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Islam


“Was bedeutet „Dschihad“?

Vortrag von Islamwissenschaftler Prof. Dr. Marco Schöller vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“

Der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Marco Schöller warnt den Westen vor falschen Dschihad-Vorstellungen. Der Dschihad sei nicht immer ein brutaler Kampf oder ein „heiliger Krieg des Islam“, auch wenn er in der westlichen Wahrnehmung meist mit gewaltsamen Terroranschlägen verbunden wird. Prof. Schöller sprach einen Tag nach dem Tod von Osama bin Laden zum Thema „Dschihadismus“. Der Vortrag fand am 3. Mai 2011 im Rahmen der Ringvorlesung „Religion und Gewalt – Erfahrungen aus drei Jahrtausenden Monotheismus“ am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ statt.”

Der Beitrag ist hier zu hören.

Copyright: Exzellenzcluster „Religion und Politik“, Universität Münster


Diger Arşivler

Ilahiyat Kürsüleri:

Bilimkonseyi karari (Wissenschaftsrat):

Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen (pdf)

Stellungnahmen der DMG und der DVRW zur Einrichtung des Faches “Islamische Studien”/”Islamische Theologie”

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Die gestrige Sendung (Tag für Tag) im Deutschlandfunk, wo auch ich teilgenommen habe:

Soll es einen Muslimtag in Deutschland geben? 

audio (mp3)

Eine Diskussionsrunde mit Vertretern unterschiedlicher islamischer Positionen
Moderation: Rüdiger Achenbach

Evangelische Kirchentage und Katholikentage haben in Deutschland eine lange Tradition. Sie werden nicht von kirchlichen Amtsträgern organisiert, sondern von den so genannten “Laien”. Regelmäßig kommen Zehntausende zu diesen Großveranstaltungen. Nun machen liberale Muslime den Vorschlag: Wir brauchen einen “Muslimtag”.

Dies könne den Austausch untereinander und mit der Mehrheitsgesellschaft verbessern. Wie soll so ein Muslimtag aussehen? Wer soll ihn finanzieren? Kämen alle muslimischen Strömungen zu Wort?

“Tag für Tag. Aus Religion und Gesellschaft” diskutiert mit Vertretern unterschiedlicher islamischer Positionen.

Rüdiger Achenbach im Gespräch mit:
Nurhan Soykan, Rechtsanwältin und Generalsekretärin des Zentralrates der Muslime
Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Vorsitzende des Liberal-Muslimischen Bundes
Serdar Günes, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamstudien an der Universität Frankfurt am Main
Abdul-Ahmad Rashid, Islamwissenschaftler und Redakteur beim ZDF.

Soll es einen Muslimtag in Deutschland geben? Diskussion auf der DLF-Facebook-Seite 


In einem IZ-Interview mit Prof. Mouhanad Khorchide zur akademisch-islamischen Lehre in Deutschland, äußert  Khorchide unter Anderem folgendes:

Die Frage der Gelatine ist ein gutes Beispiel. In der islamischen Jurisprudenz gibt es das Prinzip von „Istihala“, wenn sich also die Eigenschaften eines Stoffs so verändern, dass er nicht mehr erkennbar ist, dann bekommt dieser Stoff eine andere normative Behandlung. Das ist zum Beispiel bei Schweineteilen der Fall, die zu Gelatine verarbeitet werden, welche oft in Süßigkeiten enthalten sind, da der Anteil an Schweinprodukten nicht mehr die ursprünglichen Eigenschaften hat. Es gibt auch sehr viele entsprechende Fatwas, die Gelatine erlauben. Im Volksglauben ist diese theologisch viel haltbare Meinung aber kaum bekannt.

Da bestimmt nachgefragt wird, besagte Fatwa (pdf) (nur arabisch, Übersetzung folgt bald).


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Gerade eben habe ich den neusten Blogbeitrag von Hakan Turan gelesen, der mir gefallen hat. Es geht dort um die Türkei, aber er hat mich auf etwas gebracht, was schon seit längerem auch hier in Deutschland zu beobachten ist: Identitätsfindung der Muslime in Deutschland. Dabei geht es natürlich nicht nur um Individuen, sondern um Gemeinschaften und Organisationen. Vor einiger Zeit hatte ich die Liberal vs. Konservativ Debatte auf meinem Blog verlinkt und am Ende auch auf eine ähnliche Diskussion in der Türkei verwiesen. Wenn ich jetzt zurückschaue auf diesen hitzigen Schlagabtausch in Facebook und den Medien, der manchmal auch persönlich wurde, so fällt mir auf, das hier zum ersten mal Personen diskutierrn, die nicht (nur) in Verbänden tätig sind. Dort sind keine Reden von Pulten oder Sitzungen zu vernehmen, die wir abends dann im TV anschauen können. Zwar gab es für diese Möglichkeit die Deutsche Islamkonferenz, aber die eigentlichen Diskussionen entzündeten sich gerade zu dieser Konferenz und brachte eine Lawine ins Rollen, die heute noch anhält. Eine Debatte, die sich von den Verbänden deutlich emanzipieren konnte und die Kluft zwischen Verbandsfunktionären und “normalen” Bürgern deutlich werden ließ.

