distanz gelegentlich durchaus auch eine gewisse Nähe zu islamischen Vorstellungen aufweist, zum Beispiel in dem geringen Stellenwert, der dem äußeren Rahmen der Religionsausübung beigemessen wird. In der vor allem unmittelbar nach dem Referendum über die Schweiz hereinbrechenden Kritik wurde oft das Minarett als essentiell islamisch angesehen, so dass ein Verbot den Islam mitten ins Herz treffen würde. Dies aber ist mindestens stark übertrieben, denn das Minarett ist ja nichts anderes als ein erhöhter Standort, damit der Ruf des Muezzins zum Gebet besser gehört werden kann – vor der Einführung des Lautsprechers, so dass eine eher pragmatische Behandlung des Problems auch möglich ist. Insofern hat auch der von mir geschätzte Mustafa Akyol unrecht, wenn er in einem Artikel in „Hürriyet Daily News“ vom 4. Dezember die religiöse Bedeutung des Minaretts mit der des christlichen Kreuzes und des jüdischen Davidsterns gleich setzt.

Was die Türkei betrifft, so scheinen maßgebliche Politiker, die sich jetzt zum Schweizer Referendum geäußert haben, die „calvinistische“ Sicht übrigens zu teilen – zumindest implizit. Denn wenn etwa der Europa-Minister Egemen Bağış zwei Tage nach dem 1. Advent davon sprach, dass – offenbar im Gegensatz zur Schweiz! – in der Türkei alle Religionen frei ausgeübt werden könnten, und zwar seit 900 Jahren, dann lässt sich mit dem bei Bağış vorauszusetzenden Wissen, dass in der Türkei christliche und andere Religionsgemeinschaften immer noch große Probleme mit der Genehmigung ihrer Sakralbauten haben, diese Behauptung eigentlich nur dann aufrecht erhalten, wenn man den Stellenwert solcher Bauten für die jeweilige Religion und überhaupt für die Religionsfreiheit als relativ gering ansieht.
Derselbe Minister hat übrigens auch von der Schweiz als einem „Freilichtmuseum der Intoleranz“ gesprochen – ein gutes Beispiel für die Maßlosigkeit der Kritik, mit der zumindest anfänglich die Schweiz überzogen wurde, und die auch vor Begriffen wie Faschismus und Rassismus nicht halt machte. Angesichts dieser Übertreibungen – bei denen man manchmal den Eindruck hatte, dass sie von eigenen Defiziten in Sachen Religionsfreiheit ablenken sollten – wirken die Feststellungen des deutschen Außenministers Westerwelle wohltuend angemessen, die er in einem Zeitungsinterview vom 5. Dezember getroffen hat: „Die Schweiz ist eine der ältesten Demokratien, ein Land, das auf Toleranz und Ausgleich aufgebaut ist. Sosehr ich – wie die Schweizer Regierung – die Entscheidung bedauere, sosehr verbietet sich eine Schlussfolgerung, die Schweiz sei ein intolerantes oder undemokratisches Land durch diese Abstimmung geworden. Ich halte das für völlig unangemessen…“


In diesem Sinne scheint mir heute der pragmatische Zugang zum Islam viel klarer den Weg zu einem humanen Islamverständnis aufzuzeigen, als die bisweilen umständlichen Formalismen der Gelehrten des klassischen oder neuzeitlichen islamischen Rechts – also jene Formalismen, auf die wir trotz ihrer Trägheit immer wieder angewiesen sind…

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