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Wahrheit


An Oster gibt es nicht nur Eier! Sondern den ein oder anderen orginellen Blogbeitrag. Hakan hat ein Osterbeitrag geschrieben mit dem Titel Projekt: Eine koranische Kosmologie

Das dürfte in etwa die gleiche Laufzeit haben wie das CERN Projekt und genauso wichtig. Während ich aufmerksam die Zeilen seines Beitrag gelesen haben, ist mir natürlich sofort ein Fragezeichen aufgegangen. Schön und gut, wer soll das machen? Wer hat soviel Horizont und Wissen? Und was viel wichtiger ist, wer würde mit viel Ausdauer, Weitsicht und wissenschaftlicher Vernunft so ein Projekt leiten? Und das müssen auch mehrere Leute sein. Ich würde es mir so sehr wünschen, ein Jahrhunderprojekt wäre das. Jenseits von naturalistischen Scheuklappen und bwl-Denken müsste dieses Projekt gefördert werden. Egal wie lange es dauert. Hakan hat einen kleinen Stein ins Wasser geworfen, ich hoffe die Wellen kommen weit genug.

In Nachbardisziplinen wurde schon viel Arbeit geleistet. Ein immenser Fundus an Wissen schwirrt um diesen Planet, ohne zu wissen, was wir damit anfangen sollen. Unsere Weltbilder hinken diesen Informationen längst nach, es muss soviel integriert werden, soviele Quellen gesichtet werden, soviele Urteile und Meinungen überarbeitet oder sogar als überholt bewertet werden. Wird das mit dem üblichen Kosten-Nutzen Kalkül überhaupt gehen?

Ich wünschte mir, das Muslime (und nicht nur die), es schaffen solche Fragen langfristig anzugehen. Der organisierte Islam ist leider auch nicht fähig, die kleinsten Projekt zu finanzieren. Von der Fachwelt will ich gar nicht reden, die ersaufen im Stress der Anträge und haben sich wohl von der Forschung verabschiedet. Es bleibt wohl an interessierten und idealistischen Einzelpersonen hängen, die es schaffen könnten ein Netzwert aufzubauen, in dem dezentral Diskussionen einfließen und ein “herrschaftsfreier” Diskurs auflebt.

Den Anfang hat Hakan schon mal gemacht.


Hakan schreibt in seinem Kommentar zu einem meiner Artikel folgendes:

Hayrettin Karaman ist für z. B. ein reformorientierter orthodoxer Moslem, aber kein Reformer, oder gar Modernist. Er steht auf dem Boden des klassischen fiqh, aber lehnt zahlreiche Todesstrafen, über die im klassischen fiqh Konsens herrscht, wiederum mit Argumenten im Rahmen des klassischen fiqh ab (Steinigung, Todesstrafe für Apostaten). Während er für die einen nach wie vor ein Gelehrter des klassischen sunnitischen Islams ist, wird er von anderen geradezu des Modernismus bezichtigt.

Es gibt eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den Begriffen “Reform”, “Reformislam”, “Reformorientiert”, “Reformer”.  Der jeweilige Sprechort und Intention spielt eine große Rolle. Sie werden häufig affirmativ benutzt oder auch im pejorativen Sinn. Es kommt natürlich vor, das diese Labels auch als Selbstbezeichnung dienen. Eine gewisse Beliebigkeit ist nicht zu übersehen in der Verwendung. Besagter Gelehrte in dem Kommentar hat nun wirklich keinen leichten Stand im Angesicht zahlreicher Erwartungen. Wie Hakan schreibt, ist er für einige ein Modernist (was gerne als Schimpfwort benutzt wird) für andere ein orthodoxer engstirniger Gelehrter. Wie und warum interessiert mich in diesem Kontext auch nicht, weil es nicht darum geht. Es geht darum, das jemand stigmatisiert wird. Dabei spielt die “eigentliche” Bedeutung keine Rolle. Ein weiteres Manko dabei ist das Theologisieren gewisser Sachverhalte im inner-islamischen Diskurs, der eine Immunisierung bezweckt in dem Meinungen und Tendenzen in die Aura unhinterfragbarer Quellen wie dem Koran oder der Autorität des Propheten bringt. Ihnen werden höhere Weihen verliehen.

Es kommt sehr oft darauf an, wie jemand “Islam” versteht. Ob normativ oder analystisch-phänomenologisch entscheidet über die Reaktion darauf, wenn Eigenschaften dem Wort “Islam” angehängt werden. Der epistemische Wert solcher Begriffe (und Aussagen) gilt als selbstevident und jegliche Hinterfragung wird im Diskurs nicht als ein weiterer legitimer zu diskutierender Standpunkt sondern als Infragestellen der “Wahrheit” verstanden. Ja ein Skandal, das sowas überhaupt artikuliert wird.

Wie können wir analytische Schärfe in die Betrachtungen reinbringen ohne das emotionalisierter Gemüter über die Vernunft triumphieren? Ohne das wir unsere Meinungen oder der Altforderen hypostasieren? Das alles hinterfragbar ist? Wie können wir Genese und Geltung wieder in Erinnerung rufen? Wir Muslime sind leider Opfer einer Sprachmagie geworden, deren vordergründige Gewissheit in der Regel vorgetäuscht wird aber doch nur unsere Unsicherheit verschleiert und einen sehr tief sitzenden Minderwertigkeitskomplex mit sich führt.

Die Vorwurf der Häresie, des Abfalls und der Provokation sollten eigentlich als Kompliment verstanden werden, als Reinigungsprozess, der den Balast beseitigt. Nur der Schmerz am Anfang und die Krise der angeblichen Sicherheit öffnen uns den Blick in die manchmal auch ernüchternde Welt. Nur wenn wir vom versklavenden Glauben der Unfreiheit und Ignoranz “abfallen” werden wir auf dem Weg zur Wahrheit sein:

“Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.”

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