Wie kann ich das verdeutlichen? In einem älteren Beitrag hatte Hakan Turan im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz auf das Obrigkeitsdenken von (türkischen) Jugendlichen hingewiesen. Ein ähnliches Verhalten beobachte ich schon seit langem bei unseren islamischen Verbänden. Während Hakan das Desinteresse gepaart mit Obrigkeitsdenken beklagte, unterscheidet es sich beim organisierten Islam (ich will fair bleiben, bei einigen Verbänden) etwas. Hier spielt nicht so sehr das Desinteresse eine Rolle, sondern der Konformismus und das mangelnde Bewußtsein als Bürger auch Rechte in Anspruch zu nehmen. Ja genau Rechte in Anspurch zu nehmen!

Nicht die Rechte auf Religionsunterricht oder ähnliches. Sondern das Recht und Pflicht eine Meinung zu haben und dafür auch unangenehm aufzufallen und das Abseits in Kauf zu nehmen! Die Pflicht als unabhängige Variabel zu agieren, nicht als abängige. Zu agieren, nicht nur re-agieren. Das ganze Elend ist noch sehr aktuell. Schaut man sich x-beliebige Auseinandersetzungen mit dem Staat an (oder in den Bundesländern), bin ich jedes mal entsetzt mit welcher Inkompetenz diese Leute irgendwelchen Dingen zustimmen und später dann wieder ihre Zweifel haben, weil sie merken, das sie sich wohl ständig über den Tisch ziehen lassen (kritik hier). Jedesmal muss ich den Kopf schütteln über die Anzugträger der Verbände, deren einzige Motivation nur noch darin besteht auf wichtigen Konferenzen zu erscheinen oder mit der hohen Politik sich im gleichen Raum aufzuhalten. Vielleicht ergattert man ein gemeinsames Bild mit dem Innenminister. Sowas steht dann umrahnt im Dienstzimmer sehr gut und so gibt man(n) an bei Gästen.

Es ist ja nicht so, dass die Gegenseite keine Fehler macht und Lippenbekenntnisen Taten folgen lässt, aber sie müssen keine Konsequenzen in Kauf nehmen. Warum auch? Während Ministerien mit Experten bestückt sind, fehlt bei den meisten Verbänden diese Kompetenz. Ich habe sehr oft mein Zweifel, ob es da Leute gibt, die einen Text lesen und verstehen. Natürlich dann auch diskutieren. Überhaupt die Entscheidungskompetenz vorweisen und nicht erst irgendwo hintelefonieren müssen. Ich habe meine Zweifel, ob es da Referenten gibt, die sich mit dem jeweiligen Rechtsbereich auskennen. So kommt es zu vorschnellen Einwilligungen, und späteren Enttäuschungen, weil man plötzlich merkt welchem Schrott man da zugestimmt hat. Und ich bezweifle auch, dass es den Herren wirklich um die Muslime geht. Zuerst geht es um die Interessen der Verbände selbst. Der Koordinationsrat der Muslime ist dafür ein Indiz. Diese Plattform der Verbände hat im Laufe der Zeit nach seiner Gründung mehr oder weniger  gearbeitet und hat meiner Meinung nach keine positive Bilanz aufzuweisen. Nun gut Mustafa Yeneroglu meint es wäre positiv, dass es diese Plattform gibt, wenn man bedenkt, wie lange sich viele Verbände spinnefeind waren. Dem kann ich durchaus zustimmen, aber damit hat es sich schon auch. Man kann auch darüber hinwegsehen, das dieses Gremium nur auf Druck der Politik zustandegekommen ist. Was hat er genützt? Er war mehr Debattierclub und weniger eine starke Organisation, die gemeinsame Sache macht. Noch schlimmer ist die Tragödie, die sich bei deren Sitzungen abspielt und die mangelnde Solidarität untereinander. Da bestimmten Verbände der nötigen Mum fehlte, konnten sie sich bei der zweiten Deutschen Islamkonferenz nicht gegen die Politik durchsetzen und für Prinzipien zu einstehen und so gab man der Versuchung nach die Wärme des Staates weiter in Anspruch zu nehmen. Ich weiß nicht ob das Feigheit, Obrigkeitsdenken oder einfach nur Opportunismus war. Es war erbärmlich. Die KRM brach im Angesicht der zweiten Deutschen Islamkonferenz und der Öffentlichkeit auseinander. Ein Teil blieb draußen, der andere Teil durfte mit dem Innenminister Kaffee auf Kosten des Staates trinken.

Der Schaden war angerichtet. Das ganze Elend setzt sich natürlich fort. Der Staat ruft, die dackeln hin und nicken alles ab. Das war doch ein Signal nach Veränderung und Eigeninitiative! Und er wurde erhört. Muslimische Blogger/Akademiker/Journalisten usw. führten und führen immer noch auf verschiedenen Plattformen (Facebook, Zeitungen, Blogs) die nötigen Gespräche und Debatten. Es gibt da zahlreiche Idee, z. B. die Idee einer Alternativen Islamkonferenz. Mein Kumpel Ahmad Rashid vom ZDF hatte die tolle Idee eines muslimischen Kirchentages, genauso wie bei den Kirchen. An Ideen fehlt es nicht. Wie so oft, braucht es dafür die Basis, Planung und das liebe Geld. Die Basis sind die Muslime, das einfache Volk. Eine sehr schwierige Komponente, weil die Leute mobilisiert werden sollten. Idealeweiße sollten das die Verbände tun. Wenn sie es tun würden, hätte ich diesen Beitrag nicht geschrieben. Wie schon gesagt, es gibt hier schon Diskussionen zwischen Muslimen. Die Planung hängt natürlich mit Kompetenz zusammen und einer realistischen Umsetzung durch viele Leute, sprich Organisationen. Alles das wird ohne Geld nicht möglich sein. Irgendwoher muss es ja kommen. Es hat sich schon bei einigen Protagonisten umgesprochen, das es nur mit dem Bau von Moscheen nicht getan ist. Es müssen Begegenungstätten geschaffen werden, Akademien wie sie die Volkskirchen haben. Die DITIB hat angeblich solche Pläne, ich kann nur hoffen, das es sich etwas ziviles entwickelt, ohne den “staatstragenden” Charakter, der diesem Verein nachgesagt wird (wobei ich da ziemlich pessimistisch bin).

Das Geld für Akademien, Islamkonferenzen oder muslimische “Kirchentage” wäre bestimmt schnell gefunden. Wenn solche revolutionären Ideen dem normalen Muslim vorgestellt würden, dann hätten sie kein Problem damit es zu unterstützen. Trotz aller berechtigten Kritik am Obrigkeitsdenken und Desinteresse, glaub ich, das man sie für orginelle Idee wie diese begeistern kann. Schließlich geht es um sie, sie kommen darin vor! Sie sind Subjekt und Objekt dieser Ideen.

Solche Veränderungen provozieren natürlich auch die Selbstreflexion und die Positionierung gegenüber der Politik oder dem Staat. Diskussionen ob der Islam demokratiekompatibel ist oder nicht, was konservative und liberale Muslime sind und und und,  sind nur die nötigen Justierungen in der zu entwickelnden Software für diese gesellschaftlichen Projekte. Diese Diskussionen sind wohl noch schmerzlicher als die mit dem Staat, da sie das Selbstverständnis in Frage stellen und uns drängen selbst von Außen zu betrachten. Wir hinterfragen Traditionalismus, Modernismus, Fundamentalismus, die Rolle der Frau (und hoffentlich des Mannes), den Koran, die Hadise, den Propheten und ob wir Zinsen nehmen können oder nicht. Ich gebe zu, vieles was da manchmal zu Tage gefördert wird lässt mir die Haare zu Berge stehen. Erschwerend kommt hinzu, das viele dieser inhaltlichen Diskussionen keine “neuen” Debatten sind, sondern welche die in islamischen Herkunftsländern schon seit langem geführt werden. Hier treffen sie nochmal auf veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Hier gibt es Muslime, die ganz anders sozialisiert sind als z. B. in der Türkei oder Ägypten (oder X). Demnach sind auch die Antworten auch anders. Es ist schwer gleichzeitig theologische Debatten der Türkei zu führen und dann das gleiche Problem auf Deutschland zu applizieren. Dort werden Schemata in Fragen gestellt, die für die hiesigen Muslime aber selbstverständlich sind. Ich plädieren für mehr Eigenständigkeit ohne die Probleme und Themen aus den Augen zu verlieren, die andere Muslime in islamischen Ländern bewegen.

Es wäre unfair, wenn ich nur Dampf ablasse. Ist ja nicht so, als gäbs gar nichts Gutes. Im Gegenteil es gibt sehr viel gutes, das leider in den Feuilltons der medialen Hochkultur (!) nicht vorkommt (wahrscheinlich besser so). Da gibt es zahlreiche Initiativen wie z. B. Zahnräder-Netzwerk oder das Zukunftsforum Islam in Brühl, wo ich viele gute Freunde hinzugewonnen habe. Es gibt islamische Medien, die Islamische Zeitung, muslime.tv , Migazin, Horizonte (Zeitschrift für muslimische Debattenkultur) oder das Sendeformat im ZDF “Forum am Freitag” . Und viele, die mir jetzt gerade nicht einfallen, was deren Wert natürlich nicht schmälert. Aber mehr dazu in der Fortsetzung.


Der münsteraner Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat ein bemerkenswertes Buch publiziert, im Anschluß hat er auch einige Interviews geben und Artikel geschrieben, die einiger seiner Thesen etwas verdeutlichen:

Vor dreißig Jahren hat der französische Historiker Maxime Rodinson mit Genugtuung festgestellt, dass „ein kultureller Essentialismus, der die Vorherrschaft der Religion hervorhob […], der davon ausging, es gebe für jede Kultur ein dauerhaftes, ‚reines‘ Modell“, aus der Islamwissenschaft weitgehend verschwunden ist. Doch genau jener Kulturalismus, der davon ausgeht, dass eine Kultur „ihre“ Menschen auf unabänderliche Weise „prägt“ (und vergisst, dass es die Menschen sind, die die Kultur erst machen) hat sich in vielen Medien und in der breiten Öffentlichkeit immer mehr durchgesetzt, jedenfalls dann, wenn vom Islam die Rede ist.

Sicherlich haben die Anschläge vom 11. September 2001 eine zentrale Rolle in dieser Entwicklung gespielt. Aber es ist ebenso richtig, dass die Anschläge eine bereits im Gang befindliche Entwicklung zwar auf unerhörte Weise verstärkt und beschleunigt, sie aber nicht hervorgerufen haben. Laut Human Rights Watch wird der Beginn der Islamfeindlichkeit in den USA auf die 1970er Jahre datiert. Huntingtons „Clash of Civilizations“ ist 1996 erschienen, und auch die meisten der heute aktiven „Islamkritiker“ haben bereits vor 2001 publiziert. Dabei bedienten sie sich genau jener essentialistischen Denkweise, von der sich die Islamwissenschaft erfolgreich gelöst hatte. Doch während man sich als Islamwissenschaftler mit kulturalistischen Ansätzen nur noch blamieren konnte, hatten populäre „Islamexperten“ mit ihnen umso größeren Erfolg. Um den Islam als das ganz und gar Andere hinzustellen, zogen sie sich die abgelegten Kleider an und zeichneten das Bild einer einheitlichen, ganz durch religiöse Normen geprägten islamischen Kultur, die in allem den Gegenpol zum Westen darstellt.

Die wichtigste Strategie, die islamischen Kulturen zu „verfremden“, ist das, was ich in Anlehnung an Aziz Al-Azmeh die „Islamisierung des Islams“ nenne. Voraussetzung hierfür ist die Gleichsetzung von Religion und Kultur „im Islam“. Oft geschieht dies unbeabsichtigt allein deshalb, weil die „islamische Kultur“ die einzige Weltkultur ist, die nach ihrer Religion benannt ist. Die 36 Bände der „Fischer Weltgeschichte“ tragen entweder die Titel von Epochen („Vorgeschichte“), Völkern („Griechen und Perser“) oder geografische Bezeichnungen („Indien“, „Afrika“). Einzige Ausnahme sind die Bände über den „Islam“. Diese Gleichbenennung führt häufig zu dem Fehlschluss, es gebe „im Islam“ tatsächlich keinen Unterschied zwischen Kultur und Religion. Damit ist der Boden für die folgenden „Islamisierungsschritte“ bereitet:

… 

weiter gehts hier.

Beiträge von/zu Thomas Bauer:

Alte Ideale. Es gibt auch die andere Geschichte des Islams. Ein Gespräch mit dem Arabisten Thomas Bauer (Thilo Guschas) – 13.01.2012

Auf der Suche nach Wahrheiten (Annette Schlemm) – 08.01.2012

Vernichtung der Ambiguität als Reaktion auf die Moderne (Annette Schlemm) – 05.01.2012

Ambiguität im Islam (Annette Schlemm) – 04.01.2012

Der westeuropäische „Sonderweg“ (Annette Schlemm) – 03.01.2012

Ambiguitätstoleranz bzw. –intoleranz als kulturtheoretischer Begriff (Annette Schlemm) – 02.01.2012

Die Kultur des Islam (Annette Schlemm) – 30.12.2011

Islam war früher tolerant zu Homosexuellen (Welt) – 17.11.2011

Kulturkampf: Es hat sich hochgeschaukelt (Frankfurter Rundschau) – 02.09.2011

Die Verwestlichung des Islams. Thomas Bauer: “Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams” (DeutschlandRadio Kultur) – 04.07.2011

Kultur der Mehrdeutigkeit. Ein Gespräch mit dem Islamwissenschaftler Thomas Bauer (DRadio Wissen) 20.06.2011

Fallstricke des Kulturalismus. Das westliche Erbe in islamischen Gesellschaften. Thomas Bauer im Gespräch mit Karin Fischer (DeutschlandFunk – Kulturfragen) – 25.04.2011

Musterschüler und Zauberlehrling. Wieviel Westen steckt im modernen Islam? Festvortrag von Prof. Dr. Thomas Bauer, 31. Deutscher Orientalistentag, Marburg 2010 „Spiegelungen, Projektionen, Reflexionen“. (pdf)

Die Legende vom Niedergang. Gespräch mit Prof. Thomas Bauer (DRadio Wissen) – 06.12.2010

Islam-Debate. Musterschüler, Zauberlehrling (Frankfurter Rundschau) – 04.10.2010


Zu Muʿāwiya, dem ersten Kalif der Umayyaden (661-680) gibt es in der islamischen Geschichtsschreibung sehr heftige Diskussionen. Da die islamische Geschichtsschreibung eher eine Hilfswissenschaft des Tafsir ist, gehen die Differenzen nicht aus einer rein fachlichen Debatte hervor, sondern betreffen ganz sensible Bereiche des religiösen Dogmas. Die Stellung der Gefährten des Prophten ist eine sehr besondere im Mainstream der Muslime (und ihrer Gelehrten). Sie genießen fast soviel Immunität wie der Prophet selbst und Kritik an ihnen wird mit Empörung zurückgewiesen. Den Streit dazu hat es von Anfang gegeben und dauert auch noch an.

Was ist so umstritten an dieser Person? Er leitete die erste Dynastie der Umayyaden und ist durch seine politischen Intrigen bekannt, besonders was die Beseitiung seiner Widersacher betrifft. In diesem Kontext ist der blutige Streit mit dem vierten Kalif ʿAlī b. Abī Ṭālib (656-661) sehr berühmt, der damit endet das der Kalif abgesetzt und offiziel die Dynastie der Umayyaden eingeleitet wird.

Der Streit um die Person dauert immer noch an und islamische Gelehrte liefern sich auch heute noch Wortgefechte. Diese Diskussion wird auch von “einfachen” Muslimen aufgegriffen und heftig reflektiert. So auch im WWW. Ich möchte daher nur auf ein paar hinweisen:

Türkisch:


Geert Wilders wurde freigesprochen. Das war abzusehen und ist auch gut so. Die Äußerung von Ansichten sollte nicht verboten werden. Es ist gut zu wissen, wer so denkt. Damit man sich mit ihm im Diskurs auseinandersetzen kann. Die Meinungsfreiheit kommt auch denen zugute, die anders denken als Geert Wilders. Das sollte man nicht vergessen.

Wenn Wilders verurteilt worden wäre, ja dann gäbs einen Aufstand. Wilders könnte sich als Opfer inszenieren. Die inhaltliche Zustimmung zu Wilders Aussagen würde wachsen. Das er freigesprochen wurde, heisst ja nicht, dass das Gericht seine Aussagen gutheißt. Im Urteil wird auch viele kritisch angemerkt. Nein es heisst nur, dass er das sagen darf und sich noch in einem gewissen Rahmen bewegt. Auch zeigt der Freispruch, das es Schwachsinn ist, wenn Islamkritiker jammern, das man den Islam nicht mehr kritisieren darf.

Der Freispurch bedeutet daher nicht, dass die Kritik an ihm unberechtigt wäre. Im Gegenteil, man kann jetzt den ganzen Rahmen der Meinungsfreiheit ausschöpfen, auch gegen Wilders. Dies ist das Gute an diesem Urteil. Wer von seinen Ansichten überzeugt ist und gute Argumente hat, der braucht jetzt nicht jammern, das Wilders freigesprochen wurde. Für so einen Menschen ist es egal ob er verurteilt wird oder nicht. Als jemand der von Wilders nicht viel hält und ihn gerne zu den Saturn-Ringen schießen würde, ist es für mich ein Graus, dass es überhaupt diesen Prozess gab. Es spricht nicht für jemanden, der sich auch noch darüber freut. Es bedeutet nur, das derjenige nicht sicher in seinen Ansichten ist und seine Unsicherheit mit administrativen Maßnahmen (der Staat, Verbote usw.) überspielen möchte..

Ich stimme Thomas Kirchner von der SZ zu wenn er schreibt:

Doch egal wie dieser Prozess nun ausgegangen ist: Er hätte wohl besser gar nicht erst geführt werden sollen, denn er hat Wilders nur eine weitere Bühne geboten für dessen Kreuzzug gegen den Islam.

aber nicht, wenn er schreibt:

Es hätte also durchaus Gründe gegeben, den Mann zu verurteilen. Der Freispruch sendet ein falsches Signal.

Gerichte haben keine Signale zu senden oder je nach politischer Atmosphäre zu urteilen. Geert Wilders sendet die Signale schon selbst. Und überhaupt sollten Gerichtsverfahren oder überhaupt juristische Prozesse nicht ins politische und gesellschaftliche Feld der Diskurse, Debatten und Streitigkeiten vorverlagert werden. So könnte es gut passieren, das unliebsame und nonkonformistische Meinungen verboten werden. Je nachdem wie die Stimmung in der Gesellschaft ist. Daher darf man auch nicht die Zustimmung der Gesellschaft als inhaltliches Kriterium zu einer Meinung oder politischen Idee machen. Die Gesellschaft kann sich schnell in einen Mob verwandeln und sich manipulieren lassen. Es ist gut, wenn die Gesellschaft gegen Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit sensiblisiert ist, aber der Kampf dagegen beginnt dort erst und hört nicht dort auf.

Eine Gesellschaft, die nicht schon von Anfang an davon überzeugt ist, dass Islamfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus etwas schlechtes sind, wird auch nicht durch die “Signale” von Gerichten verändert. Also darauf sollte man nicht viel setzen.

Es hat sich nichts geändert. Nach Wilders ist vor Wilders.

(weiterführend ist der Kommentar von Hakan unbedingt zu empfehlen!)

Alan Posener: Geert Wilders ist ein Antisemit


Sicherlich sind den meisten das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung bekannt. Mittlerweile haben sie auch einen Weblog. Schon seit langer Zeit bringen sie die Zeitschrift Diss-Journal raus, zum Download. Ich möchte auf die letzte Ausgabe verweisen und empfehlen:

Inhalt:

Historische Zeitenwende in der arabischen Welt
Moshe Zuckermann

Diskursiver Notstand
Über „Die Panikmacher“ von Patrick Bahners und die Reaktionen
John Lütten

Die Kritik an Sarrazin:
Berechtigt und dennoch im Kern daneben!
Siegfried Jäger

Die eliminatorische Funktion von Rassismus
Sebastian Friedrich

Antimuslimischer Rassismus in Österreich
Michael Lausberg

„Jetzt erst Recht(e) für Flüchtlingskinder“
Bundesweite Kampagne fordert volle Umsetzung der Kinderrechte
Heiko Kauffmann

Auf ins Ungewisse:
Jenseits von Glauben, Wissen und Wahrheit
Einige Überlegungen zu den wissenschaftlichen Grundlagen der Möglichkeiten von Kri­tik bei der Kritischen Diskursanalyse und überhaupt.
Ein befragender Essay
Siegfried Jäger

Vollständigkeit
Interessierte Anfrage zur Kritischen Diskursanalyse
Lars Allolio-Näcke hat eine „Bestandsaufnahme“ diskursanalytischer Ansätze geschrie­ben und sich dabei über das Konzept der „Vollständigkeit“ ausgelassen, zumindest ein wenig
Siegfried Jäger

Die Kritische Diskursanalyse und die Bilder
Methodologische und methodische Überlegungen zu einer Erweiterung der Werkzeug­kiste
Sebastian Friedrich und Margarete Jäger

Biomacht und Biopolitik
Siegfried Jäger

Sichtbarkeitsregime
Siegfried Jäger

Seid Subjekte!
‚Psychopolitik‘, Profiling und Beratung als Regierungsweisen betrachtet. Sammelrezen­sion
Niels Spilker

„Öffentlichkeit entsteht, wenn der Konsens zusammenbricht“
Silke Wagner über politische Kunst und Repression

Die Soldaten
Die Realität des Kriegs und die Methoden der Wissenschaft
Jobst Paul

Landesregierung und Stifterverband unterstützen verstärkten Dialog zwischen Juden­tum und Öffentlichkeit
Pressemitteilung zum Symposium „Deutsch-jüdische Autoren im 19. Jahrhundert. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft“ am 21.02.2011 in der Alten Synagoge in Essen

Parlamentarismus, Demokratie und Antisemitismus:
Neue Perspektiven zwischen Politikwissenschaft und Jewish Studies
Matthias Falter und Saskia Stachowitsch

Oszillierende Befindlichkeiten
„Antisemit! — Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“
John Lütten

„Autonome Nationalisten“:
Kulturell-ästhetische Modernisierungen des Neonazismus
Regina Wamper

Die WAZ, die Juden und das Christentum
Das Wunder von Essen


Schon seit langer Zeit reift ein neues islamisches Reflektieren ist in der Blogger-Szene (hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier um hier nur einige zu nennen). Und dabei meine ich mit “islamisch” nicht nur ein Attribut unter vielen von Muslimen,  sondern auch von denjenigen, die damit ihre Lebensweise bewußt ausdrücken und sich über Inhalte und Probleme den Kopf zerbrechen. Dem WWW sei Dank, dass Debatten viel direkter und schneller stattfinden. Der direkte Bezug auf islamische Quellen im Netz, ohne die gedruckten Bücher aus den Regalen zu nehmen, wirkt sich in einer veränderten Perspektive auf die Wahrnehmung von jungen Muslimen aus.

Der selbstbewußte Muslim von Heute ist jemand, der seine Religion lebt und meist auch weiß warum. Er kann es begründen, kennt die Referenzen im Koran und Sunna. Er weiß wo, was und von wem gesagt wurde. Er kann zwischen Gelehrtenmeinungen auswählen oder auch sagen, keines dieser Meinungen erschließt sich mir nicht, deshalb entscheide ich selber. Ich idealisiere hier natürlich. Es gibt graduelle Unterschiede zwischen jungen Muslimen und manchmal sogar der Unterschied ums ganze.

Aber worauf ich hinauswill ist eine wichtige Tatsache: Der Vollzug der islamischen Lebensweise war (und ist es meist immernoch) sehr von Nachahmung geprägt. Dass was man wissen muss, wird einem vom Gelehrten des persönlichen Vertrauens gesagt oder ist in irgendwelchen Katechismen nachzulesen. Sich selbst über die Bücher zu beugen und daraus ein Urteil abzuleiten war nie möglich und auch nicht gewollt, in manchen Kreisen sogar verpönt. Das lag neben der niedrigen Alphabetisierungsrate und Bildung sicherlich auch daran, das es in epistemischer Hinsicht eine Hierarchie des Wissens gab. In appelativer Absicht stand an oberster Stelle stand immer der Koran und die Sunna, aber in der Praxis die großen Imame, die erst durch ihren Einsatz das notwendige islamische Wissen relevant machten, sozusagen vorkauten. Also das Wissen erst aus dem “Rohmaterial” destilieren. Es kam keiner darauf hier zu widersprechen. Sowohl die Quellen als auch die Erschließung spielen eine Rolle, ob Wissen notwendig und relevant für die persönliche islamische Lebensführung ist. Klassische Bereiche sind die Speisegebote, das Beten, Fasten und Belange die das Geschlechterverhältnis betreffen. Das ist alles nicht verschwunden. Für viele Muslime ist es immer noch sehr wichtig auch weiterhin darauf zu achten, was ihnen islamische Autoritäten sagen. Mittlerweile gibt es auch bessere Kommunikationsmöglichkeiten. Für viele Fragen des alltäglichen Lebens gibt es Fatwa-Hotlines. So ist es möglich im Fernsehen religiöse Sendungen anzuschauen, auch aktiv daran teilzunehmen in dem man Telefonate zulässt. In gewisserweiße wird die von mir als “traditionelle” islamische Wahrnehmung und Lebensführung auch durch Technologie revolutioniert.

Aber all das meine ich nicht (nicht nur), wenn ich ob geschrieben haben, das heutige junge Muslime ein Selbstbewußtsein dafür entwickelt haben, was für ihre persönliche Lebensführung relevant ist und nicht. Diese Entwicklung weißt Schnittmengen mit den oben gezeigten Veränderungen im “traditionellen” Milieu auf, aber hat auch eine neue Qualität bekommen. Durch die Entwicklung des WWW und Rezeption von “außerislamischen” Quellen gibt es die Fähigkeit des Vergleiches und der Selektion der Mittel und Meinungen. Wenn ich von neuem islamischen Selbstbewußtsein spreche, dann meine ich eben den unmittelbaren Bezug auf islamische Quellen und Diskurse und den souveränen Umgang mit ihnen. Traditionelle Lehrmeinungen und Autoritäten haben sogesehen nur noch einen relativen Platz und sind auch nicht epistemisch höherwertiger als das was der eigene Verstand sagt. Ich würde es als Pragmatismus nennen und sofort auch hinzufügen, das der negative Beiklang dieses Begriffes meiner Meinung nach völlig unberechtigt ist. Es ist eine Strategie sowohl die Umwelt als auch die aus der religiösen Sozialisation kommenden Elemente in Einklang zu bringen. Es ist nicht unbedingt eine Auflehnung gegen das Alte oder Klassische.

Die Umgang dieser Art von Religion oder sagen wir Religiösität hat zahlreiche Ausprägungen unter Muslimen. Solche mit “revolutionärem” Impetus, die politische oder puritanische Perspektiven enthalten. Der politische Part ist meist strikt anti-traditionalistisch, aber nicht unbedingt “freiheitlicher” oder “liberaler” in der Konsequenz. Es kann (aber muss nicht) vorkommen, das hier eine Art von Rigorismus an den Tag gelegt wird, der deutliche autoritäre (oder sogar totalitäre) Züge aufweißt und sehr Intolerant ist. Während die 1000 Jahre alte klassische Richtung durch Vermittlungsebenen des Verstehens und Delegierens von Sanktionen an Institutionen eben “gemäßigter” ist und einen gewissen Realismus an den Tag legt, der die “Toleranz” zur befördert, ist der politische Part weniger theologisch unterfüttert und unbeholfen. Letzeres wird dann durch starke Agitation und radikale Rhetorik übertüncht. Wo lässt sich das sehen? Besonders im politischen Salafismus, der weniger theologisch denn politisch orientiert ist und einen unverholenen Vitalismus an den Tag legt. Der besagte puritanische Part dürfte dem wahhabitischen Salafismus zuzuordnen sein, der seinen Ursprung in Saudi-Arabien hat aber durch erfolgreiche Werbung in der islamischen Welt überall seine Anhänger und Träger hat.

Ich möchte keine Ideengeschichte des Islam nachzeichnen, aber mit diesen Ausführungen möchte ich zeigen, das dank WWW und moderner Kommunkationstechnologie, solche Entwicklungen in der islamischen Welt auch Einfluß auf die Wahrnehmung von Jugendlichen nimmt und ihre Religiösität prägt. Und weiter möchte ich auch nicht behaupten, das das ein zu eins geschiecht. Auch hier wird gerne gefiltert und das angenommen, was in der deutschen (oder europäischen) Gesellschaft möglich ist. Ich möchte das gar nicht bewerten und in Kategorien des Sicherheitspolitik ausdrücken, wie es gerne gemacht wird. Es geht mir ums Verstehen.

Einen gemäßigten Salafismus kann man heute aber in der breiten Masse finden. Was meine ich damit, hat das was mit Wahhabismus und Salafismus zu tun, wie wir ihn in Saudi Arabien kennen? Während man früher noch auf die Altvorderen und Gelehrten verwiesen hat, wenn es um islamrechtliche Belange ging, ist der direkte Bezug zu den Quellen doch eher etwas modernes. Noch heute kann man auf türkischen oder arabischen Webseiten die Klagen traditionell-islamischer Gelehrten lesen, die sich empören, das Muslime heute selbst die Quellen (Koran und Sunna) heranziehen und daraus irgendwelche Urteile für sich ableiten ohne die Autoritäten zu fragen.

Und bevor jetzt sunnitische Muslime (egal ob liberal oder konservativ) aufschreien und sagen, das sie mit Salafismus nichts zu tun haben, erläutere ich was mit (gemäßigtem) Salafismus meine: Denn ich meine genau diese Tendenz, der direkte Bezug auf Koran und Sunna. Und nicht das ideologische oder Dogmatische des Salafismus, wie man es aus Saudi-Arabien kennt. Und überhaupt auch sunnitisch-orthodoxe Muslime können mit so einem ideologischen Salafismus nichts anfangen. Es ist also kein inhaltliches Merkmal sondern ein prozeduales, was ich meine! Ich möchte nochmal darauf hinweisen, dass das keine Kritik ist oder ich das eine als schlecht und das andere als gut beurteile. Das ist nur mein Eindruck.

Es ist natürlich richtig, das in der Erschließung islam-rechtlichen Wissens immer Koran, Sunnaiǧmāʿ (Konsens der Gelehrten) und Qiyās (Analogieschluß) immer in dieser Reihenfolge angegeben ist und der von mir so bezeichnete (gemäßigte) Salafismus genau das auch als Legitimation angibt. Aber es wird übersehen, das die Gelehrten eben in der Praxis nicht diese Reihenfolge vollzogen. Diese Idealtypische Darstellung möchte mehr die epistemische Relevanz von Wissen in einer Hierarchie darstellen als den praktischen Umgang mit ihnen. In diesem Feld nimmt der Koran sogar eher einen sekundären Platz ein, was nicht heißt das er unwichtiger ist, sondern das der Koran durch und in Vermittlung der sogenannten Sunna (und den Hadithen) gedeutet wird.

Erst in der Neuzeit wird diese idealtypische Darstellung als praktische Anleitung benutzt für den Vollzug wie man interpretiert und urteilt. Aber auch hier ist man natürlich nicht konsequent, denn der Verstand gilt als epistemisch relevant. “Unsinnige” Fatwas können noch so durch Gelehrten vertreten und in Quellen abgesichert sein, wenn die Umwelt in der man lebt, schlichtweg im Wege steht, kann es schon sein, das hier dann gesagt wird: “Das hat mit den heutigen Umständen nichts mehr zu tun” . Also kommt hier auch der Faktor Zeitgeist und Umwelt rein.

Eigentlich Faktoren, die immer schon Bestandteil der islamischen Jurisprudenz wahren. Ohne Bezug auf die Praxis kommt man auch dort nicht aus. Schließlich wird im Koran nur sehr wenig von praktischen Belangen geklärt. Aber dieser Umstand wird gerne verpackt und nicht als solcher ausgewiesen. Der Bezug auf die Gesellschaft (Kultur und Naturwissenschaft)  nimmt daher in dieser Hierarchie einen sehr niedrigen Platz ein.

Viele selbstbewußte Muslime gehen damit anders um. Für sie nimmt die “normative Kraft des Faktischen” einen hohen Rang ein. Und das nicht mal sehr bewußt.

Die heutige muslimische Szenen weißt verschiedene Milieus aus. Viele tragen Debatten aus den islamischen Herkunftsländern nach Deutschland und verändern sie um sie gewinnbringend hier zu integrieren. Es wäre sehr naiv von den Muslimen zu fordern gänzlich etwas neues zu entwickeln. Das Wissen und die Information macht vor Landesgrenzen nicht halt. Diskurse und Debatten fließen im WWW über den ganzen Globus und werden dann vor Ort verwertet. Es gibt immer einen Anknüpfungspunkt von dem man ausgeht. Es gibt viele Muslime, die ihr Leben nach Fatwas und Gelehrtenmeinungen von sehr traditionellen Autoritäten ausrichten in dem sie ein paar mal in der Woche im Internet nach ihren Stellungnahmen ausschau halten. Andere wiederrum sind da viel eklektischer und picken sich das aus, was ihrer Meinung nach angemessen ist. Wenige sind theologisch so versiert, das sie direkt an die Quellen herangehen. Hier gibt es dann nochmal den Unterschied, ob man die jeweilige Sprache der Texte kann. Es gibt eine große Bewegung, die sich nur Übersetzungen bedient.

Was sehr interessant ist, das fast alle Bestrebungen Bezug auf islamische Denker nehmen in der Gegenwart. Es ist oft anzutreffen, das Muslime verschiedenster Richtungen Bezug nehmen auf Nasr Hamid Abu Zaid ohne mit ihm komplet einverstanden zu sein. Weiterhin Fazlur Rahman, Muhammad Arkoun, Muhammad Abid Al-Jabiri, Said Nursi, Fethullah Gülen usw. Auch hier gibt es “neues”. Früher hätte man bei Gelehrten bezüglich ihrer Kompetenz nicht differenziert. Ein solcher war entweder völlig fähig oder gar nicht. Zu sagen, das einer im Bereich des Hadith stark ist aber dafür im islamischen Recht eher schwach, dürfte als Anmaßung wahrgenommen worden sein. Es gab hier als gar nichts zu kritisieren. Heute ist das anders. Die hermeneutischen Zugänge von Abu Zaid und Rahmen (die beiden unterscheiden sich durchaus) sind attraktiv für viele Theologen und Muslime. Aber auch nur gewisse Meinungen sind interessant ohne gleich das ganze Konzept zu übernehmen. Viele “rivalisierende” Gruppen können (wenn auch oft ungewollt) einen gemeinsammen Nenner aufweisen. Muslime mit politischer Religiösität schätzen durchaus den großen Reformer Muhammad Abduh, aber das tun auch “liberale” Muslime, ohne zu übersehen, das vieles was Er damals vertreten hat heute vielleicht schon überholt ist.

Und hier wäre vielleicht meiner Meinung nach ein Anknüpfungspunkt sich bewußt zu werden, das man unter Muslimen ist. Es gibt leider die Tendenz dem anderen Unglauben und Verrat an den Kopf zu werfen. Man ist durch den Bezug auf islamische Quelle und promienten Persönlichkeiten (sei es nun traditionelle oder moderen) geeint, egal wie man sich auf sie bezieht und in welchem Maße. Das wäre ein Verständis von Umma, die nicht eine anonyme Manövriermasse darstellt  auf die man sich nur bezieht; es wäre ein demokratisches Verständnis von Interaktion. Das auch eine gewisse Toleranz und Relativismus mit sich bringt, wo man zugesetehen kann, das man die Meinung des anderen so gar nicht akzeptiert ihn aber nicht gleich mit Kufr bezichtigt oder einer falschen Akida (mal abgesehen von der Unmöglichkeit das hier jemand das Definitionsrecht hat).

Es wäre wert darüber nachzudenken.


Hakan hat wieder ein paar richtige gute Texte geschrieben auf seinem Blog:

Bedeutet dschihâd im Koran wirklich nur Krieg? 

Koranische Prinzipien zum Umgang mit Provokationen und Beleidigungen des Islams

Jenseits, Pflicht und Glücksstreben bei Kant und im Koran

Koranische Inspirationen zum Umgang mit Leid und Glück 

und auch schon etwas älter aber sehr aktuell:

Kommen Nichtmuslime in die Hölle? (1) Religionszugehörigkeit als Heilskriterium

Ansonsten empfehle ich dort rumzustöbern.


Nach langer und sorgfältiger Vorbereitungszeit bringen die Studenten unseres Instituts die ZIS – Zeitschrift für islamische Studien heraus. Die erste Ausgabe gibt es auf der Homepage zum Download.

Außerdem hat die Studentische Interessenvertretung (de facto Fachschaft) eine neue Internetpräsenz. Allerlei Infos zu Veranstaltungen, Lehre und Beratung wird es dort zu lesen geben. Als jemand, der vier Jahre in der Fachschaft tätig war, weiß ich, dass es manchmal etwas stressig sein kann. Aber es macht mehr Spaß! Ohne eine gute Einführung durch die Fachschaft hätte ich damals wohl das Studium gleich in den ersten Stunden hingeschmissen. Daher brauch ich nicht zu erwähnen wie hilfreich für Studienanfänger eine Orientierung sein kann.

Sowohl der Zeitschrift als auch der studentischen Interessenvertretung wünsche ich viel Ausdauer und Erfolg!

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